Tod im Friaul

    Glosse25. Mai 2012, 09:00
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    In Italien ist es nicht anders: Es gibt nur eine Art, tot zu sein, aber viele, zu sterben. Von Katzenbabys, Puffmüttern und Begräbnisclowns ...

    Im Friaul geht uns das Sterben deswegen so nahe, weil man als Migrant bei null beginnt, viele Bekannte erwirbt, um am Ende einen oder zwei Freunde als Dividende auf dem Lebenskonto zu haben. Doch zunächst trauern wir nur um ein Haustier.

    Eine Katze namens Insect

    Ich will mit diesem Namen für unsere Katze nur Antonia, die neue Bekannte, ein wenig ärgern. Sie ist Katzenfan und meint zu diesem Thema Folgendes: "Katzen sind sauber und intelligent. Hunde hingegen schmutzig und dumm!" Antonia und so gut wie jeder Mensch im flachen Teil des Friaul, rund um Palmanova, hat zwei bis 60 Katzen. So wie Bauer Edi.

    Bei Eduardo, dem einsam am Rande von Santa Maria la Longa lebenden Milchbauern, kaufen wir immer selbst gemachte Butter, Käse und frische Kuhmilch. Diesmal auch eine Baby-Katze. Als uns Antonia wieder besucht, ist sie begeistert. Dann beginnt die Katze ihren Hintern zu lecken, und ich sage zu Antonia: "Ich habe schon oft Katzen gesehen, die sich den Arsch lecken, aber ich habe noch nie eine Katze gesehen, die duscht." Dann beginnt die Katze ihrem eigenen Schwanz nachzujagen, und ich sage zu Antonia: "Das sieht nicht sehr intelligent aus. Mir scheint, Katzen sind so klug wie Insekten, aber halt mit kuscheligem Fell und nur vier Beinen. Und nur zwei lieben Augen im Kopf."

    Der Tod von Insect ist Teil der ländlichen Idylle und keine friulanische Besonderheit. Als wir Insect am Vormittag finden, ist sie so flach, dass es sicher scheint, dass der Arbeiterbus nach Cervignano um 6.15 Uhr die Katze totfährt und der Schülerbus nach Udine um 7.15 Uhr noch einmal, Vorder- und Hinterreifen mittig, darüberfährt. "So ist das nun mal am Lande", sage ich später zu Antonia. "Auf jede Katze wartet irgendwo ein Autoreifen." Bald holen wir noch eine Katze bei Bauer Edi. Nach der dritten hört Antonia auf, uns zu besuchen. Wir hören auf, bei Bauer Edi namenlose Katzen zu kaufen.

    Mutter schläft nur

    Der Bürgermeister von Santa Maria la Longa kommt, als Francos Mutter hundert wird. Jetzt, drei Jahre später, liegt sie noch immer im selben Bett und atmet noch immer mit Hilfe einer Sauerstoffflasche, die Franco jede Woche neu füllen lässt. Franco und seine Mutter sind unsere Nachbarn. Früher ist die Mama Besitzerin eines Puffs in Udine und der Sohn ein bekannter Schlagersänger. Er singt und tourt mit Tereza Kesovija, Mišo Kovač und allen großen Stars der 60er und 70er in Titos Jugoslawien. Immer im Sommer, immer die Grand-Hotel-Tour entlang der Küste.

    Doch Franco hat zwei Schwächen: Nachtclubs und Glücksspiel. Die langen Winternächte in den Clubs und der Alkohol zerbrechen seine Stimme, das Geld vom Verkauf des mütterlichen Puffs, 20 Jahre zuvor, versickert in dem grünen Filz und in Automaten. Nun lebt Franco von der Pension seiner Mutter. Und seine Mutter lebt von etwas Brei und Sauerstoff. In den letzten zwei Wochen aber, so sagt uns Franco, schläft Mama praktisch nur noch. Es ist ja ein trüber Winter ...

    Am nächsten Tag kommt ein Rettungswagen, und die Sanitäter tragen die tote Mutter in den Hof. Eine Woche später kommen die Carabinieri und nehmen Franco fest. Bei der Obduktion fällt auf, dass Francos Mutter seit mindestens drei Wochen tot ist. Doch Franco ist nur ein Spieler, kein Mörder. Als er merkt, dass Mama trotz Sauerstoffs nicht mehr atmet, fällt sein Blick auf den Kalender. Nur noch zwei Wochen bis zu Mutters Pension. Der letzten. Und es ist Winter. Franco öffnet das Zimmerfenster und schaltet die Heizung aus. Zwei Wochen später, gleich nachdem der Postbote die Pension gebracht hat, ruft Franco den Notarzt. Später muss er gemeinnützige Arbeit leisten, um den Sozialbetrug abzubüßen. Er stirbt ein Jahr nach seiner Mutter mittellos im Krankenhaus von Palmanova.

    Gerhardo Chiaselotto, italiano vero, 1950-2005

    Er wird nur Jerry genannt und ist ein Kind Gorizias mit neapolitanischen Vorfahren. Die Einbrüche in Waffengeschäfte, der Schmuggel von Kleinkaliberpistolen und deren Verkauf an das Halbmilieu in Jugoslawien, gleich jenseits der Grenze, sind Jugendsünden, die Jerry nie vor Gericht büßen muss. Genauso wenig wie später den lukrativeren Diebstahl neuer italienischer Automodelle und deren Verkauf an seine Pistolenkunden in Jugoslawien.

    Denn wider Erwarten wird Jerry doch Familienvater und braver Fernfahrer. Er arbeitet viel und ist wenig zu Hause, seine Frau landet nach zwei Kindern im Bett des Nachbarn. Doch Jerry ist hartnäckig. Er gründet erfolgreich eine kleine Baufirma und genießt, dass er bei Frauen ankommt. Jahrelang geht alles gut, bis sein Partner die Firma in Steuerschulden treibt. Doch Jerry hat noch eine seiner kleinen Pistolen von früher und überfällt eine kleine Bankfiliale. Am nächsten Tag eine weitere, weil das Geld zu wenig ist. Dann zahlt Jerry seine Steuern, wird wieder Fernfahrer und unser bester, einziger und aufrechter original italienischer Freund in Italien.

    Jerry ist immer witzig, nie plump. Er ist charmant, nie "anlassig", immer gut gelaunt, nie überschießend oder ordinär. Und er ist hilfsbereit in der Art des offenen Herzens, nicht in der Art des Helfersyndroms. Und ja, Jerry hat bis zuletzt Affären mit Frauen. Un italiano vero.

    Jerry erstickt in seiner kleinen Wohnung in Cervignano. Doch zuvor, so erfahren wir, schreit er mehrere Stunden um Hilfe. Dass er unheilbar krank und sein Tod nur eine Frage von Monaten ist, weiß Jerry seit Wochen, aber er erzählt es niemandem. Seinen Tod verursacht die Kombination aus Kehlkopfkrebs, Chemotherapie und AIDS. Seine letzte gute Tat ist die Heirat mit einer ältlichen Ukrainerin, damit sie eine italienische Witwe in der EU sein kann.

    Sein Begräbnis verläuft ganz nach Jerrys Wunsch. Vorne der Sarg mit einer roten Rose am Deckel. Dahinter eine Musikerband, die als Clowns verkleidet ist und das Zirkuslied spielt. Und dahinter seine Ex-Frau, die Kinder und alle seine Liebhaberinnen, deren rund drei Dutzend auch kommen. Nur einen Pfarrer verbittet sich Jerry ausdrücklich. Dieser allerletzte Wunsch von Gerhardo Chiaselotto, unserem Freund, bleibt im katholischen Italien leider unerfüllt. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 25.5.2012)

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      In Italien ist es nicht anders: Es gibt nur eine Art, tot zu sein, aber viele, zu sterben.

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