Angst vor dem Quelle-Schicksal

Keine rettende Übernahme: Die Österreich-Tochter hat im Konzern 170 Millionen Euro verliehen, bei einem Ausfall droht ein Domino

Wien/Ehingen - Ehingen und Pucking sind keine Weltmetropolen, aber Sitz einer Handelsmacht. Zumindest bisher. Im schwäbischen Ehingen ist die insolvente Drogeriekette Schlecker zu Hause, im oberösterreichischen Pucking sitzt die Österreich-Tochter, zu der auch die Aktivitäten in Italien, Polen, Belgien oder Ungarn mit 5000 Mitarbeitern zählen. Während die deutsche Mutter wegen hoher Verluste erst in Liquiditätsnöte und im März in die Pleite schlitterte, blieb Pucking von der Insolvenz verschont.

Allerdings hängt das hiesige Geschäft wegen massiver finanzieller Verstrickungen am seidenen Faden, ist Pucking doch so etwas wie eine finanzielle Drehscheibe im Konzern. 169 Millionen hat sie an andere Schlecker Gesellschaften verliehen. Trotz äußert komfortabler Eigenkapitalausstattung wäre das Abschreiben der Forderungen kaum verkraftbar, meinen Handelsexperten. Das sehen auch die Wirtschaftsprüfer so, die in der letzten veröffentlichten Bilanz 2010 ihr Testat mit dem Zusatz versahen, dass die Existenz von Schlecker Österreich wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen "vom Fortbestand der Anton Schlecker, Ehingen, abhängig ist".

Vor der Sitzung des Gläubigerausschusses am Freitag in Ulm keimte Hoffnung auf. Mit Nicolas Berggruen bekundete ein potenter Geldgeber sein Interesse, wie er der Nachrichtenagentur dpa bestätigte. Der deutsch-amerikanische Milliardär hat bereits Karstadt aufgefangen, im Vorjahr lieferte er sich mit dem heimischen Immobilien-Tycoon René Benko ein packendes Match um die Kaufhof-Gruppe, das Eigentümer Metro aber letztlich abpfiff. Weitere Beteiligungen ging der Sohn eines Kunstsammlers u. a. an der spanischen Zeitung El Pais und Burger King ein.

Keine akzeptablen Angebote

Doch am Nachmittag kam die Hiobsbotschaft: Masseverwalter Arndt Geiwitz gab bekannt, dass keine vom Kaufpreis her akzeptablen Angebote vorlägen. Sollten bis kommenden Freitag keine "belastbaren Angebote" vorliegen, müsse der Betrieb eingestellt werden, erklärte Geiwitz. Konkret heißt das: Kündigungen, Schließung der Filialen, Verkauf der vorhandenen Immobilien, Lagerbestände und anderen Werte.

Geiwitz sprach von zwei Investoren, deren Namen er nicht nannte. Neben Berggruen könnte es sich beim zweiten Interessenten um Cerberus handeln, jenen Beteiligungsfonds, dem in Österreich die Bawag gehört und der zuletzt am deutschen Immobilienmarkt stark aktiv war. Zudem wird dem Investor Dubag Interesse an der ebenfalls insolventen Schlecker-Tochter " Ihr Platz" nachgesagt.

Schlecker fährt trotz Filialschließungen und Kündigungen nach wie vor jeden Monat Verluste ein, weshalb der Masseverwalter nur noch eine kurze Galgenfrist gewährte. Erschwert wird die Sanierung durch Klagen von 4000 ehemaligen Mitarbeitern, die sich gegen die Freisetzung zur Wehr setzen. Überdies will Geiwitz mit der Gewerkschaft einen neuen Tarifvertrag aushandeln, der die Personalkosten um 15 Prozent senken würde, der aber die Zustimmung der Gewerkschaft erfordert.

Gelingt im letzten Anlauf keine Lösung, wären in Österreich 930 Filialen betroffen. Davor fürchten sich nicht nur die Mitarbeitern, sondern auch die Hersteller des Sortiments, denen die Konzentration auf Bipa und dm immer mehr Kopfweh bereitet. (as, DER STANDARD, 26./27.5.2012)

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6 Postings

Wenn die Behauptungen der Redaktion stimmen, steckt mein voriger Post wegen irgendwelcher Stichwörter im Forumsautomaten jetzt seit Stunden beim Redakteur fest.

Das kann's doch wohl nicht sein.

Welches Stichwort denn? Gebt endlich zu, es gibt eine schwarze Liste.

Das war aber jetzt in derselben Sekunde ;-)

Berggruen wird erst zuschlagen, wenn die Zahlungen an die Österreich-Tochter nicht mehr fällig sind.
Eventuell langt er auch gleich dort zu.

Den Philanthropen kauf' ich dem nicht ab.

Wer hat eigentlich den schleimigen Wikipedia-Artikel verbrochen.

Manchmal frage ich mich, ob die Masseverwalter wirklich nur im Interesse der Gläubiger Handeln. Für die Konkurrenz ist es das beste wenn ein Konkurrent liquidiert wird. Ich bin nachwievor der Meinung, dass es bei Quelle auch nicht so weit kommen hätte müssen.

Opfer des Marktes. So lange der Kunde nicht leidet ist der Verdrängungswettbewerb völlig ok.
Unternehmer gehen risiken ein, die sie aber gefälligst auch selber tragen sollen und nicht, wenn es schief geht, den Steuerzahler anzapfen

Das ist sysemimmanent, wenn die Mutter pleite ist, folgt die Tochter.

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