Vorhofer-Preis: Dankrede von Alexandra Föderl-Schmid

24. Mai 2012, 18:28
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STANDARD-Chefredakteurin mit Vorhofer-Preis ausgezeichnet

"Herr Bundespräsident
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Mit der Gründung des STANDARD zog im Herbst 1988 die neue Tageszeitung auch in unsere Familie ein. Mein erster STANDARD-Artikel erschien am 6.Juni 1990 und handelte von der Öffnung des ersten Übergangs zwischen Österreich und der damaligen Tschechoslowakei. Für jemanden wie mich, die ich sieben Kilometer entfernt vom Eisernen Vorhang im Mühlviertel aufgewachsen bin, war und ist das immer noch ein Wunder: dass wir die Grenzen überschreiten können, inzwischen ohne Passkontrollen und Angst.

Wenn man sich die EU-Berichterstattung von heute ansieht, nimmt man von diesem Wunder nur wenig wahr. Es scheint nur noch darum zu gehen, wer für wen wieviel zahlen muss. Dass Europa eine Solidargemeinschaft ist, wird kaum bewusst gemacht. Zu recht fordert der Philosoph Jürgen Habermas im heutigen STANDARD-Interview dazu auf, für das europäische Projekt zu kämpfen: Uns Medien, aber auch Politiker.

In Österreich gibt es bekanntlich ein Massenblatt, das einen Anti-Brüssel-Kurs fährt und die Politik dessen Vorgaben häufig folgt. Das Guglhupf-Essen von Thomas Klestil in diesen Räumlichkeiten mit Hans Dichand gehört genauso zur Realpolitik des Landes wie der Gusenbauer -Faymann-Kotau im 2008.

Politiker können in Österreich unter dem Schutz der Immunität fast alles sagen. Schamgrenzen werden zu oft überschritten, weil es ohnehin keine Konsequenzen gibt. Man kann als Verurteilter im Nationalrat sitzen, Witze über „Neger" machen, Mitglied einer als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft sein und trotzdem zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt werden.

In Österreich gibt es nach wie vor eine Kultur der Diskriminierung, eine Rücktrittskultur gibt es nicht. Nach sechs Jahren zurück in der Heimat stimme auch ich zu: Österreich ist Italien in vielem ähnlicher als Deutschland. Dort werden Gerichtsurteile ebenfalls kritisiert, aber akzeptiert. Das Bundesverfassungsgericht spannt die Richtschnur für politisches Handeln. In Österreich wurden Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs zu den Kärntner Ortstafeln jahrelang und systematisch ignoriert.

Die Kleinheit des Landes formt eine Landschaft der Freunderln und Haberer. Jeder kennt jeden – viele Journalisten sind mit Politikern per Du. Es entsteht eine Nähe, die Beißhemmung erzeugt. Auf ein Eingeständnis wie jenes der britischen Premierministers David Cameron nach dem Murdoch-Skandal, dass Politik und Medien sich zu nahe gekommen seien, wird man in Österreich wohl vergeblich warten....

Diese typisch österreichischen Strukturen spiegeln sich auch auf dem Sektor der Inserate wieder. Jene aus den Ministerbüros und dem Kanzleramt werden gezielt großteils an die Boulevardmedien vergeben. Ob das Transparenzgesetz wirklich Abhilfe schafft, oder dann weiter nach dem Motto verfahren wird, ein bisserl was geht immer, wird sich zeigen.

Diese Einstellung, über Inserate und redaktionelle Beilagen, die oft nicht ausreichend gekennzeichnet sind, good will zu erzeugen, gibt es auch in der Wirtschaft. Der ökonomische Druck hat in den vergangenen Jahren auch in Österreich zugenommen, auch jener in Form von Klagen oder deren Androhung bei kritischer Berichterstattung.

STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner bekommt da viel mehr mit als ich. Und er hält auch viel ab – mehr als ich weiß. Genauso unser Geschäftsführer Wolfgang Bergmann, der nur bei Kirchenthemen die Grenzen zur Redaktion überschreitet.

Die Trennung zwischen Geschäftsführung und Chefredaktion macht es leichter, sich einen Ruf zu erarbeiten, unbeugsam zu sein und Druck nicht nachzugeben. Zusammen mit einem tollen Redaktionsteam und einem Vorgänger, in dessen Fußstapfen ich zumindest in der Frage der Unabhängigkeit treten konnte.

Dass mich Oscar Bronner auf Vorschlag von Gerfried Sperl zu dessen Nachfolgerin bestellt hat, war nach seinem Bekunden riskant. Er wusste genauso wenig wie ich, wie viel ich von meinem Mann Markus gelernt habe, der zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre Chefredakteur bei n-tv war.
In Österreich kannte man mich nach 12 Jahren in Berlin, zwei Jahren in Brüssel und dazwischen immer wieder als Reporterin in Südamerika, kaum. Zumindest was meine Standpunkte zur Innenpolitik betrifft. Das hat sich geändert.

Kurt Vorhofer, den ich von Pressekonferenzen Anfang der 90er Jahre kannte, wurde wegen seiner Grundsätze, seiner Bescheidenheit, seiner Unabhängigkeit das „innenpolitische Gewissen Österreichs" genannt. Dies als Herausforderung zu begreifen, sind sich die Träger des Vorhofer-Preises bewusst . So auch ich.

Im Jahre 2012 verbinden sich damit weitere Aufgaben. Dass es den Presserat gibt, an dessen Wiederentstehen ich entscheidend mitgewirkt habe, ist gut. Dass Krone, Heute und Österreich noch immer nicht an Bord sind, ist bedauerlich, aber nicht wirklich überraschend. Dass auch Die Presse fehlt, sehr wohl.

Wir müssen den Transparenzbemühungen in der Politik auch jene im Journalismus folgen zu lassen. Seit 2004 schreibt die EU eine Regelung für die Finanzberichterstattung vor, in Österreich hat man sich erst vor einigen Wochen im Trägerverein des Presserates damit beschäftigt. Wie verlautete, sind sich Verleger und Gewerkschaft einig darin, dass es nur bei Appellen bleiben soll, wonach es zu keinen Interessenskonflikten kommen dürfe. Das reicht nicht aus! Und ich hoffe, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Und zwar im Interesse der Journalisten.
Es muss klar gesagt werden: Journalisten, die über ein Unternehmen berichten, dürfen nicht auch Aktien dieser Firma besitzen.
Und: Journalisten dürfen keine teuren Einladungen annehmen , zu Premieren der Salzburger Festspiele nebst Reise und Übernachtung zum Beispiel.
Auch die Medienbranche bracht klare Regeln. Deutsche Verlage liefern dafür Vorlagen. Wenn wir von der Politik Transparenz verlangen, dann müssen wir diese Forderung auch selbst erfüllen. Das ist eine Sache der Glaubwürdigkeit.

Pressefreiheit ist außerdem kein nationales, innenpolitisches Phänomen. Ich bin Mitglied im Board des International Press Instituts, das mit Sitz in Wien mit Direktorin Alison McKenzie weltweit für Pressefreiheit kämpft. Beeindruckende Kolleginnen und Kollegen habe ich auch im Rahmen meiner Arbeit für die Unesco-Press Freedom Jury getroffen.

Bei der Women Media Leaders Conference in Washington im März des Vorjahres habe ich Nadia Al-Sakkaf, damals 34, kennengelernt. Ihr Vater hat 1990 die englischsprachige Zeitung Yemen Times – eine unabhängige Stimme – gegründet, er kam 1999 unter nie geklärten Umständen bei einem ominösen Autounfall ums Leben. Seit 2005 ist Nadia Chefredakteurin. Bedrohungen ihres unabhängigen Kurses kamen von außen und von innen. Von außen durch das Regime, weil sie Reformen und Rechte für Frauen einforderte. Von innen, weil sie die Hälfte ihrer elf Mitarbeiter „nicht akzeptieren wollten, dass eine Frau jetzt der Boss ist", wie sie mir erzählte.

Einige Wochen nach unserer Begegnung in den USA war sie in Wien, sie bat um Hilfe: Der Arabische Frühling hatte zu mehr Freiheiten, aber auch zum Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit der Einnahmequellen geführt.
10.000 Euro vom dänischen Verlegerverband waren inzwischen aufgebraucht.
Auf meine Bitte hin hat Oscar Bronner den VÖZ damit befasst. Die Antwort war Nein, man könne keine Präzedenzfälle schaffen. Auch im IPI selbst gab es Diskussionen.

Ich habe mich so geschämt, dass ich aus eigenen Mitteln einen vierstelligen Betrag überwiesen habe. Und ich freue mich, jetzt mit meinem Preisgeld noch einmal helfen zu können. Denn inzwischen kann die Yemen Times nur noch drei Journalisten bezahlen. Sie darf aber als wichtige unabhängige Stimme nicht verstummen, gerade jetzt, da das Land einen Aufschwung erlebt, die Chance auf Demokratisierung nach dem Abgang von Präsident Saleh hat.

Was es heißt, für Pressefreiheit zu kämpfen, hätte Nadja gerne persönlich in Wien erzählt. Sie ist aber im siebten Monat mit ihrem zweiten Kind schwanger, darf nicht mehr fliegen und hat deshalb eine Videobotschaft geschickt.

Greetings

My name is Nadia Al-Sakkaf. I am the editor in chief of The Yemen Times, an independent English language newspaper in Yemen.

My country is heavily misunderstood around the world. And it does not help that freedom of press in my country is challenged and many times oppressed.

We have just emerged from what is called the Arab Spring, which gave me personally and my people hope for change.
Now that we have the will for change to the better, we are struggling with the channels to create and sustain this change.

Promoting free and independent media is one challenge that Yemen is still struggling with. Last year my newspaper was on the verge of collapse because of the political and security instability and lack of advertisements.

But with sheer will and support from our friends around the world we made it through.
Now as a newspaper, as we are attempting to stand again on our own two feet, we are helping the entire country do the same.

I am grateful for all those who directly or indirectly supported me personally or my country in its mission to democracy and freedoms.
It is enough for us that you don't endorse stereotypes, and take the time to listen, see for yourself before you judge, and I thank you for that.

Special thanks to my friend Alexandra Foederl-Schmid who has especially been supportive, and congratulations for winning this prestigious award, you deserve it.
Thank you.

Viel von dieser journalistischen Leidenschaft, von dieser Kraft, nach vorne zu schauen und Widerständen zu trotzen, wünsche ich uns allen.

Zum Thema
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