Befremden über Territorial-Gehabe der documenta

24. Mai 2012, 13:41
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Evangelische Kirche verzichtet nach Einspruch auf Kunst-Schau - Künstler Schneider: "Das Verhalten der documenta ist einfach nur beschämend"

Kassel  - Nachdem die katholische Kirche in Kassel sich wegen einer Skulptur die Kritik der Weltkunstschau documenta zugezogen hatte, hat nun die evangelische Kirche nach Protest der documenta-Macher auf eine geplante Ausstellung in Kassel verzichtet. Der Mönchengladbacher Künstler Gregor Schneider  habe ein interessantes Projekt für die Karlskirche und den Vorplatz vorgelegt, sagte der Direktor der Evangelischen Akademie Hofgeismar, Karl Waldeck; die documenta habe jedoch signalisiert, dass sie ein Kunstwerk auf einem öffentlichen Platz nicht wünsche. Die documenta-Macher wollten das Thema nicht kommentieren.

Schneider wollte während der documenta eine Installation an der Karlskirche aus Resten eines Festes in Kalkutta ausstellen - unter anderem auch auf dem Kirchenvorplatz. "Das Verhalten der documenta ist einfach nur beschämend und macht mich sprachlos", sagte er. Das Projekt umzusetzen, ohne den Vorplatz einzubeziehen, sei nicht so interessant gewesen, betonte Waldeck. Rund 70.000 Euro waren als Budget für die Ausstellung veranschlagt worden. "Ich kann die Enttäuschung von Herrn Schneider verstehen", sagte Waldeck.

Erst vor kurzem hatte documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld die katholische Kirche kritisiert, weil auf dem Turm der Sankt-Elisabeth-Kirche in Kassel eine menschliche Figur des Bildhauers Stephan Balkenhol installiert wurde. "Es stört erheblich. Die künstlerische Leiterin fühlt sich von dieser Figur bedroht, die mit der documenta (13) nichts zu tun hat", sagte er. Er fordere Respekt für die Weltkunstausstellung, könne aber nicht vorschreiben, dass die Figur entfernt werde. Bereits im Vorfeld habe er beide Kirchen aufgefordert, auf zeitgenössische Kunst zu verzichten.

Viel Natur und Nachhaltigkeit

Gut zwei Wochen vor Beginn der documenta (13) hat die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev am Mittwoch Details zu einigen Kunstwerken verraten. Das Kunstmagazin "art" zieht nach, 20 Kunstwerke der documenta werden am Freitag unter www.art-magazin.de online vorgestellt. Das Sample bestätigt die Ankündigungen von Christov-Bakargiev: Vieles dreht sich um Kapitalismus-Kritik,  der Kunstbegriff ist sehr weit gefasst, die Stadt Kassel dient mehrfach der Inspiration. Eine documenta-Sprecherin sagte zur "art"-Bekanntgabe, die Namen würden von der documenta nicht bestätigt. Offiziell sollen die Teilnehmer der weltweit wichtigsten Kunstausstellung am 6. Juni vorgestellt werden.

Was Christov-Bakargiev mitteilte: Der chinesische Künstler Song Dong zeigt auf einem großen Rasenfeld in der Karlsaue vor der Orangerie einen großen Hügel, auf dem Pflanzen wachsen. Der Hügel war schon vor Wochen aufgeschüttet worden und hatte bei Beobachtern viele Fragen aufgeworfen. "Bäume und Pflanzen wachsen auf Müll", erklärte Christov-Bakargiev. Dies sei zwar kein spektakuläres Werk, aber eine Form von Optimismus, der zur documenta passe.

Zudem entsteht vor der documenta-Halle auf dem zentralen Friedrichsplatz ein "Schmetterlingsgarten" der Künstlerin Kristina Buch. In einem Hochbeet stehen Pflanzen, die Schmetterlinge anziehen sollen. Zum Kunstwerk gehört auch das Schlüpfen der Tiere. Sie wolle eine Balance zwischen Stadt und Natur, sagte Christov-Bakargiev.

In der Karlsaue sind insgesamt rund zwei Dutzend Hütten aufgestellt, in denen Künstler ihre Werke präsentieren. Die Hütten aus Holz und anderen umweltverträglichen Materialien werden nach dem Ende der Ausstellung zurückgebaut. Christov-Bakargiev sagte, ihre Vision sei, "einen Raum in der Karlsaue zu schaffen, in dem sich Kunst und Natur verbinden". Beim Spazierengehen oder Radfahren durch das Grün des Parks treffe man auf kleine Häuser, jedes von ihnen anders und speziell dafür entworfen, die Vision des jeweiligen Künstlers zu unterstützen.

Die documenta  öffnet am 9. Juni ihre Tore und dauert 100 Tage.   Nach bisher durchgesickerten Informationen könnte die Schau heuer ohne künstlerische Beiträge aus Österreich stattfinden: Abgesehen von Experimentalphysiker Anton Zeilinger, der Teil des Kuratoren- und Beraterteams ist, sind zumindest bisher keine heimischen Teilnehmer bekannt.  (APA, 24.5.2012)

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