Der Goldene Schuh

"Ich habe, von den meisten unbeachtet, Weltgeschichte geschrieben, zum Guten oder zum Schlechten"

Wäre ich nicht so gut gewesen, gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer. Und gäbe es die Deutsche Demokratische Republik noch immer, wäre vielleicht die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen. Und wäre die Sowjetunion nicht in sich zusammengebrochen, wer weiß, wie wir heute lebten.

Aber ich war so gut, ich habe, von den meisten unbeachtet, Weltgeschichte geschrieben, zum Guten oder zum Schlechten, ich kann es nicht sagen, mir fehlt der Vergleich. Mag sein, dass ich als bescheiden gelte, möglich, dass man eine derartige Vorstellung von mir hat, ich bin es nicht im Mindesten, im Gegenteil, ich bin mir der Tragweite meiner Tat bewusst. Wann immer ich ein Stück jener Mauer, wann immer ich eine Dokumentation über ihren Fall sehe, sehe ich mich aus der Kabine traben und höre die Pfiffe und Schmährufe, die Beleidigungen und Gemeinheiten, das Brüllen, Toben und Keifen, als mein Name durch den Lautsprecher schallt, während ich meine Schultern kreisen lasse.

Sie hassten mich, sie verachteten mich, ihnen trieb es die Zornesröte ins Gesicht, wenn ich bloß erwähnt wurde, mein Anblick verzerrte ihre Züge. Ich sehe mich immer noch an meiner Kette mit dem Kreuz knabbern und den Gummi kauen, als hätte er mich angegriffen, spüre immer noch, wie sich während des Abspielens der Bundeshymne alles in mir zusammenzieht und meine Backenknochen mahlen, ich sehe mich immer noch über das Stadiondach hinaus in den Abendhimmel blicken. Lass mich gut sein, sagte ich, bitte, lass mich so gut sein, wie ich bin.

Ich spielte stets den Bescheidenen, um als der einfache Junge von nebenan zu gelten, als einer von ihnen, einer von uns, kein bisschen anders. Ein Mensch ist ein Mensch, sagen die, die sich keinen Deut um andere scheren; ich wollte als ein solcher Mensch durchgehen und gab immer den, den man sympathisch nennen kann. Aber Sympathie ist keine Kategorie, sympathisch sind die Gewinner diverser Castingshows, der schlechte Durchschnitt, der kleinste gemeinsame Nenner, jenes verheerende Mittelmaß, das niemals übers Mittelmaß hinausragen darf - ja nichts Besseres sein, um Himmels willen nichts Außerordentliches leisten und sich dessen vielleicht auch noch bewusst sein, nichts tun, was gerade als unschicklich gilt, das bringt Sympathie. Sympathie ist die wechselseitige Versicherung der Kleingeister.

Ich wollte Tore schießen

Auf dem Platz war ich nie bescheiden, und auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt. Die einen bemühen sich redlich, schuften und rackern, hetzen mit zusammengebissenen Zähnen und zusammengekniffenen Augen über den Rasen, die anderen sehen nur sich, den Blick auf den Boden gerichtet, taub und blind für ihre Mitspieler, Einmannarmeen nach dem selbstausgestellten Marschbefehl. Manche sind dermaßen ehrgeizig, dass es schmerzt, sie in diesem Zustand erleben zu müssen, der Trainer soll sehen, dass sie genau das tun, was er von ihnen verlangt, nach jedem Pass, jeder Grätsche, jedem Einsatz suchen sie seinen Blick, während andere sich kleinmachen, beinahe verschwinden, sich verstecken, wann und wo immer es geht, um sich in den Dienst eines Größeren zu stellen, das einer oder alle sein kann.

Clemens Berger, geb. 1979, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Zuletzt erschien der Roman "Das Streichelinstitut", und sein Stück "Engel der Armen" wurde am Staatstheater Darmstadt aufgeführt.

  • Polster, 1989, gegen die DDR: "Auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt."
    foto: reuters

    Polster, 1989, gegen die DDR: "Auf dem Platz zeigt sich, wie einer wirklich ist, auf dem Platz wird man zur Kenntlichkeit entstellt."

  • Toni Polster: "Ich zu langsam? Ihr keucht schon auf der dritten Stufe im 
Stiegenhaus."
    foto: apa

    Toni Polster: "Ich zu langsam? Ihr keucht schon auf der dritten Stufe im Stiegenhaus."

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