Der Goldene Schuh

Clemens Berger
25. Mai 2012, 18:45
  • Polster, 1989, gegen die DDR: "Auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt."
    foto: reuters

    Polster, 1989, gegen die DDR: "Auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt."

  • Toni Polster: "Ich zu langsam? Ihr keucht schon auf der dritten Stufe im 
Stiegenhaus."
    foto: apa

    Toni Polster: "Ich zu langsam? Ihr keucht schon auf der dritten Stufe im Stiegenhaus."

"Ich habe, von den meisten unbeachtet, Weltgeschichte geschrieben, zum Guten oder zum Schlechten"

Wäre ich nicht so gut gewesen, gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer. Und gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer, wäre vielleicht die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen. Und wäre die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen, wer weiß, wie wir heute lebten.

Aber ich war so gut, ich habe, von den meisten unbeachtet, Weltgeschichte geschrieben, zum Guten oder zum Schlechten, ich kann es nicht sagen, mir fehlt der Vergleich. Mag sein, dass ich als bescheiden gelte, möglich, dass man eine derartige Vorstellung von mir hat, ich bin es nicht im Mindesten, im Gegenteil, ich bin mir der Tragweite meiner Tat bewusst. Wann immer ich ein Stück jener Mauer, wann immer ich eine Dokumentation über ihren Fall sehe, sehe ich mich aus der Kabine traben und höre die Pfiffe und Schmährufe, die Beleidigungen und Gemeinheiten, das Brüllen, Toben und Keifen, als mein Name durch den Lautsprecher schallt, während ich meine Schultern kreisen lasse.

Sie hassten mich, sie verachteten mich, ihnen trieb es die Zornesröte ins Gesicht, wenn ich bloß erwähnt wurde, mein Anblick verzerrte ihre Züge. Ich sehe mich immer noch an meiner Kette mit dem Kreuz knabbern und den Gummi kauen, als hätte er mich angegriffen, spüre immer noch, wie sich während des Abspielens der Bundeshymne alles in mir zusammenzieht und meine Backenknochen mahlen, ich sehe mich immer noch über das Stadiondach hinaus in den Abendhimmel blicken. Lass mich gut sein, sagte ich, bitte, lass mich so gut sein, wie ich bin.

Ich spielte stets den Bescheidenen, um als der einfache Junge von nebenan zu gelten, als einer von ihnen, einer von uns, kein bisschen anders. Ein Mensch ist ein Mensch, sagen die, die sich keinen Deut um andere scheren; ich wollte als ein solcher Mensch durchgehen und gab immer den, den man sympathisch nennen kann. Aber Sympathie ist keine Kategorie, sympathisch sind die Gewinner diverser Castingshows, der schlechte Durchschnitt, der kleinste gemeinsame Nenner, jenes verheerende Mittelmaß, das niemals übers Mittelmaß hinausragen darf - ja nichts Besseres sein, um Himmels willen nichts Außerordentliches leisten und sich dessen vielleicht auch noch bewusst sein, nichts tun, was gerade als unschicklich gilt, das bringt Sympathie. Sympathie ist die wechselseitige Versicherung der Kleingeister.

Ich wollte Tore schießen

Auf dem Platz war ich nie bescheiden, und auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt. Die einen bemühen sich redlich, schuften und rackern, hetzen mit zusammengebissenen Zähnen und zusammengekniffenen Augen über den Rasen, die anderen sehen nur sich, den Blick auf den Boden gerichtet, taub und blind für ihre Mitspieler, Einmannarmeen nach dem selbstausgestellten Marschbefehl. Manche sind dermaßen ehrgeizig, dass es schmerzt, sie in diesem Zustand erleben zu müssen, der Trainer soll sehen, dass sie genau das tun, was er von ihnen verlangt, nach jedem Pass, jeder Grätsche, jedem Einsatz suchen sie seinen Blick, während andere sich kleinmachen, beinahe verschwinden, sich verstecken, wann und wo immer es geht, um sich in den Dienst eines Größeren zu stellen, das einer oder alle sein kann.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 weiter 

Clemens Berger, geb. 1979, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien der Roman "Das Streichelinstitut", und sein Stück "Engel der Armen" wurde am Staatstheater Darmstadt aufgeführt.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 48
1 2

das war wirklich schön zu lesen; interessante perspektive. es ist wichtig zu schwingen – egal auf welchem level.

Sehr schoen - Danke!

Lieblingssatz:

"Wer wollte in einem Staat leben, der nach 90 Minuten Österreich unterliegt?"

;)

super geschichte

aber eines ist natürlich Unsinn:

"über die Linie, mehr als die Hälfte des Ballumfanges"

der Ball muss natürlich mit vollem Umfang über die Linie...

der ball muss mit vollem durchmesser über der linie sein, eine kugel hat gar keinen umfang, sondern eher eine oberfläche.

Alfred Tatar postet im Standard!

und die linie ist eigentlich auch eine fläche...

oder gilt da die hintere linie der weissen fläche?

nein - und ja...

dass eine kugel keinen umfang hat, wäre mir neu...

die regel ist eh so einfach, dass es da keine 2 meinungen geben kann:

"Ein Tor ist gültig erzielt, wenn der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte vollständig überquert, sofern das Team, das den Treffer erzielt hat, zuvor nicht gegen die Spielregeln verstoßen hat."
nachzulesen zb hir: http://www.dfb.de/index.php?id=11103
da gibt es sogar ein schaubild für besonders begriffsstützige...

und ja: natürlich gilt die "hintere linie der weissen fläche" - was denn sonst...?

na dann definiers auch so, damit alle unklarheiten beseitigt sind;)

millionen kicker habens verstanden

nur du scheinbar nicht...

Was waren das für Zeiten....Polster - Nylasi

Lebensgefährlich für jeden Gegner.
Was Toni noch besser konnte als Tore schießen...Gegner an sich binden, den Ball abdecken und halten, und auflegen.

Wenn der Schatten vom Toni auftauchte, wurde es für die gegnerischen Verteidiger finster :-)

war nicht eher a. ogris der aufleger für polster.

Polster hat das erst so richtig in D gelernt

"ein mann, der hinter dir in die drehtüre geht und vor dir wieder rauskommt"

Wie wenig Anlass es gibt

Heute an die Institutionen dieses Landes zu Glauben und wie wichtig wäre für uns heute ein Anton polster

ab 4:30 "eine orthopädische meisterleistung"

Bravo Toni

Polster soll die Austria trainieren

ein wirklich hoch intelligenter Mann.

war der polster nicht damals schon verheiratet? oder wollte er trotzdem eine freundin anrufen?

Wenn Sie mit "damals" den Herbst 1989 meinen, dann nicht. Geheiratet hat er, soweit ich weiß, ein paar Wochen vor der WM 90.

schöne geschichte;)

tonis anfeindungen der fans beruhen zum grossen teil darauf, weil er etwas ganz grossartiges in die wiege gelegt bekommen hat und gleichzeitig so ein extrem fauler hund war.

natürlich haben die fans erwartet, dass er für österreich tore am fliessband schiesst. immerhin war er in den stärksten ligen der welt immer unter den top-scorern. das wäre so, als würde sich mark janko in sevilla mit ronaldo und messi um die torschützenkrone in spanien matchen...ein völlig undenkbarkes szenario...da wird einem erst bewusst, wer toni eigentlich wirklich war und ist.

es wird noch lange dauern, bis wieder jemand in seine fussstapfen treten kann.
seinen ewigen raunzern und nörglern sei's verziehen, für ihr eigenes unvermögen können sie ja nichts...

der polster ist so ein musterbeispiel für die österreichische mentalität. man hat ihn seine ganze karriere lang beschimpft, gerade in den bundesländern war er extrem unbeliebt. erst als er aufgehört hat und plötzlich die mayerlebs, brunmayers und wallners ins team gespült wurden, hat man erkannt was für einen stürmer wir da hatten.

andererseits war es halt das schicksal der 90er generation rund um herzog, polster, feiersinger, pfeffer, schöttel... dass sie sich an 78ern messen lassen mussten. kann mich gut an die unzufriedenheit über das ausscheiden in der vorrunde 98 erinnern und was wäre es heute für ein erfolg mal wieder dort zu sein?

Toni Polster Fußballgott!!! Geniale Geschichte, danke!

Kritisiert hat man ihn immer aber er hat auch immer seine Tore gemacht! Im Gegensatz zu heute wo man so manchen Stürmer wegen seines Talents u. seiner Spielintelligenz in den Himmel lobt, nur netzen tun sie nicht...

Schöne Idee und noch schönere Geschichte...

...die Toni Polster-Sternstunde gegen die DDR werd ich mein ganzes Leben nicht vergessen.

Posting 1 bis 25 von 48
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.