Weibliches Prekariat im Fin de Siècle

  • Im Bordell "L'Apollonide": ein "geschlossenes Haus", das die Ökonomie der 
Außenwelt nicht länger ausschließen kann.
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    Im Bordell "L'Apollonide": ein "geschlossenes Haus", das die Ökonomie der Außenwelt nicht länger ausschließen kann.

Bertrand Bonellos "Haus der Sünde" ist - entgegen dem deutschen Verleihtitel - kein spekulatives Prostitutionsdrama

Er führt anno 1899 in einen Raum der Autonomie, für den die Frauen einen hohen Preis zu zahlen haben.

Wien - Nur betuchte Herren haben Zutritt zu dem Haus mit dem Namen "L' Apollonide". Sie suchen hier, in Paris anno 1899, die Gesellschaft von jungen Frauen, die ihrerseits dieses Haus selten verlassen, denn alles in ihrem Leben dreht sich um die Stunden, wenn im Apollonide eine Atmosphäre wie in einem Salon herrscht. Einem Salon allerdings, in dem es auf all das nicht ankommt, was anderswo die Atmosphäre vergiftet: gesellschaftlicher Ehrgeiz, Prätention von Geist, Politik.

Im Haus der Sünde, wie der Verleih deutlich zu plakativ und gegen die Intention des Regisseurs Bertrand Bonello dessen neuen Film L' Apollonide. Souvenirs de la maison close betitelt hat, geht es gerade nicht um Verstöße gegen Moral und Anstand. Es geht um einen Raum der Autonomie, für den die Mädchen allerdings einen hohen Preis zu zahlen haben.

Hinter den Kulissen

Von dieser Spannung erzählt Bonello vor allem, und er tut dies, indem er einen Blick hinter die Kulissen wirft. Er zeigt die Innenwelt dieses weiblich bestimmten Reichs der Sinnlichkeit. Die Männer kommen nur episodisch zur Geltung. Die Autonomie, um die sich vor allem die als Unternehmerin dem Haus vorstehende Madame Marie-France (Noémie Lvovsky) bemüht, steht unter dem Druck jener Geschäfte in der Außenwelt, von denen hier beiläufig auch die Rede ist und die dazu führen, dass die Miete für das Apollonide möglicherweise bald nicht mehr bezahlbar ist. Unter diesem Vorbehalt steht die Erzählung, die damit nicht erst aus unserer fernen Zukunft als Erinnerung ausgewiesen ist, als Einblick in etwas, was sich gerade überlebt.

Eine Reihe von Frauen lässt Bonello aus dem Ensemble hervortreten und prägnantere Gestalt annehmen. Die aus Algerien stammende Samira verweist nicht zuletzt auf die orientalisierenden Fantasien, die mit der Prostitu-tion im 19. Jahrhundert häufig einhergingen; für die 16-jährige Pauline ist der Weg ins Bordell die einzige Möglichkeit, eine eigenständige Existenz zu gewinnen, die sie allerdings sofort wieder verliert, weil das Haus eine interne Ökonomie hat, die auf Schulden bei der Madame beruht. Die Mädchen verkaufen sich an die Männer und an ihre Arbeitgeberin.

Die wichtigste Figur ist Madeleine (Alice Barnole), die "Frau, die lacht" . Diese Bezeichnung bezieht sich auf eine Entstellung, die ihr ein Mann zugefügt hat und die als fast zu konkretes Symbol für die Arbeit der Mädchen gelten mag. Die gute Miene, die sie zum Spiel machen müssen, wird im Gesicht von Madeleine zur Fratze, aber gerade die Entstellung wird zu einem zusätzlichen erotischen Reiz.

Die Ambivalenz, die dieser Figur eignet, vermag Bonello nicht über den ganzen Film hinweg durchzuhalten. Aber es gelingt ihm doch zumeist, für dieses heikle Sujet die richtigen Formen zu finden, in einer Darstellung, die eben nicht den sexuellen Verkehr im engeren Sinn in den Mittelpunkt rückt, sondern den im Apollonide stark ritualisierten gesellschaftlichen Verkehr, der diesen umgibt. Wie in Le pornographe von 2001, in dem es um einen Blick auf den pornografischen Blick ging, will Bonello hier auf eine historische Ausprägung von Sexualität hinaus.

Die vielen Frauen, denen man beim Umkleiden, bei der Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten, beim Tratsch und bei Trostspendungen zusehen kann, stehen für eine prekäre Lebensform, in der sich die "natürlichen" Geschlechterverhältnisse manifestieren, gegen die Bonello in fast all seinen Filmen aufbegehrt hat. Vor diesem Hintergrund ist nun auch Haus der Sünde zu sehen, ein nur bei sehr oberflächlichem Hinsehen plüschiges Drama nicht so sehr der Dekadenz, sondern der Dependenz. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012) 

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na hoffentlich

hat die Alice Schwarzer nicht in die Lehne vom Kinostuhl vor ihr gebissen, als sie den Film sah 8-(

lesen sie mal ihre biographie, sie werden staunen. schwarzer hat mehr scharfsinn in der fingerspitze ihres kleinen fingers als sämtliche schwarzer-verächter zusammen.

Bis ungefähr 1995.

Seitdem ist anscheinend nur noch ein Klon von ihr unterwegs, der häufig nahezu die gleichen verqueren Ansichten wie die CSU vertritt und seit einigen Jahren auch noch für das Hetzblatt BILD schreibt.

ja und? immer dieses lagerdenken. das ist kalter krieg- oder ständestaatphilosophie, die welt in schwarz-weiß und gut und böse.
sich nur ja keinen milimeter von irgendeiner linie wegbewegen. auch schwarzer wurde wie sie wissen von den sozialisten bekämpft um 1975, weil die ihr anliegen als zweitrangig angesehen haben.

dieses denken wird uns auch bei der bildungsreform nicht weiterbringen.

Schwarzer

war wichtig und hat Bedeutendes geleistet.
Sie war eine toughe, gewitzte, engagierte Kämpferin.
Der "Scharfsinn", der aus Ihren Texten und Büchern spricht, hält sich sich jedoch sehr in Grenzen.

lol!

und diese leistungen wären? 'waunst net brav bist, kumt die schwarzer' oder so?

Tja, die deutschen Verleihtitel.

Schon kurios, was dieses Volk von Goethe, Schiller und Konsorten da so leistet. Allein was diese unsäglichen Kreaturen in den deutschen Synchronisations-Anstalten dem Louis de Funes angetan haben! Unverzeihlich. Fast.

hest, die betteln schon wieder um zitronen!°

die Frau, die lacht - also dass durch eine Entstellung im Gesicht eine lachende Fratze entsteht... das gibt es schon in der frz. Literatur, allerdings bei Kindern.

Kann mir jemand sagen, wie dieser Roman heisst? Ich würde ihn gerne lesen. Habe leider vergessen, wer ihn geschrieben hat. Danke!

Mir ist nur ein Mann bekannt, der lacht, weil sein Mund entstellt wurde: "L'homme qui rit" von Victor Hugo (ist um 1970 auch als mehrteiliger Film im französ. TV gelaufen).

Danke!!!! Das ist es, glaube ich!

Denke ich auch; ich weiß nicht, ob es ihn auf Deutsch gibt, ich wollte ihn einmal lesen, hab es aber nie geschafft (dafür "Les Misérables" - ein Meisterwerk Hugos).

http://findmybook.de/

Die dt. Uebersetzung (Minerva Verlag Saarbruecken) ist in der Tat schwierig aufzutreiben. Es gibt allerdings Exemplare!

YW

Zum "Probelesen" auf frz. gibt es ein free eBook auf www.gutenberg.org.

"L'homme qui rit" von Victor Hugo. Auf dt. "Der Mann der lacht". Recht eigentlich auch die Vorlage für den Joker in Batman! Und eine schöne Verfilmung obendrein: "The man who laughs" (1928) mit C. Veidt.

http://www.imdb.com/title/tt0019130/

YW

Vielen Dank für die Infos!

La vache qui rit?

hollande, ein "nadelstreifsozialist" der durch umverteilungsversprechen an die bildungsferne schicht an die macht gekommen ist - populismus pur!

rotrekord

liebe expertin!

ich schlage sie hier was rot anbelangt in diesem forum. sie sind vielleicht nicht meiner meinung, aber ich kann ihrer etwas abgewinnen.

gute nacht!

Bildungsferne Schicht.

Daß ich nicht lache. Natürlich sind die Besitzenden Schuld daran, daß diese Leute bildungsfern sind, gell.

Die selbsternannte Expertin möge bitte bei der KRONE ihre Aufwartung machen und uns hier verschonen.

Dependenz

'sich die "natürlichen" Geschlechterverhältnisse manifestieren...' Wäre schon interessant, was unter 'natürlich' gemeint ist, so nebenbei gefragt, ganz natürlich... Wieder so ein Studierter, der Autor, der das ausdrücken will, wofür die meisten keine verbale Sprache brauchen: Erotik und Sexualität, Verführung und Gewalt.

Sie irren sich mit Ihren Ausdrücken. Es ist gemeint, dass die Frauen in einem Umfeld gezeigt werden, als sei es das "Natürlichste" von der Welt, so zu leben. Was man ja zur vorigen Jahrh.Wende und drum herum als selbstverständlich empfunden.

Das lässt sich leider

bei einem Artikel nicht vermeiden, dass man etwas in Worte fasst.

Brauchen schon, benutzen nicht.

und eine eigenwillige, zweischneidige form der befreiung der frau im damaligen gesellschaftlichen kontext?

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