Routinierter Rücktrittsverweigerer

Kopf des Tages24. Mai 2012, 19:31
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Martin Graf verfügt über alles, was ein rechter Sympathieträger braucht

Martin Graf verfügt über alles, was ein rechter Sympathieträger braucht. Eine lupenreine nationale Gesinnung sowieso - dokumentiert durch seine Mitgliedschaft in der Burschenschaft Olympia, die Antifaschisten von jeher als Hort des Revisionismus gilt. Wer sich dort engagiert, braucht sich keine weiteren Feinde zu suchen. Martin Graf tut das trotzdem - und mit erkennbarer Lust an der Provokation: Als er den Immobilienmakler und damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Ariel Muzicant mit einem "Ziehvater des antifaschistischen Linksterrorismus" verglich, rüttelte er gezielt am Watschenbaum - um von seinen Gesinnungsfreunden ebenso als aufrechter Märtyrer gefeiert zu werden wie an jenem Abend, als er die Vorsitzführung im Nationalrat vernachlässigte, um dem WKR-Ball der Wiener Burschenschafter die Ehre zu geben.

Seine Gegner toben dann jeweils und fordern seine Abberufung zumindest von der Funktion des Dritten Nationalratspräsidenten, die er seit 2008 ausübt. Abgewählt kann er nicht werden, das weiß er als Jurist, also quittiert er alle Angriffe mit trotzigem Lächeln. Und er versucht, seiner Weltsicht zum Durchbruch zu verhelfen: Vor drei Jahren gründete er mit seinen parlamentarischen Mitarbeitern die Website www. unzensuriert.at - als Plattform zur Gegeninformation in einer von ihm als linkslastig eingeschätzten Medienwelt.

Unvereinbarkeit

Die dahinterstehende Organisation brachte er im April in einem Haus in der Billrothstraße unter, das er als Stiftungsrat verwaltet - was den Eindruck der Unvereinbarkeit erweckt.

In die Politik ist Graf 1981, im Alter von 21 Jahren, gekommen: Damals war die FPÖ eine liberale Partei. Der innerparteiliche Aufstieg des dreifachen Familienvaters kam mit dem Rechtsruck unter Jörg Haider: 1994 kam er in den Nationalrat, wurde Wissenschaftssprecher.

Unter der schwarz-blauen Regierung machte Graf Karriere im Forschungszentrum Seibersdorf, wo er sich als rechter Netzwerker bewährte: Er holte Olympen und Parteifreunde aus der FPÖ-Bezirksorganisation Donaustadt als Vertraute nach.

Der neuerliche Aufstieg der FPÖ unter Heinz-Christian Stache brachte Graf zurück in den Nationalrat, wo er sich als Vorsitzender des Bankenausschusses bewährte, während er mit politischen Inhalten aneckte. Schon seine Wahl zum Dritten Präsidenten 2008 war umstritten, Rücktrittsaufforderungen wehrt er mit wachsender Routine ab. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 25.5.2012)

  • Martin Graf
    foto: standard/cremer

    Martin Graf

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