Ganeshs Reise in den teutonischen Wald

25. Mai 2012, 19:14
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Das australische Back to Back Theatre widmet sich in "Ganesh versus The Third Reich" der Frage nach Machtverhältnissen und lebenswertem Leben

Europa-Premiere bei den Festwochen.

Wien - Das Ensemble des 1987 gegründeten, australischen Back to Back Theatres mit seinen aktuell sechs festen Mitgliedern besteht aus Menschen mit geistiger Behinderung. Das macht sie im krankhaften Perfektionismus des neoliberalen Mainstreams zu Außenseitern - und zu einer Bereicherung. Ihre Sicht auf die Welt ist eine subversive und heilsam andere. Wenn sie also nun den indischen Gott Ganesh zur Bühnenfigur machen, sieht er nicht wie ein Bollywood-Adonis aus. Sondern der Gott hat eine Wampe.

Für das Stück Ganesh versus The Third Reich von Theater-Leiter Bruce Gladwin, das am Donnerstag bei den Wiener Festwochen Europa-Premiere hatte, ist subversiv ein Hilfsausdruck. Der reichlich krude Plot: Ganesh, seines Zeichens indischer Gott, reist nach Berlin, um von Hitler, seines Zeichens "der Führer", die Swastika zurückzufordern - jenes Symbol, das die Nazis für ihr Hakenkreuz missbraucht haben.

In den einzelnen Szenen gewinnt der elefantenköpfige Gott nicht nur einen Juden (Simon Laherty) zum Freund und Wegbegleiter, er trifft auch - ausgerechnet - den "Todesengel von Auschwitz", Josef Mengele. Dazwischen sieht das Publikum, was hinter den Kulissen passiert, quasi das Making-of dieses Roadmovie. Da ist der selbstgefällige Autor (Ganesh-Darsteller Brian Tilley), der sich erst übertrieben anbiedernde; dann in Kinski-Manier auszuckende Regisseur (David Woods); Schauspieler, die mit ihren Rollen schachern ("Spiel du den Hitler; ist doch eine gute Rolle!") - und manchmal einfach keinen Bock mehr haben: "Ich wünschte, das Stück wäre nicht ein Haufen Scheiße!"

Dramaturgisch zumindest ist es ein großer Wurf. Mit minimalem Aufwand wird in der Halle G des Museumsquartiers nicht nur eine fast intime Atmosphäre erzeugt, sondern auch das Grauen Nazideutschlands mit all seinen Jägern und Gejagten spürbar: Der vernebelte Wald, durch den der flüchtige Jude streift, ist dargestellt durch mehrere Lagen transparenter Vorhänge mit scherenschnittartigen schwarzen Baumskeletten. Enorme Wucht entwickelt eine scheinbar ruhige Szene: Ganesh und der Jude sitzen in einem Zugabteil, das ebenfalls als schwarzer Schnitt auf einen transparenten Vorhang gedruckt ist. Hinter ihnen zieht auf Videoleinwand ein Bergpanorama vorbei. Ein Strumpfverteter will Ganeshs Begleiter "extragroße Strumpfhosen" andrehen und fragt leutselig nach seinen weiblichen Verwandten - nicht wissend, dass diese in Auschwitz ums Leben kamen.

Sektion der Gesellschaft

Große, berührende Momente wie diesen gibt es zuhauf. Auch gelingt dem Ensemble mühelos ein unverkrampfter Umgang mit der durchaus verfänglichen Materie, mit der eigenen Behinderung ebenso wie mit der Frage nach lebenswertem Leben, die die Figur des Dr. Mengele aufwirft. Ihr britisch-trockener, selbstironischer Humor provoziert immer wieder laute Lacher.

Am Ende fragt sich dennoch, welche Erkenntnis dieser Abend bringen soll. Das Thema ist Macht: die der Symbole ebenso wie jene der Hierarchien oder der Mehrheitsgesellschaft. Klarsichtig wird menschliches Verhalten in der Gruppe dargestellt. Über eine kluge Sektion der Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens aber kommt der Abend nicht hinaus. Es ist am Ende wie mit Ganeshs Plan, die Swastika zurückzuholen. Die Idee ist gut. Aber was kommt danach? (Andrea Heinz, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)

Bis 27. 5., Halle G

  • Gott in geheimer Mission: die indische Gottheit Ganesh (Brian Tilley).
    foto: nurith wagner-strauss

    Gott in geheimer Mission: die indische Gottheit Ganesh (Brian Tilley).

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