Staub und auch Geschichte aufwirbeln

24. Mai 2012, 18:40
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Theater aus der Republik Kongo: "Le Socle des Vertiges"

Wien - Das Theater von Dieudonné Niangouna erwächst den unmittelbaren Schwierigkeiten seines Heimatlandes Kongo-Brazaville. Die 1960 von Frankreich unabhängig gewordene Republik (Nachbarstaat der Demokratischen Republik Kongo, ehemals belgisch) kämpft nachhaltig mit den Folgen der fast hundertjährigen Ausbeutung und den politischen Herausforderungen der Demokratie. Das von Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption und hoher Staatsverschuldung geprägte Land in Zentralafrika zieht einen Schweif an "geopferten Generationen" nach sich, die nun in Niangounas fiktiver Familiengeschichte Le Socle des Vertiges / Fundament des Taumels bei den Festwochen zu Wort kommen.

Ein fünfköpfiges Ensemble redet sich im Schauspielhaus ungebremst in einen am Papier 60-seitigen Textmalstrom, der sich in satten, nicht immer jugendfreien Metaphern durch die koloniale Vergangenheit des Landes bewegt und kraftvoll über die Köpfe des geplätteten Publikums hinwegzieht. Es geht um zwei Brüder, die getrennt voneinander aufwuchsen, um eine Mutter, die ihr Kind tötet, und einen sterbenden Vater. So konzentriert und wissbegierig kann ein aufgeklärtes mitteleuropäisches Publikum gar nicht sein, dass es von diesem Abend nicht überfordert wäre. Die Dringlichkeit, mit der in diesem Erzähltheater gebrüllt wird oder mit Lehm und Staub Atmosphäre erzeugt wird, oder so unnachgiebig, wie sich hier eine Kamera auf eine zu schlachtende Kuh (auf der Leinwand) richtet, ist Theater nur noch selten.

Dieudonné Niangouna, der in der kongolesischen Hauptstadt Brazaville ein Theaterfestival leitet, wird im kommenden Jahr übrigens "artiste associé" des Festivals d'Avignon. (afze, DER STANDARD, 25.5.2012)

25. 5., 20.00

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