Athen-Visionen gesucht

25. Mai 2012, 13:55
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Die wirtschaftlichen Perspektiven Griechenlands sind laut IHS-Chef Felderer "katastrophal", WIFO-Chef Aiginger wünscht sich eine Wachstumsvision

Wien - Der scheidende IHS-Chef Bernhard Felderer rechnet bei einem Euro-Austritt Griechenlands mit einem "weitgehenden Schuldenerlass". Man müsse "ehrlich damit umgehen" und den Griechen einen Neuanfang anbieten, sagte Felderer. Die griechische Wirtschaft werde auch in "den kommenden Jahren weiterschrumpfen". Die wirtschaftlichen Perspektiven für das Land seien derzeit "katastrophal". Griechenland schuldet den Euroländern rund 300 Mrd. Euro.

Felderer bestätigte die Existenz von Notfallplänen für einen Griechen-Exit aus der Währungsunion. Seit ein bis zwei Jahren werden Studien dazu von der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) erarbeitet. "Da weiß ich mehr als ich sagen will". Bei einem Euro-Austritt Griechenlands werde sich "die ökonomische Ansteckungsgefahr in Grenzen halten. "Es ist nicht so, dass Europa untergehen wird", versuchte er zu beruhigen.

Je mehr Griechenland sparen müsse, desto weniger gebe es die Möglichkeit für eine wirtschaftliche Erholung, erklärte Felderer. Das laufende griechische Reformprogramm sei "viel enttäuschender" ausgefallen als erwartet. Griechenland habe kaum Industrie und in den vergangenen Jahrzehnten schwere wirtschaftspolitische Fehler gemacht.

Die Länder der Eurozone müssten nun die ökonomischen Kosten für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone gegenüber einem Austritt abwägen, betonte der IHS-Chef. Die Austrittsfrage sei nicht leicht mit "ja oder nein" zu beantworten. Aus politischen Gründen sollte Griechenland seiner Ansicht nach aber Teil der Eurozone bleiben.

Wachstumsvision für Athen gesucht

Griechenland muss die Sparregeln einhalten, daran lässt der Chef des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), Karl Aiginger, keinen Zweifel. Das Land benötige aber auch eine Wachstumsvision und eine Beschleunigung der verfügbaren Programme, um Investitionen gezielter einsetzen zu können: "Es geht um Wachstumsprogramme, die relativ wenig kosten." Gegenüber einem Euro-Ausstieg Griechenlands zeigte sich Aiginger am Freitag reserviert, "die Mehrheit ist, glaube ich, nicht dafür", sagte er im Ö1-"Mittagsjournal" des ORF-Radios. Die EU müsse Griechenland sagen: "Wenn ihr ein Programm habt, helfen wir euch. Es wäre sinnvoll, wenn ihr 220.000 neue Firmen gründet - und wie können wir euch dabei helfen?" Priorität sollte die Senkung der Jugendarbeitslosigkeit haben.

Im Falle Griechenlands sollten die bereits verfügbaren Programme "beschleunigt" und das bereitliegende Geld "abgeholt" werden, meinte Aiginger. Dabei gehe es um Betriebsgründungen und Investitionen in Kleinbetriebe, etwa auch mit Hilfe der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Zu den einzelnen Wirtschaftssektoren müsse Athen "eine Vision haben". So sollten etwa bei Häfen auch Industriezonen mitgeplant werden und bei neuen Straßen auch gleich Unternehmenszentren. Den Solarbereich nannte Aiginger ebenfalls als Beispiel.

Chancen für die Jungen

Umgehende positive Effekte auf die Gesamtwirtschaft Griechenlands könnten "erste Schritte in die Richtung" aber noch nicht haben, so der WIFO-Chef. Jedoch wäre es wichtig, damit zu sagen, dass Griechenland wachsen und neue Produktionen und neue Dienstleistungen haben wolle. Dann würde "der Rückgang der Wirtschaftsleistung geringer sein, und junge Menschen werden sehen, dass sie eine Chance haben".

Es gehe darum, Wachstumsprogramme zu machen, die relativ wenig kosten, aber natürlich sei auch eine Umstellung des Steuersystems und der Verwaltung in dem südosteuropäischen Land nötig. Die übrigen europäischen Länder müssten die Transfers fortsetzen, sagte Aiginger, ohnedies näher auszuführen. Die "Eurobond-Diskussion" bezeichnete er als "sinnvoll", es gehe darum "die Wirtschaft des Landes binnen fünf Jahren fundamental umzustellen". Dass die Wirtschaft dort zusammenbreche, wäre "die teuerste Lösung" - im Vergleich zu den Alternativen Eurobonds oder neues Geld hinunterzuschicken.

Ausweg aus der Krise gesucht

Die vier größten Volkswirtschaften der Eurozone suchen im Ringen um einen Ausweg aus der Schuldenkrise den Schulterschluss. Die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien planen nach Angaben der deutschen Bundesregierung dazu ein Gipfeltreffen. Es liefen derzeit die Absprachen für einen Termin, sagte der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. Das Treffen von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs neuem Staatspräsidenten Francois Hollande und den Regierungschefs von Italien und Spanien, Mario Monti und Mariano Rajoy, sei in Rom geplant. (APA, 25.5.2012)

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    Chancen und Visionen, davon gibt es in Griechenland derzeit nicht allzu viele.

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