Gastgeber ohne Einladung zur Party

24. Mai 2012, 19:00
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Im Osten Londons, wo in zwei Monaten die Spiele beginnen, werden Staub und Demütigungen geschluckt

Ob hier wirklich in zwei Monaten die größte Sportveranstaltung der Welt steigen kann? Wer sich dieser Tage im mehr als einen Quadratkilometer umfassenden Olympischen Park umsieht, mag daran zweifeln. Allerorten versperren Baufahrzeuge den Weg, der Innenbereich des 80.000 Zuseher fassenden Stadions ist mit Gerüsten verstellt. Tausende legen derzeit noch Hand an.

Pünktlich zur Eröffnung am 27. Juli wird alles fertig sein, beteuert Sebastian Coe. Der zweifache Olympiasieger im 1500-m-Lauf leitet das Organisationskomitee Locog, freut sich auf den Höhepunkt seiner Karriere und betont bei jeder Gelegenheit die Dauerhaftigkeit der Milliardeninvestitionen. Die Spiele würden den Londoner Osten beleben, Jobs und Wohnungen schaffen.

Umgestaltung in großem Maßstab

Tatsächlich haftet der Gegend "seit dem späten Mittelalter der Makel der Armut an", sagt Peter Ackroyd, Autor vieler Bücher über die Weltstadt. Rund um den Fluss Lea siedelten sich Färbereien, Gerbereien, eine Zündholzfabrik an. Vor zehn Jahren war davon nichts übrig geblieben als von vierspurigen Autobahnen umzingelte Industriebrache.

Nach der Vergabe der Spiele an London waren bis zu 14.000 Bauarbeiter auf dem kontaminierten Gelände unterwegs. 220 Gebäude spürten die Abrissbirne, tausende Tonnen Material wurden abtransportiert. 50 Hochspannungsmasten verschwanden, die Leitungen stecken jetzt in zwei je sechs Kilometer langen Tunnels. Locog-Funktionäre schwärmen von der größten Aufräumaktion Europas.

Die Einwohner des East Ends, bis heute nach den Slums von Glasgow offiziell die zweitärmste Gegend Großbritanniens, mussten viel Staub schlucken. Und manche Demütigung dazu. Das Olympic Cafe, von den aus Griechenland stammenden Besitzern nach dem Berg Olymp benannt, darf nur noch Lympic Cafe heißen. Der Bezirksverwaltung Newham wurde ein Schild mit der Aufschrift "Willkommen in Stratford" im Olympischen Park untersagt.

Keine Karten für die Anwohner

"Die Leute hier haben jahrelang den Baulärm, die Beeinträchtigungen ertragen", sagt der Labour-Mann Richard Crawford, der den Bezirk Stratford im Kommunalparlament vertritt. "Es wäre schön gewesen, wenn man uns wenigstens gefragt hätte, ob wir auch zur Party kommen wollen." Eintrittskarten hat er keine. Newhams Bewohner mussten sich wie alle anderen Briten im Internet mit Kreditkarte um Tickets bewerben. Der Bezirksverwaltung bot Locog nur Kauftickets an. Selbst für Übertragungsrechte für Public Viewing im Stratford Park muss der arme Bezirk zahlen.

Sechs Millionen Euro wurden für Verschönerungsmaßnahmen in der Gegend aufgewendet. Den Organisatoren war Newham dennoch nicht hübsch genug. Die Marathon-Strecke wurde ins West End verlegt, mit Start und Ziel vor dem Buckingham Palast.

Geschäftsleute in Stratford sorgen sich indessen um ihren Nachschub, schließlich werden zugunsten zehntausender Athleten, Funktionäre und Journalisten die Zufahrtsstraßen tagsüber abgeriegelt. Den Pubs droht angesichts knapper Lieferzeiten und vieler durstiger Kehlen der Notstand. Die Managerin der "Cow", gleich gegenüber des Olympia-Geländes, zog die Konsequenzen: Ab Juni kommen das Bier, der Wein, die Chips ungeachtet der Zusatzkosten ganz zeitig in der Früh. " Ohne Essen und Trinken kein Geschäft", sagt Lara Burns. 8Sebastian Borger, DER STANDARD - 25.5. 2012)

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    Wohnhäuser in Stratford nahe des Olympiastadions: Mieter sollen wegen Preistreiberei auf dem Immobilienmarkt aus ihren Wohnungen gedrängt worden sein.

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