Einbildungskraft kann Leben retten

24. Mai 2012, 18:15
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Leos Carax bringt mit seinem Leinwand-Comeback "Holy Motors" wieder Schwung in den Wettbewerb von Cannes. Die Beiträge von Carlos Reygadas und Lee Daniels reichen an dessen Wirkung nicht heran

Ein Festival wie Cannes bringt es mit sich, dass man im Laufe einer Woche etliche Gefühlslagen erleben kann. Vorfreude, Ernüchterung, Begeisterung, Zufriedenheit, Gleichgültigkeit, Ärger, Verzweiflung. Und dann kommt endlich ein Film, der einen trotz Erwartungen völlig unvorbereitet trifft, der schlagartig klarmacht, worauf man hier immer hofft.

Dieser eine Film, der eigene Regeln aufstellt, heißt in diesem Jahr "Holy Motors" und stammt vom französischen Regisseur Leos Carax. Es ist sein erster Langfilm seit "Pola X" (1999), aus etlichen Projekten seitdem wurde nichts, sodass es ihm nun um etwas Wesentliches geht: um den Stand der Filmkunst selbst, um das Kino als Apparat aus dem vergangenen Jahrtausend, der an der digitalen Wende steht. "Holy Motors" beginnt mit einem Lynch-ähnlichen Traum, in dem der Regisseur eine Tür in seiner Tapete entdeckt, die in einen vollbesetzten Kinosaal führt.

Von da wechselt der Film in die Welt des mysteriösen Monsieur Oscar, ein von Denis Lavant verkörperter Gestaltwandler, der mit einer von Edith Scob chauffierten Limo durch Paris fährt, um wie ein Hit-Man sonderbare Aufträge auszuführen. Allerdings sind dies keine Taten, sondern er schlüpft in groteske, komische oder sentimentale Rollen: Identitätswechsel, mit denen Carax und der beeindruckende Lavant auf so verblüffende wie reichhaltige Weise die Möglichkeiten des Kinos durchspielen und reflektieren.

"Holy Motors" ist ein Film des Übergangs, ein Film über den Verlust, der in jeder Veränderung liegt. Wenn Oscar bei einem Auftrag zur Motion-Capturing-Figur mutiert, die sich in einem atemberaubenden Tanz mit einem anderen Avatar paart, dann geht es dem Film um ein virtuelles Regime, in dem der Körper eine neue Dimension gewinnt. Ein monströser Unhold wie Monsieur Merde, der auf einem Friedhof herumgeistert, Eva Mendes raubt und sie wie ein Satyr mit erigiertem Penis umtänzelt, gehört dagegen wie auch eine Musicalszene mit Kylie Minogue einem auslaufenden Zeitalter an.

Carax' Film ist voller irrer Manöver und versteckter Zitate - Georges Franju, aber auch die Sinnspiele eines Lewis Carroll sind nie weit entfernt -, er behält aber einen ganz persönlichen Tonfall bei. Hinter all den Anverwandlungen (den Akt der Verkleidung spart der Film nicht aus) wird eine Anstrengung sichtbar, ein existenzieller Reibungsverlust, der Körpern und Maschinen gemeinsam ist. Beide laufen nicht ewig weiter.

Eine vergleichbare Einbildungskraft hatte man sich auch vom mexikanischen Wunderkind Carlos Reygadas erwartet, dessen "Post Tenebras Lux" eine offenbar schon ermüdete Filmkritik mit Buhrufen quittierte. Von seinem Debüt "Japón" an war er ein Regisseur des Maßlosen und des Schöpferischen, wobei er den Bogen gerne mal überspannt. Sein neuer Film ist die visuell (und akustisch) oft überbordende Beschreibung einer bürgerlichen Familie, die sich aufs Land zurückgezogen hat.

Im 4:3-Format mit trüber Blende gedreht, so als wolle er die Schönheit der Natur damit beschneiden, evoziert Reygadas Momente, in denen sich die Fragilität des Miteinanders, zwischen dem Paar, den Kindern, den Tieren und der Landbevölkerung bisweilen wie in einem Dokumentarfilm verfestigt. Weil er an anderen Stellen allzu verstiegene Bilder bevorzugt, bleibt ein eher zwiespältiger Gesamteindruck zurück.

Als uneben entpuppte sich auch der dritte US-Wettbewerbsbeitrag, Lee Daniels' "The Paperboy", der mit feinem Augenmerk für Kostüme und Musik ins Florida des Jahres 1969 führt. Der Film schlingert erzählerisch zwischen einer Kriminalgeschichte um einen zum Tode Verurteilten (John Cusack) und jener um eine erste sexuelle Obsession (Zac Efron, Nicole Kidman) ein wenig unentschieden hin und her - das anvisierte Gesellschaftsfresko der Südstaaten bleibt unvollendet. Erinnerungswürdig ist immerhin jene Szene, in der eine auf ordinäre Barbiepuppe gestylte Kidman dem von Quallen verbrannten Efron das Leben rettet, indem sie ihm auf den Bauch uriniert. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, DER STANDARD, 25.5.2012)

  • Tour de Force durch Paris: Denis Lavant als Monsieur Oscar, ein Mann mit vielen Gesichtern.
    foto: filmfestival cannes

    Tour de Force durch Paris: Denis Lavant als Monsieur Oscar, ein Mann mit vielen Gesichtern.

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