Ägypter zwischen Muslimbruder und Militär

25. Mai 2012, 17:36
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Der Kandidat der Muslimbruderschaft, Mohamed Morsi, liegt nach ersten Ergebnissen bei der ersten Runde der Präsidentenwahlen vorne, dicht gefolgt vom letzten Premier Hosni Mubaraks, Ahmed Shafik.

Nicht die Wahlkommission, sondern die Muslimbrüder sorgten für die Schlagzeilen nach der ersten Runde der ägyptischen Präsidentschaftswahlen. Dank ihrer gigantischen Organisation waren sie bei der Auszählung im ganzen Land präsent. Lange bevor alle Resultate vorlagen, konnten sie ihren Kandidaten Mohamed Morsi schon zum Sieger ausrufen. Schnell war auch klar, dass eine Stichwahl nötig wird.

Um Rang zwei gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Ahmed Shafik, dem Aushängeschild des alten Regimes, und Hamdeen Sabbahi, dem linken Nasseristen, den niemand so weit vorn auf der Liste gehabt hatte. Er hat all jene angesprochen, die weder Islamisten noch "Ehemalige" wählen wollten und hat zum Beispiel in Alexandria gewonnen. Auf Platz vier liegt Abdel Moneim Abul Futuh, ein moderater Islamist, gefolgt von Amr Moussa, dem ehemaligen Generalsekretär der Arabischen Liga, der allgemein als Favorit gehandelt worden war.

Polarisierende Kandidaten

Nach Angaben der Muslimbrüder, die die stärkste Kraft im Parlament stellen, war Morsi bereits nach Auszählung der Stimmen aus knapp der Hälfte der Wahllokale mit 30,8 Prozent klar in Führung gelegen. Bis Freitagnachmittag waren 90 Prozent der Stimmen ausgezählt, und der Trend hatte sich etwas verflacht, aber doch bestätigt.

Nach diesen Resultaten würden die Ägypter und Ägypterinnen am 16. und 17. Juni zwischen Morsi und Shafik, den beiden am meisten polarisierenden Kandidaten, zu wählen haben; das heißt auch zwischen den beiden aktuellen Machtpolen, den Muslimbrüdern und dem Militär. Die Wahlbeteiligung lag mit rund 40 Prozent unerwartet tief, sowohl beim Verfassungsreferendum als auch bei den Parlamentswahlen gingen mehr Leute an die Urnen.

Grautöne liegen den Ägyptern nicht, sie ziehen die Extreme vor, hatte ein junger Revolutionsaktivist schon vor dem Wahlgang vorausgesagt. Das Ergebnis gibt ihm recht. Sowohl aus dem Lager der Islamisten als aus jenem der "Ehemaligen" erhielt jeweils der extremere den Vorzug. Morsi, vom konservativen Flügel der Muslimbrüder, stach Abul Futuh aus, Shafik ließ Moussa deutlich hinter sich.

Der Kandidat der Kopten

Shafik, der letzte Regierungschef unter Mubarak und Teil des Militärapparats, verspricht Recht und Ordnung und wieder Sicherheit auf Ägyptens Straßen. Große Teile der christlich-koptischen Minderheit haben für ihn gestimmt. Das belegen die Resultate aus Oberägypten, wo die Kopten ihre Zentren haben. Gegen Shafik laufen mehrere Gerichtsverfahren, wegen Korruption und Amtsmissbrauch in seiner Zeit als Minister für Luftfahrt. Diese Ausgangslage verspricht eine dramatische Stichwahl, bei der die liberalen Kreise wohl zu Hause bleiben werden. Beide Seiten haben bereits scharf attackiert. Die Muslimbrüder erklärten, sie würden den Sieg eines Ehemaligen nicht akzeptieren. Das Shafik-Lager hat gewarnt, im Falle eines Sieges der Muslimbrüder würde Ägypten ein zweiter Iran.

Die ersten freien Präsidentschaftswahlen nach dem Sturz Mubaraks waren bedeutend sauberer als frühere Urnengänge, auch wenn alte schlechte Gewohnheiten nicht ganz ausgemerzt werden konnten. Shafik erhielt sehr viel Raum in den staatlichen Medien, und die Jugendorganisation "6. April" berichtete, dass auch diesmal wieder Stimmen gekauft wurden und das Propagandaverbot nicht überall eingehalten worden ist. Auch die Ausgaben der Spitzenkandidaten haben mit Sicherheit die Obergrenze von zehn Millionen ägyptischen Pfund (rund 1,3 Millionen Euro) überschritten.

Die Muslimbruderschaft hatte ursprünglich gar keinen Kandidaten aufstellen wollen, aber dann doch ihre Nummer zwei, Khairat al-Shater, ins Rennen geschickt. Als sich abzeichnete, dass dieser wegen seiner Haftstrafe bis März gesperrt werden würde, stellte sie Morsi auf. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 26.5.2012)

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    Auf der Wahlliste standen 13 Kandidaten, zwei davon waren jedoch noch vor den Wahlen ausgestiegen. Der eigentliche Favorit, Amr Moussa, dürfte nur auf Platz fünf liegen.

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