Bevormundung Mündiger

Kommentar25. Mai 2012, 18:52
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Dass ein Apotheker einen Kunden beim Aspirin-Verkauf nach Vorerkrankungen fragt, dürfte der Ausnahmefall sein

Selbstverständlich: Die Apotheker haben nur das Wohl der Patientinnen und Patienten im Sinn, wenn sie sich gegen die Abgabe rezeptfreier Medikamente in Drogeriemärkten wehren. Und tatsächlich, selbst scheinbar harmlose Schmerzmittel wie Aspirin können gefährliche Auswirkungen haben. Das spräche dagegen, dass man sich aus dem Regal damit eindecken kann.

Nur: Dass seit der Aspirin-Patentierung im Jahr 1899 je ein Apotheker einen Kunden vor dem Verkauf nach Vorerkrankungen oder anderen verschriebenen Medikamenten gefragt hat, dürfte der Lebenserfahrung nach eher der Ausnahmefall sein.

Schon im Jahr 2007 warnte die Apothekerkammer zu dem Thema: "In Amerika zum Beispiel sind rezeptfreie Medikamente im Supermarkt erhältlich, und dort sterben pro Jahr 15.000 Menschen an den Folgen unkontrollierter und unsachgemäßer Einnahme einfacher Schmerzmittel."

Eine kleine Recherche beim staatlichen US-Zentrum für Seuchenbekämpfung ergibt, dass die 15.000 Todesfälle stimmen - allerdings beziehen sie sich dezidiert auf verschreibungspflichtige Medikamente.

Was der entscheidende Punkt ist: Der mündige Patient sollte von seinem Arzt über für ihn relevante Risiken und Nebenwirkungen rezeptfreier Arzneien aufgeklärt werden. Wo er sie kauft, sollte ihm aber selbst überlassen bleiben. Sonst ist es die Bevormundung Mündiger. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)

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