"Der Ball ist das schwierigste Gerät"

Interview25. Mai 2012, 16:50
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Vor ÖFB-Teamchef Marcel Koller stehen zwei Länderspiele - Er will der Mannschaft Identität und das Einmaleins des Fußballs vermitteln

STANDARD: Gibt es die perfekte Fußballmannschaft? Falls ja, wie weit ist das österreichische Nationalteam davon entfernt? 

Marcel Koller: Das ist Ansichtssache, hängt vom Blickwinkel ab. Wer entscheidet das? Der Zuschauer? Der Journalist? Der Trainer? 

STANDARD: In Ihrem Fall entscheidet das natürlich der Trainer. 

Koller: Es gibt Spiele, da hast du davor eine Idee im Kopf, du hast sie der Mannschaft im Training vermittelt. Setzt sie dann die Vorgaben im Match eins zu eins um, geht alles auf, kommt das einer Perfektion ziemlich nahe. Das absolut Perfekte gibt es aber nicht, denn Fußball ist auch ein Fehlerspiel. Barcelona ist natürlich großartig, was den Ballbesitz, die Sicherheit, das Spiel nach vorne betrifft. Aber Chelsea konnte dagegen arbeiten. Wäre Barcelona perfekt, wären die Spanier Champions-League-Sieger geworden. Aber Stangenschüsse und vergebene Elfmeter sind nicht planbar. 

STANDARD: Perfektion bedeutet für den spanischen oder deutschen Teamchef wohl etwas anderes als für den österreichischen. 

Koller: Ja, aber auch das ist Interpretationssache. Du lebst als Teamchef von der individuellen Qualität. Du hast nicht die große Möglichkeit, Leute zu formen. Ich übernehme sie vom Klub und versuche zusätzlich, innerhalb kurzer Zeit meine Ansichten zu vermitteln. Die Zeit, die man eigentlich benötigt, hat man nicht. 

STANDARD: Macht es eigentlich Sinn, die Spiele der tipp3-Bundesliga zu verfolgen? Sie rekrutieren das Personal ja zum großen Teil aus dem Ausland. Andererseits nehmen Sie gleich ein Dutzend Spieler aus der heimischen Liga mit ins Trainingslager nach Seefeld. Ist das ein Zeichen, dass man es auch im Inland schaffen kann? 

Koller: Absolut. Die meisten Legionäre kommen ursprünglich aus der österreichischen Liga. Es ist meine Pflicht, die Meisterschaft zu verfolgen. Wir brauchen die jungen Leute, wir müssen sie auf einer anderen Ebene anschauen und austesten. 

STANDARD: Es wurde das bescheidene Niveau der Meisterschaft bejammert. Hat das mit dem Hang des Österreichers zur Raunzerei zu tun, oder war sie tatsächlich mies? 

Koller: Wenn ich unterwegs bin, sagen die Leute, ach Teamchef, Sie tun mir ja so leid, dass Sie sich das antun müssen. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Spiel in einem vollen, modernen Stadion in Deutschland oder in einem leeren, renovierungsbedürftigen in Österreich stattfindet. Man darf das nicht vergleichen, weil man es nicht vergleichen kann. Die guten Spieler gehen weg, ausländische Vereine kaufen 15-Jährige. Auch weil die Preise am österreichischen Markt im Vergleich zu anderen noch relativ niedrig sind. Wenn Bayern München ruft, geht man hin. Trotzdem gibt es keine Alternative zur Jugendförderung. Es wird schwierig, das Niveau dauerhaft anzuheben. Es geht darum, wie viel Geld man zur Verfügung hat, was ein Spieler kosten darf. Und da sind andere Länder im Vorteil. Auffallend war, dass wenige Tore gefallen sind. Aber nur Tore bringen Siege. Keine Tore reichen maximal zu einem Remis. 

STANDARD: Trotzdem wächst der Druck aufs Nationalteam. Von einer goldenen oder zumindest silbernen Generation ist die Rede. Kicker wie David Alaba, Martin Harnik oder Christian Fuchs überzeugen tatsächlich bei ihren Klubs. 

Koller: Man muss vorsichtig bleiben. Harnik und Fuchs fallen verletzt aus. Es ist nicht so, dass 30 Legionäre Schlange stehen. Elf gute Spieler ergeben nicht automatisch eine gute Mannschaft. 

STANDARD: Sie wollen der Mannschaft eine Identität geben. Wie schaut die aus? 

Koller: Es geht darum, Grundprinzipien, das Einmaleins zu vermitteln. Wie hat man zu verteidigen? Wie schauen Offensivwege aus? Was tun wir im Ballbesitz? Der Ball ist das schwierigste Gerät. Bist du mit ihm per du, ist alles einfacher. Wer mit ihm per Sie ist, hat ein Problem. 

STANDARD: Das ist noch keine Antwort. Identität bedeutet Wiedererkennungswert. 

Koller: Man soll von außen sehen, wie das Team verschiebt, wie es organisiert ist, ob es doppelt. Wie es umschaltet. Die Individualität kommt auch dazu. Wenn einer seine Stärke im Dribbling hat, muss er nicht gleich abspielen. Die Mannschaft soll extrem flexibel sein. Und der Trainer muss ihr jederzeit Lösungen anbieten. 

STANDARD: Wo sehen Sie die größten Baustellen?

Koller: In der Defensive müssen wir viel konsequenter sein, das ganze Team, nicht nur die Verteidigung. Attackieren wir den Ball, kommen wir einen Schritt weiter. 

STANDARD: Es ist ein Hype um Bayern-Legionär David Alaba ausgebrochen. Kann das für einen 19-Jährigen zu viel werden? Was halten Sie von Alaba? 

Koller: Alaba ist ein hervorragender Fußballer und ein hervorragender Mensch. Kommt er auf dich zu, vermittelt er Freude und Offenheit. Er ist bodenständig geblieben. Er trägt den ganzen Hype um ihn nach außen hin locker. Ich habe viele Junge gesehen, die nach zwei guten Partien abgehoben und verschwunden sind. Alaba gehört sicher nicht dazu. Der junge Lukas Podolski hat auch immer das ganze Theater ertragen, auf dem Spielfeld ließ er sich nie etwas anmerken. Das ist die wahre Kunst. 

STANDARD: Ist Alaba im ÖFB-Team schon ein Führungsspieler? 

Koller: Führungsspieler, wie wir uns das vorstellen, dafür ist es noch zu früh. Dirigent kann er keiner sein. Aber von seiner Spielweise her hat er absolute Führungsqualitäten. Er verlangt den Ball, riskiert etwas. 

STANDARD: Ein Reibebaum war immer Marko Arnautovic. Er hat zuletzt in Bremen kaum gespielt, auch weil er verletzt war. Warum haben Sie ihn einberufen? 

Koller: Weil er unbestritten Qualitäten hat. Er hat gesagt, dass er sich verändert hat und ruhiger geworden ist. Arnautovic muss sich vernünftig präsentieren. Dass alle vor ihm strammstehen, wenn er auftaucht, kommt nicht infrage. 

STANDARD: Beim ersten Lehrgang im Spätherbst 2011 ging es ums Kennenlernen. Was soll in den zwölf Tagen in Seefeld passieren? 

Koller: Es ist auch wieder ein Kennenlernen, weil neue Spieler dazustoßen. Seefeld ist ein Weiterführen des Weges, den wir begonnen haben. Eine Mischung aus Theorie und Praxis. Für uns geht es richtig los, es wird intensiv. 

STANDARD: Inwieweit muss man auf die Müdigkeit Rücksicht nehmen? Viele Teamspieler hatten praktisch keinen Urlaub. 

Koller: Ärzte schauen sich das genau an, man erstellt, falls nötig, individuelle Programme. Die Leute werden nicht sinnlos über den Rasen gehetzt. Das ist eine Erfahrungs- und Kopfsache. Entscheidend ist, dass einer Ja zum Fußball sagt. Will man etwas unbedingt, fällt es leichter. Ein Profi hat nur 15 Jahre Zeit. Er muss sich die Frage stellen, will er die WM 2014 im Fernsehen schauen oder live dabei sein? Die Antwort ist einfach, nur muss er etwas dafür tun. Denkt sich einer, Gott, bin ich müde, ist er es auch. Sagt er, ich freue mich, das Team ist super, ist er wach. Du musst dem Ganzen bejahend gegenübertreten. 

STANDARD: Ist Seefeld ein Erfolg, wenn in Innsbruck die Ukraine und Rumänien geschlagen werden? Das sind Gegner auf Augenhöhe. 

Koller: Die sind nicht auf Augenhöhe, sie liegen in der Rangliste weit vor uns. Es ist nur das Gefühl, dass wir dort sein müssten. Wir können nicht davon ausgehen, zweimal zu siegen. Aber wir wollen es unbedingt. 

STANDARD: Ziel muss die WM 2014 in Brasilien sein. Deutschland ist in der Qualifikation Topfavorit, Österreich ist aber so stark wie Schweden oder Irland. Würden Sie dieser Behauptung zustimmen? 

Koller: Nein. Wären wir genauso gut, wären wir jetzt bei der EM in Polen und in der Ukraine. Schweden und Irland sind es. Wir wollen uns weiterentwickeln und irgendwann qualifizieren. Momentan sind wir auf dem vierten Platz. Es liegt an uns, das zu ändern. (Christian Hackl, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)

MARCEL Koller (51) ist seit 1. November 2011 ÖFB-Teamchef. Der Schweizer debütierte mit einem 1:2 in der Ukraine, danach wurde Finnland 3:1 besiegt. Am 1. und am 5. Juni wird in Innsbruck gegen die Ukraine und gegen Rumänien getestet, am 15. August in Wien gegen die Türkei. Im September startet die WM-Quali.

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    "Alaba ist ein hervorragender Mensch. Kommt er auf dich zu, vermittelt er Offenheit": Marcel Koller.

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    Der Schweizer weiß, dass elf gute österreichische Kicker noch keine gute Mannschaft ergeben müssen.

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