"Der Mord wird als eine Strafe an der Partnerin gesehen"

Interview25. Mai 2012, 18:48
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Kriminalpsychologin Kastner über Tötungsmotive

STANDARD: Ein Vater holt seinen Sohn aus der Schulstunde, schießt ihm in der Garderobe in der Kopf. Eine Stunde nach der Tat nimmt er sich selber das Leben. Würden Sie jenen tragischen Zwischenfall an einer St. Pöltener Volksschule noch als erweiterten Suizid einstufen?

Kastner: Man muss hier genau differenzieren zwischen einem erweiterten Suizid und einem erweiterten Mord. Der Unterschied ist, dass ein erweiterter Suizid die Selbsttötung aus einer Depression heraus zum primären Ziel hat, und eine andere abhängige Person in die eigene Verzweiflung mit hineingenommen wird. Bei einem erweiterten Mord hingegen geht es primär darum, einen anderen zu töten, weil man sich an ihm rächen will, ihm Leid antun will. Dann bilanziert man, so jetzt habe ich aufgeräumt, nun hat das Ganze für mich auch keinen Sinn mehr und ich bringe mich auch um.

STANDARD: Das Motiv des erweiterten Mordes ist also Rache. Warum hat der Mann nicht seine Frau, die sich von ihm getrennt hat, umgebracht, sondern auf den unschuldigen Sohn geschossen?

Kastner: Nur damit trifft man den geringschätzigen Partner wirklich ins Herz. Es gibt nichts Schlimmeres, als einer Mutter ihr Kind zu töten. Das hört man auch ganz oft explizit von Männern, die den anschließenden Selbstmord überlebten: Ich wollte ihr ein lebenslanges Leid zufügen. Der Mord wird als eine Strafe an der unbotmäßigen Partnerin gesehen, die sich erdreistet, ihn als entbehrlich zu erachten. Wir nennen dies Medea-Syndrom. Laut griechischer Sage tötete Medea ihre Kinder, um sich an Jason zu rächen, der sie verlassen hatte.

STANDARD: Ist so ein Denkmuster nicht krankhaft?

Kastner: Nein, aber Ausdruck einer schweren meist narzisstischen Störung, die sich selbst als einzig Wichtigen nimmt und unempathisch mit anderen umgeht, den anderen nur als Objekt sieht.

STANDARD: Solche Menschen töten nicht aus Verzweiflung, sondern kaltblütig?

Kastner: Ja, kaltblütig, weil die Tat emphatielos geschehen ist. (ker, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)

ADELHEID KASTNER (49) ist seit 2005 Primaria der Forensik an der Landesnervenklinik Linz. Sie war Gerichtsgutachterin im Fall Amstetten.

  • Kriminalpsychologin Kastner erklärt die unterschiedlichen Tatmotive bei erweitertem Suizid und erweitertem Mord.
    foto: gespag

    Kriminalpsychologin Kastner erklärt die unterschiedlichen Tatmotive bei erweitertem Suizid und erweitertem Mord.

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