Martin Luther, Europas bester Währungspolitiker?

Kommentar der anderen25. Mai 2012, 19:01
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Warum die Eurokrise vielleicht ganz anders verlaufen wäre, wenn der deutsche Reformator den Maastrichter Vertrag mitverhandelt hätte

Bei all den schmerzlichen Gedankenspielen darüber, was bei der Planung des Euro schiefgelaufen ist, wird der rückwirkend betrachtet entscheidende Faktor durchweg übersehen. Tragischerweise gehörte Martin Luther, der deutsche Reformator, nicht zu den Erlauchten, die im Jahr 1992 den Maastricht-Vertrag aushandelten.

Er wäre aber der wichtigste Teilnehmer gewesen. Denn anstelle der sogenannten Maastricht-Kriterien über Haushaltsdefizite, öffentlichen Schuldenstand und Inflationsrate hätte er den Versammelten eine sehr viel einfachere Daumenformel vorgeschlagen: Protestantische Nationen rein, katholische raus. (Um hier nicht der Wiederbelebung der Religionskriege angeklagt zu werden, der Verfasser dieser Ausführungen ist Katholik.)

Wenn man die Liste der Länder durchgeht, die zumindest vor dem Ausbruch der Finanzkrise auf solide öffentliche Finanzen verweisen konnten, so gehörten hierzu fast alle Länder, die sich im 16. Jahrhundert anschickten, vom Lager des Papstes in das der Reformation überzuwechseln. Dies sind vor allem die skandinavischen Länder, die Holländer, die Schweizer, die Deutschen - und pikanterweise die Briten.

Demgegenüber stehen die Nationen, die entweder auch nach Luther am Ablasshandel als Instrument der Abgabeneintreibung festhielten oder aber der Autorität des Vatikan (bzw. dessen orthodoxen Glaubensbruder in Konstantinopel) die Treue hielten. Beide Institutionen lebten historisch, soweit möglich, immer auf großem Fuße.

So ist es vielleicht kein Wunder, dass die betreffenden Länder noch heutzutage zumeist große Schwierigkeiten mit ihren öffentlichen Finanzen oder aber ihrem Bankwesen haben. Man denke nur an die Italiener, Iren, Portugiesen, Spanier und Griechen.

Mit anderen Worten: Wenig Disziplin in der Privatmoral und der kirchlich verankerte Glaube an das Abbitteleisten ist - stolze fünf Jahrhunderte später - ein solides Indiz für Probleme beim Umgang mit den Regierungsfinanzen. Und wer dabei Magenschmerzen hat, muss sich nur eines fragen: Hätte die Luther'sche Faustregel den Euro nicht sowohl als Währung als auch als Wirtschaftszone stabiler gemacht?

Jede gute Faustregel hat natürlich auch einige Ausnahmetatbestände bzw. Die Notwendigkeit zur Ergänzung. Andernfalls würde man der überlebensnotwendigen Fähigkeit zur Evolution nicht hinreichend Rechnung tragen.

Man denke da etwas an Tschechien und die Slowakei. Hier sind die Rollen von sparsamen Protestanten und vergeuderischen Katholiken genau umgekehrt. Denn es sind die Slowaken, die eher dem Grundsatz der fiskalischen Konsolidierung huldigen, während die Tschechen munter Defizite aufhäufen.

Bedeutsamer aus deutscher Sicht ist Österreich, das die Großspurigkeit des KuK-Haushaltsgebarens zu den Akten gelegt hat. Dabei hat das Ringen mit dem größeren deutschen Nachbarn durchaus seine positiven Seiten gezeigt, inklusive der sinnvollen Innovation, Zweijahreshaushalte zu verabschieden.

Katholisch geprägtes Polen

Nicht wichtiger im gesamteuropäischen Kontext ist das katholisch geprägte Polen. Dieses Nachbarland, ebenfalls in der fiskalischen Einzugssphäre deutscher Haushaltsdisziplin gelegen, hat es nicht nur verstanden, es den Deutschen in dieser Hinsicht nachzumachen, sondern sie in Sachen Wirtschaftswachstum sogar in den Schatten zu stellen.

Das aber heißt nichts anderes, als dass das Prinzip Evolution Fortbestand hat. Länder sind nicht dazu verdammt, denselben Fehler immer von neuem zu wiederholen. Sie können sich bessern, wobei größere geografische Nähe zu den protestantischen Nationen anscheinend sehr förderlich ist.

Und die Franzosen? Bei diesem Land stehen die Dinge aktuell auf der Kippe. Trotz der anhaltenden Betonung des laizistischen, postklerikalen Charakters der Nation ist die Staatsquote in Frankreich sehr hoch. Das gleiche gilt für die Steuern. Und der Schuldenstand, so schimmerte es im Wahlkampf des François Hollande hervor, scheint ebenfalls im Aufwärtstrend.

Wenn die Dinge nicht täuschen, dann wird allerdings auch in Frankreich die Wahlkampfsuppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Die Tatsache, dass der neue Präsident ausgerechnet einen echten Deutschlandexperten zum Premierminister bestimmt hat, könnte sich als positives Zeichen erweisen. Man kann nur hoffen, dass das fiskalische Gen abgerieben hat.

Das Ende des "fiskalischen Katholizismus" in Europa würde nichts anderes bedeuten als eine angesichts der anhaltenden Finanzkrise behutsam geplante Abkehr von der permanenten Verschuldungspolitik. Und ein Ende eines Wirtschaftskonzepts, das wie in Italien und Griechenland der Steuerhinterziehung und der Korruption gerade auch im Wirtschaftsalltag der Bürger Tür und Tor öffnet.

In diesem Sinn sind die Abwesenheit von echten Registrierkassen in Ladengeschäften und des Rechnungsstellens im wirtschaftlichen Alltag das moderne Äquivalent des Ablasshandels. Die mangelnde Privatmoral unterminiert die Staatsmoral.

Unter Mario Monti zeigt jedenfalls nun auch Italien, dass es für ein mediterranes Land durchaus im eigenen Interesse liegt, mit diesen fragwürdigen Finanzpraktiken aufzuhören.

Natürlich darf man die lutheranischen, calvinischen und anderen Parallelen nicht überstrapazieren. Insbesondere geht es hier nicht um das Wiederaufleben der viel weiter reichenden Max Weber'schen Logik der Überlegenheit der protestantischen Wirtschaftsethik. Vielmehr genügt hier schon allein der Zusammenhang zur privaten wie öffentlichen Abneigung gegen das Prassen und das Schuldenmachen.

Evolution in die falsche Richtung

Beides ist eine wichtige Wurzel des Protestantismus, den freilich die Amerikaner - großenteils Protestanten - mit aller Macht und Kraft für ihre Nation aus den Angeln zu heben versuchen. Evolution kann eben auch in die falsche Richtung laufen.

Hier wird letztlich keine These zur echten Kausalität aufgestellt. Es genügt die charmante Tatsache der weitreichenden Koinzidenz von Religionsdominanz und Finanzgebaren, so es denn zur Besserung am eigenen Leib dient. Max Weber hat seine Thesenbogen weit überspannt, unter anderem deshalb, weil er den Zusammenhang zwischen dem von Luther propagierten Bibellesen (auf Deutsch), der Reduzierung des Analphabetentums in protestantischen Landen und der allein damit verbundenen Steigerung der Wirtschaftskraft übersah.

In jedem Fall stellt die These von Martin Luther als dem verkanntesten Währungspolitiker Europas einen nützlichen Appell dahingehend dar, dass manche europäische Nationen ihren Moment der fiskalischen Reformation möglichst dringlich wahrnehmen sollten.  (Stephan Richter, DER STANDARD, 26./27.5.2012)

Autor

Stephan G. Richter ist Präsident des Thinktanks The Globalist Research Center in Washington D.C.

  • Martin Luther (1483-1546): Cuius religio, eius euro? - Anders gefragt: Hätte eine fiskalische Reformation der Eurozone die gemeinsame Währung von vornherein stabiler gemacht?
    foto: epa/montage beigelbeck

    Martin Luther (1483-1546): Cuius religio, eius euro? - Anders gefragt: Hätte eine fiskalische Reformation der Eurozone die gemeinsame Währung von vornherein stabiler gemacht?

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