Twitter sperrt Konten von Olympia-Gegnern

Vorwurf der Markenrechtsverletzung trotz Satire-Account

Sportliche Großereignisse wie die Euro 2012 oder die Olympischen Spiele in London werden im Social Web nicht nur kommentiert und analysiert, sondern vor allem mit Bildern und Videos zahlreich von Fans untermalt. Absurditäten, die im Zusammenhang mit Sponsoren dieser Veranstaltungen stattgefunden haben, nahmen bisher nur ungewöhnliche Ausmaße im Leben abseits des Internets an. So gibt es Berichte über Fußballstadien, die Fans mit Artikeln von Sponsor-Konkurrenten abwiesen oder Männern, die während Sportveranstaltungen ohne Hosen zusehen mussten, weil sie die falsche Marke anhatten.

Twitter vertritt wirtschaftliche Interessen

Doch längst sind die wirtschaftlichen Interessen von Financiers auf das Internet übergeschwappt. So gab es schon vor einigen Wochen im Microblogging-Dienst Twitter große Aufregung über die Politik des Unternehmens. Davon betroffen sind nicht nur akkreditierte Journalisten, sondern vor allem die Athleten und Mitarbeiter. So dürfen diese laut der eigens kreierten Policy keine Fotos, Videos oder persönliche Befindlichkeiten twittern. Erwähnungen von anderen Athleten, Diskussionen mit Twitter-Usern und das Erwähnen von Marken, Produkten oder Services sind untersagt. Und Twitter darf bei Verstößen gegen diese Richtlinien, die vom Olympischen Komitee festgesetzt wurden, User von der Plattform verbannen. Geschützt werden sollen damit vor allem die Exklusivrechte der Sponsoren. 

Keine Fotos, keine Bilder

Der offizielle Hashtag #London2012, der für die Olympischen Spiele gewählt wurde, darf von Nicht-Sponsoren für Werbezweke nicht verwendet werden. Und hier kommt Twitter zum Zug, denn sie haben dem Olympischen Komitee versichert, dass eine Verwendung des Hashtags in Werbeformen auf der Plattform exklusiv Sponsoren zur Verfügung steht. Inwieweit sich das auf private User erstreckt, ist im Moment noch nicht klar. Das Verbot des Postens von Bildern und Videos während der Spiele dürfte aber Konsequenzen nach sich ziehen. 

Satire ist kein Argument mehr

Der jüngste Fall, indem User zum Opfer dieser Restriktionen wurden, ereignete sich erst am Mittwoch. Eine Protestseite, die aus Spaß erstellt wurde und sich "Official Protesters of the London 2012 Olympic Games" nennt, wurde seinen Twitter-Account sehr schnell los. Der Account @spacehijackers wurde gesperrt, weil er einen Teil des offiziellen Logos im Avatar trug. Doch das bloße Austauschen des Avatars war nicht die einzige Bedingung, um den Account freizuschalten: Ein Disclaimer, dass der Account nicht mit der offiziellen Marke der Olympischen Spiele in Zusammenhang steht, wurde für die Freischaltung unabdingbar. Satire als Begründung, wie sie sonst bei Prominenten oder Marken akzeptiert wird, ließ man hier nicht gelten. 

Hafen der freien Meinungsäußerung

In einer Stellungnahme der @spacehijackers heißt es: "Twitter. Der Hafen der freien Meinungsäußerung, von arabischen Diktatoren unerschrocken. [...] ein schnelles Wort von LOCOG, dem nicht gewählten Gremium zuständig für die Olympischen Spiele 2012, ist genug, Twitter zur Suspendierung eines Kontos zu ermutigen."

Streisand-Effekt

Was mit jenen Zuschauern, freiwilligen Arbeitern und Journalisten passiert, die sich an dieses Regelwerk nicht halten, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Kommentiert und analysiert wurde die Social Media Policy auf sportsnetworker.com. Der Streisand-Effekt im aktuellen Fall ist jedenfalls durch den Hashtag #SpaceHijackers spürbar. Ob Agents Provocateur mit Absicht und aus Protest gegen diese Richtlinien verstoßen werden, bleibt abzuwarten. (iw, derStandard.at, 24.5.2012)

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