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1924 wurde Bettauers Roman "Die Stadt ohne Juden" als Stummfilm für die Leinwand adaptiert. Das Filmstill wurde vom Hoanzl-Verlag zur Verfügung gestellt, der die STANDARD-Edition "Der österreichische Film" herausgibt (u. a. mit "Die Stadt ohne Juden", im dritten Teil der Edition, Filme 101-125).
Die Karriere des Hollywood-Regisseurs Billy Wilder hat man öfters als eine "Wiener Erfolgsgeschichte" verbucht. Dabei vergisst man gern, dass Wilder zwar in Wien aufwuchs, aber 1933 über Berlin zwangsweise in die USA emigrierte.
Als dem 81-Jährigen die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold in Los Angeles überreicht wurde, fragte der Filmemacher, wer denn jetzt Bürgermeister der Donaumetropole sei. Man nannte ihm den Namen Helmut Zilk, und Wilder meinte erleichtert: "Na Hauptsach', der Lueger ist es nicht mehr."
Der charismatische und populistische Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, zählt zu den Ideologen des österreichischen Antisemitismus um die Jahrhundertwende. Und die bevorstehende Umbenennung des Dr. -Karl-Lueger-Rings in Universitätsring zeigt, wie aktuell diese historisch höchst unrühmliche Tatsache ist. Wie gesagt, Lueger war Populist, und derart fallen auch seine Argumente aus, mit denen er gegen das Judentum vorging: Die Juden würden sich in Wien nicht nur als Bankiers und Unternehmer hervortun, sondern auch die wichtigen Positionen in der Presse, in der Kunst, ja, auch im Handwerksbereich für sich beanspruchen. Man müsse also die Vorherrschaft des Judentums brechen - um Arbeitsplätze zu schaffen, so Lueger. Genau mit diesem Szenario setzt Hugo Bettauers Roman ein.
Wien im Jahr 1922. Bundekanzler Dr. Karl Schwertfeger fährt im offenen Wagen in Richtung Parlament. Die Straßen sind gesäumt von Passanten, die " Hoch der Befreier Österreichs!" rufen. Jeder weiß, was dieser Tag mit sich bringt: Das Judengesetz wird im Parlament beschlossen. Schwertfeger führt in seiner Reden noch einmal alle Argumente an - und das klingt, als ob Karl Lueger auf dem Rednerpodest stünde: "Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden Stellen in den Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher Industrien? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt im Automobil, wer prasst in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser, wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit Juwelen und Perlen? Der Jude!"
Irrwitzige Romanstrategie
Es geht also darum, ob sich die überwiegende Mehrheit der arischen Bevölkerung von der Minderheit der Juden beherrschen lassen will. Nein!, lautet natürlich die Antwort.
Das Gesetz wird beschlossen. Alle Juden müssen die Stadt alsbald verlassen - und Wien wird somit "Die Stadt ohne Juden", wie Hugo Bettauers Romantitel lautet. Die jüdische Bevölkerung fällt zwar keiner physischen Vernichtung zum Opfer, doch diese Menschen müssen emigrieren und ihren festen Besitz günstig an Arier verkaufen.
Was nun Hugo Bettauer im Folgegeschehen macht, ergibt eine irrwitzige Romanstrategie. Denn er nimmt die Rede des Kanzlers Schwertfeger buchstäblich beim Wort. Wenn die Juden so geschickt, ja, so klug sind, um in der Wirtschaft, im Handel, in Kunst, Kultur und in der Presse die wichtigen Positionen einzunehmen, wenn sie es sind, die ihr Geld in Cafés, Bars, Restaurants und für Schmuck und Mode ausgeben, dann bleibt die Frage, was eben nach ihrem erzwungenen Fortgang passiert.
Wirtschaftskrise
Der Autor führt das Ergebnis des Judengesetzes genüsslich vor: Mit der österreichischen Wirtschaft geht es steil bergab. Die Wiener Theater bleiben leer, und viele müs-sen schließen, das gleiche Schicksal trifft Cafés, Restaurants, elegante Modehäuser, Juweliere und Autohändler.
Und die süßen Wiener Mädeln haben keine jüdischen Kavaliere mehr, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ihre arischen Pendants geben ihr Geld lieber beim Fußball und im Wirtshaus aus.
Die blonde, üppige Juno - ein schon etwas in die Jahre gekommenes Mäderl - weiß, wovon sie spricht: "Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswärtigen Amt gegangen, und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glück, dass ich dabei noch den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst hätte ich am Ende noch arbeiten müssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!"
Hugo Bettauer verknüpft sein Romangeschehen auch mit einer Liebesgeschichte. Der Hofrat Franz Spineder ist der Typus des gebildeten und an Kunst interessieren "Altösterreichers": Dass seine Tochter Lotte den Juden Leo Strakosch liebt, stört ihn ganz und gar nicht. Er schätzt den jungen Mann, der mit seinen Zeichnungen und Radierungen über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist.
Doch das Judengesetz zwingt Strakosch zur Emigration. Die Idylle ist dahin, aber Strakosch ist eben Jude und daher klug und gewieft. Er geht zwar nach Paris, doch kehrt er alsbald nach Wien unter falschem Namen zurück. Und Strakosch wird zum Agitator gegen das Judengesetz. Mitstreiter findet er rasch, und dies bei den liberalen Gewerbetreibenden und Unternehmern, deren Geschäfte unter dem Weggang der Juden leiden.
Doch auch dem einfachen Mann von der Straße dämmert es alsbald, dass die Judenverbannung keine so gute Sache gewesen ist. So kommt es, wie es kommen muss: Mithilfe sozialdemokratischer und liberaler Kräfte wird das Judengesetz zu Fall gebracht. Leo Strakosch bekommt nicht nur seine Lotte, sondern wird zum Helden des Tages. Der neue Bürgermeister von Wien begrüßt ihn mit den Worten: "Mein lieber Jude!"
Arierkleidung
Das versöhnliche Romanende ist rein literarische Fiktion. Der Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer wurde 1925 von einem österreichischen Nazisympathisanten erschossen. Und was in Wien und Österreich nach 1938 geschah, weiß man. Elfriede Jelinek hat darauf verwiesen, dass Bettauer ein Nazi-Klischee näher betrachtet, das seltener in den Fokus gelangt: Es sind die Juden und vor allem die Jüdinnen, die sich schminken, feine Kleider tragen. In Bettauers Roman gehen nach dem Fortgang der Juden alle Wiener in Loden und Lederhose. Das ist des Ariers Kleidung - und Wien verkommt zur Voralpenidylle.
Dass Wien jetzt auch sein eigenes "Oktoberfest" feiert, mag in diesem Licht nachdenklich stimmen. Und vielleicht erscheint die Neuauflage von Bettauers Roman Die Stadt ohne Juden zur rechten Zeit. Antisemitismus und Fremdenhass sind keine Kavaliersdelikte, sind auf keinen Fall duldbar. Allerdings zeigen der feine Witz und die tiefere Ironie in Bettauers Roman auch eines: Antisemiten und Fremdenhasser sind meist schlichte Geistesnaturen, also ausgewachsene Rindviecher.
Als solche sollte man ihnen mit leichtem Spott und guten Argumenten begegnen. Der Jude Leo Strakosch geht diesen Weg und gewinnt die Partie. Auch das sollte zu denken geben. Denn zurzeit lassen sich Politiker und urbane Gutmenschen feiern, weil sie den Karl-Lueger-Ring umbenennen und sich so an einem antisemtischen Geist abarbeiten, dessen Gebeine seit mehr als 100 Jahren in der Gruft ruhen.
Auch das wäre für Bettauer eine Art von Rindviecherei, weil es in Wien viel lebendigere rechtspopulistische Geister gibt, gegen die es sich lohnt, mit Esprit anzukämpfen. (Andreas Puff-Trojan, Album, DER STANDARD, 26./27./28.5.2012)
Hugo Bettauer, "Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen". € 16,90 / 175 Seiten. Metroverlag, Wien 2012
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ah die schlichten geistesnaturen wurden in den 20er jahren nicht nur von diesem autor mit spott und argumenten konfrontiert...geholfen hats allerdings reichlich wenig
wer zu laut gespottet hat, bekam zunächst besuch von der sa und durfte sich in den 30er jahren dachau von innen ansehen
es bleibt bei allem subtilem witz eine beklemmende lektüre.
1999 hat es eine gesamtausgabe von bettauers werk bei zweitausendeins gegeben. 'die stadt ohne juden' bei gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/355... 5569-h.htm
Angeblich hat sich sogar der Völkische Beobachter 1938 darüber beklagt, dass nachdem man die jüdischen Schriftsteller, Musiker und Intellektuellen in die Emigration getrieben hat nur noch Gebirgstrottel und Alpenkretins in Wien übrig geblieben sind.
Voralpenidylle ist das Wien von heute zwar zum Glück nicht, aber der Verlust an geistigem Leben durch die Ermordung und Vertreibung der Juden während der Nazizeit ist noch deutlich spürbar. Es lässt sich auch nicht leugnen, dass neben dem Verweis auf altimperialen Glanz das heutige Wien in Bereichen wie Wissenschaft und Kultur kaum noch eine international bemerkenswerte Rolle spielt. Vor allem kommt kaum etwas Neues von Bedeutung mehr aus Wien. Da hilft auch auch das Gerede von der angeblichen "Kulturnation" nichts. Natürlich gibt es Ausnahmen (Haneke sei da nur beispielhaft genannt), aber die meisten Forscher oder Künstler von Weltrang die nach dem Krieg gerne als "Altwiener" gefeiert wurden, waren eben jene, die man zuvor hinausgejagt hat
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