Die lange Form in aller Kürze

    25. Mai 2012, 17:17
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    Die Band OFF! erinnert an die hohe Zeit des US-Punk, als dieser noch keine Karriereoption im Musikgeschäft war, sondern laute Kunst als psychohygienisches Entlastungsgerinne

    Wien - Zorn schreibt keine 800 Seiten dicken Bücher und selten Balladen. Zorn tritt die Tür ein, schmeißt den Stein, brüllt ins Gesicht. Als Emotion von ephemerer Dauer verlangt er sofort nach einem Ventil. In der Musik bot Punkrock die optimale Form für so ein plötzlich notwendig werdendes Entlastungsgerinne. Rein in den Song, gebrüllt, die Gitarre und das Schlagzeug ruiniert, fertig.

    In den späten 1970er-Jahren konzentrierte und entlud sich so allerlei Wut in einschlägige Musik. Aus dem Punkrock entwickelte sich der Hardcore, machte alles noch wilder und atemloser. Diese so einfache wie überzeugende Kunst wurde natürlich bald von der Virtuosität und ihren elenden Jüngern verwässert. Heute schreiben Modepunkbands wie Green Day Konzeptalben für nihilistische Teenager aus der Oberschicht, die sich millionenfach verkaufen. Man merkt, wie so oft im Leben ist da irgendetwas schiefgelaufen. Nicht jede Weiterentwicklung ist gut.

    Die kalifornische Band OFF! geht nun erstmals im langen Format auf Zeitreise zurück an die Anfänge des Hardcore und veröffentlicht ihr titelloses Debütalbum. Wobei der Begriff Album im Falle von OFF! großzügig gedeutet ist, denn das Quartett benötigt für 16 Songs knapp genauso viele Minuten. Aus die Maus, off! Nach einer Viertelstunde ist alles gesagt, alles herausgebrüllt und aus den Instrumenten geprügelt. Kein Sättigungsgefühl, bloß die wohltuende Leere der Katharsis ist spürbar.

    Das erinnert an die britischen Napalm Death, deren frühe Metal-Stücke oft nicht mehr als Eruptionen samt Kollaps in wenigen Sekunden waren. Doch OFF! um Sänger Keith Morris bringt in dieser kurzen Zeit tatsächlich einen hörbaren Satz heißer Ohren rüber, der Mann weiß, was sich gehört.

    Denn Morris war Gründungsmitglied und erster Sänger von Black Flag, den Hausheiligen des US-Hardcore der frühen 1980er-Jahre, und später Chef der Circle Jerks. Beide Bands zählen wegen ihrer Alben sowie Zeitdokumenten wie die Filmdoku The Decline of the Western Civilisation (1981) von Penelope Spheeris zu den Unberührbaren des Fachs.

    Der personelle Rest dieser Rabiatperle besteht ebenfalls aus einschlägigen Wiederholungstätern; kommt von Bands wie Redd Kross oder Rocket from the Crypt. 2010 erschien das Single-Boxset First Four EPs, nun eben das erste Album. Beide Veröffentlichungen weisen bereits in ihrer Aufmachung in die Vergangenheit: Die Cover zieren Arbeiten von Raymond Pettibon, der Haus- und Hofzeichner von Black Flag und ihrem Label SST war.

    Berühmte Fans

    Doch so alt hier alles angelegt ist, OFF! klingen erstaunlich frisch. Das bemerkt auch eine weltweit rasch wachsende Fangemeinde, zu der befreundete Bands wie die Red Hot Chili Peppers zählen, deren Sänger, Anthony Kiedis, auf der letzten Welttournee seiner Band jeden Abend brav seine OFF!-Baseballmütze zur Schau trug.

    Während die Welt heute von austauschbaren Indie-Bands überschwemmt wird, die alle dieselben drei anderen Indie-Bands kopieren, klingt OFF! wie dem Jungbrunnen entstiegen. Keith Morris ist mit seinen 56 Jahren hungriger und wilder als Legionen von Kunstleidern aus den Edelboutiquen von Williamsburg in New York. Mit dem einfachen Rezept "weniger ist mehr" sorgen OFF! für eine Überraschung, die nicht einmal ein Mayakalender für 2012 kommen hat sehen. In aller gebotenen Kürze: ein Meisterwerk. (Karl Fluch, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)

    • Rein in den Song und schnell wieder raus. Die US-Band OFF! veröffentlicht 
ihr titelloses Debütalbum in Sinne der schnörkellosen Ökonomie eines gerechten 
Zorns.
      foto: aaron farley

      Rein in den Song und schnell wieder raus. Die US-Band OFF! veröffentlicht ihr titelloses Debütalbum in Sinne der schnörkellosen Ökonomie eines gerechten Zorns.

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