Mageia 2 im Test: Das Allround-Linux

  • Mageia gibt sich betont neutral in Desktop-Fragen, die beiden "Großen" KDE und GNOME stehen gleichberechtigt zur Wahl, einen Klick weiter gibt es aber noch zahlreiche andere Lösungen.
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    screenshot: andreas proschofsky

    Mageia gibt sich betont neutral in Desktop-Fragen, die beiden "Großen" KDE und GNOME stehen gleichberechtigt zur Wahl, einen Klick weiter gibt es aber noch zahlreiche andere Lösungen.

  • Der DVD-Installer von Mageia ist sehr gut gelungen: Bis auf einige wenige Eckdaten wird alles automatisch konfiguriert, die NutzerInnen dürfen aber manuelle Korrekturen vornehmen - so sie das denn wollen.
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    Der DVD-Installer von Mageia ist sehr gut gelungen: Bis auf einige wenige Eckdaten wird alles automatisch konfiguriert, die NutzerInnen dürfen aber manuelle Korrekturen vornehmen - so sie das denn wollen.

  • Der KDE 4.8-Desktop von Mageia, von Haus aus wird hier das alte KMenu verwendet.
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    Der KDE 4.8-Desktop von Mageia, von Haus aus wird hier das alte KMenu verwendet.

  • Eine der großen Stärken von Mageia ist fraglos das eigene Control Center, über das sich bequem diverse Administrationsaufgaben vornehmen lassen.
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    Eine der großen Stärken von Mageia ist fraglos das eigene Control Center, über das sich bequem diverse Administrationsaufgaben vornehmen lassen.

  • Auch GNOME gibt es auf dem neuesten Stand, die Distribution nimmt hier nur leichte Modifikationen vor. So werden etwa von Haus aus Icons am Desktop angezeigt.
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    Auch GNOME gibt es auf dem neuesten Stand, die Distribution nimmt hier nur leichte Modifikationen vor. So werden etwa von Haus aus Icons am Desktop angezeigt.

  • Nach der Aktivierung der "nonfree" und "tainted" Softwarequellen können zahlreiche aus rechtlichen Gründen nicht mitgelieferte Programme - etwa Flash oder Audio/Video-Codecs - rasch nachinstalliert werden.
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    Nach der Aktivierung der "nonfree" und "tainted" Softwarequellen können zahlreiche aus rechtlichen Gründen nicht mitgelieferte Programme - etwa Flash oder Audio/Video-Codecs - rasch nachinstalliert werden.

  • In Browserfragen vertraut Mageia dem Firefox, hierbei nutzt man die von Mozilla vor allem für Unternehmen gedachte "Extended Support Release".
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    In Browserfragen vertraut Mageia dem Firefox, hierbei nutzt man die von Mozilla vor allem für Unternehmen gedachte "Extended Support Release".

  • Amarok 2.5.0 darf beim KDE natürlich nicht fehlen.
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    Amarok 2.5.0 darf beim KDE natürlich nicht fehlen.

  • Einer der verfügbaren Desktops ist der noch recht junge Razor-qt, der eine leichtgewichtige Alternative zu KDE bieten soll.
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    Einer der verfügbaren Desktops ist der noch recht junge Razor-qt, der eine leichtgewichtige Alternative zu KDE bieten soll.

  • Auch "Klassiker" wie Enlightenment 17, Xfce oder LXDE stehen zur Wahl.
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    Auch "Klassiker" wie Enlightenment 17, Xfce oder LXDE stehen zur Wahl.

Mandriva-Nachfolger setzt auf Desktop-Unabhängigkeit: Von KDE über GNOME und LXDE bis zu Razor-Qt

Über viele Jahre hinweg war das aus Frankreich stammende - und ursprünglich auf Red Hat basierende - Mandrake Linux eine der beliebtesten Distributionen. Gerade unter Linux-Desktop-NutzerInnen erfreute es sich einer regen Gefolgschaft, früh hatten die EntwicklerInnen verstanden, wie wichtig es ist, nicht nur Installation und Konfiguration des Systems sondern auch die alltäglichen Desktop-Aufgaben möglichst einfach nutzbar zu machen.

Doch was dann folgte war weniger erfreulich: Jahrelang wurde das dahinter stehende Unternehmen von schwerwiegenden finanziellen Schwierigkeiten und Rechtsstreitigkeiten geplagt, in deren Folge nicht zuletzt die Umbenennung auf "Mandriva Linux" erfolgte. (die allerdings auch die Zusammenlegung mit dem brasilianischen Linux-Hersteller Conectiva symbolisierte, Anm.). Nach einigen Entlassungswellen, kam im Jahr 2010 dann das de fakto "Aus", für Mandrake/Mandriva in seiner bisherigen Form: Ein Großteil der verbliebenen EntwicklerInnen wurde entlassen, die Entwicklung läuft seitdem nur mehr auf Sparflame.

Wiederauferstehung

Doch anstatt das Ende der alteingesessenen Distribution einzuläuten, sollte sich diese Geschichte zu einem Lehrbeispiele für die Meriten von Open Source entwickeln: Eine Reihe von ehemaligen Mandriva-Angestellten und Community-Mitgliedern versammelten sich kurzerhand im Mageia-Projekt, um mit einer Abspaltung der Mandriva-Codebasis eine neue Distribution auf die Beine zu stellen. Und zwar eine, die ganz und gar von der Community getragen ist, auf den Goodwill einzelner Firmen will man sich nach solch eine Vorgeschichte wohl so schnell nicht mehr einlassen.

Im Juni 2011 folgte dann die erste große Release von Mageia, der es umgehend gelang, neues Interesse in der Linux-Community zu entfachen. Mittlerweile hat man es so auf Platz 3 des Distrowatch-Distributions-Rankings gebracht. Und auch wenn die Distrowatch-Zahlen natürlich keine reale Verbreitung wiedergeben, lässt sich daran doch zumindest ein durchaus hohes Interesse an der Distribution ablesen - das sich in naher Zukunft wohl noch weiter steigern wird. Hat das Projekt doch mit Mageia 2 gerade erst eine neue Ausgabe der eigenen Softwarezusammenstellung abgeliefert.

Vielfältig

Schon vor dem Download wird einer der zentralen Eckpunkte der Mageia-Philosophie offenbar: Wo andere Distributionen immer offensiver eine stark fokussierte, auf einen Desktop ausgerichtete Strategie verfolgen, bevorzugt Mageia einen anderen Ansatz, der im besten Sinne als "Old School" bezeichnet werden darf: Das Projekt gibt sich nämlich Desktop-neutral. Das heißt nicht nur, dass KDE und GNOME gleichberechtigt zur Wahl stehen, darüber hinaus bemüht man sich, eine möglichst große Zahl an alternativen Lösungen - von LXDE über Xfce und E17 bis zu dem noch recht jungen Razor-Qt - anzubieten. Zum Download gibt es neben schlanken Live-CDs für KDE- und GNOME-Umgebungen denn auch eine umfassende Install-DVD auf der eine Vielzahl an Programmen versammelt sind.

Installation

Der Installationsvorgang gehörte schon immer zu den großen Stärken von Mandrake/Mandriva, und dies setzt sich auch beim Nachfolger fort: Ob über DVD oder Live-CD, ein neues Mageia-System ist in wenigen Klicks problemlos installiert. Flexibler ist dabei natürlich die DVD-Version, immerhin kann man sich die Softwareauswahl dabei nach Belieben zusammenwürfeln, während bei den Live-CDs ein vorgefertigtes Desktop-Set auf die Platte wandert. Auch sonst gilt, dass die DVD-Version wesentlich mehr Konfigurationsspielraum bietet, erfreulicherweise aber ohne diese Vielfalt den NutzerInnen aufzuzwingen. Der Großteil der Einstellungen wird automatisch erstellt, lässt sich auf Wunsch anpassen - oder eben auch nicht.

Was noch auffällt: Bei den Live-CDs werden schon beim Boot einige Einstellungsoptionen abgefragt, dies hat aber durchaus einen guten Grund. Im Gegensatz zu den meisten anderen Distributionen vereint Mageia mehrere Sprachoptionen auf einem Live-Medium. Entschließt man sich nach dem Ausprobieren des Live-Systems zur Installation, werden die nicht benötigten Lokalisierungen dann aber erfreulicherweise nicht mitkopiert.

Neuerungen

Gegenüber der Vorgängerversion kann Mageia 2 mit einigen zentralen Änderungen aufwarten. Allen voran wohl der Umstieg auf das neue Boot-System Systemd, das sich also langsam - jenseits von Ubuntu - zur neuen Default-Lösung in diesem Bereich aufschwingt. Zudem bringt Mageia 2 einen Generationswechsel in Desktop-Fragen, kommt hier doch erstmals GNOME3 zum Einsatz, konkret schon die aktuelle Version 3.4.1. Der KDE ist ebenfalls äußerst aktuell gehalten, hier liefert das Projekt die Version 4.8.2 mit.

Wahlfragen

In Fragen Softwareausstattung gibt sich Mageia äußerst "großzügig", gerade bei der DVD-Ausgabe wandern schon von Haus aus relativ viele Anwendungen mit auf die Platte. Ob das Sinn macht sei dahingestellt, immerhin ergeben sich so unnötige Dopplungen. Auch sonst gehört die Default-Softwarewahl nicht unbedingt zu den Stärken der Distribution, vor allem was die GNOME-Variante betrifft. Hier sind mit Epiphany und Firefox gleich zwei Browser installiert, wovon ersterer prominent im Launcher-Bereich platziert ist, zweiterer aber die Voreinstellung für Web-Links ist. GNOME Contacts oder Documents sucht man hingegen vergeblich (lassen sich aber natürlich nachträglich einrichten), dafür gibt es einige Anwendungen, bei denen man sich zurecht wundern darf, wieso diese im Default-Install landen. Etwa der nicht mehr ganz aktuelle Videotelefonie-Client Ekiga oder die Fernsehanwendung TVTime.

Aktualität

Freilich lässt sich die Softwareausstattung ohnehin noch nachträglich nach Belieben anpassen, insofern lieber ein Blick auf die Aktualität des Gebotenen: Mit Kernel 3.3.6, PulseAudio 2.0, RPM 4.9 und X.org 1.11.4 ist Mageia weitgehend am neuesten Stand. Das gilt auch für Anwendungen wie LibreOffice (3.5.3.2) oder GIMP (2.8.0). Beim Firefox hat man sich hingegen für eine konservative Herangehensweise entschlossen, Mageia folgt nämlich den "Extended Support Releases" (ESR) von Mozilla, die vor allem für Unternehmen gedacht sind, und langfristig mit Updates versorgt werden - ohne sonst laufend größeren Änderungen zu unterliegen. In Mageia 2 gibt es konkret Firefox 10.0.4 ESR.

Die KDE und GNOME-Desktops sind beide durchaus gelungen, Mageia schreckt dabei auch nicht vor der einen oder anderen Modifikation zurück. Zwei Beispiele: Unter KDE kommt das klassische KMenu statt dessen Nachfolger Kickoff zum Einsatz, der Wechsel ist allerdings mit zwei Mausklicks vorgenommen. Bei GNOME3 wiederum werden entgegen den sonstigen Gepflogenheiten Icons am Desktop abgelagert.

Aufteilung

Zum Softwareangebot noch ein Tipp: Mageia teilt dieses in drei Kategorie: Da wäre zunächst "Core", wo alle "freien" Programmen landen, dann gibt es aber noch "non free" für proprietäre Software sowie "tainted" für rechtlich in manchen Ländern Problematisches. Die beiden letzteren Repositories sind zwar schon voreingestellt, müssen aber noch aktiviert werden. Ist dieser Schritt erfolgt, stehen dann auch Flash sowie Audio- und Video-Codecs direkt in der Softwareverwaltung zur Verfügung.

Und da hätten wir schon ein gutes Stichwort: Das Einrichten zusätzlicher Software wird nämlich im Mageia Control Center vorgenommen, das sich auch sonst als echtes Plus für die Distribution erweist. Können hier doch eine Vielzahl von Administrationsaufgaben bequem in einem grafischen Tool vorgenommen werden - von der Konfiguration zusätzlicher Hardware bis zum Partitionieren der Festplatte. Und auch wenn viele erfahrene Linux-NutzerInnen die Nase über solche Tools rümpfen, gerade für EinsteigerInnen können sie eine nicht zu unterschätzende Hilfestellung sein.

Fazit / tl;dr

Mageia 2 weiß ausgerechnet mit dem zu punkten, wovon sich viele andere Distributionen mittlerweile gezielt entfernen: Mit der Vielfalt an Desktops, Anwendungen und der Möglichkeit diese nach Belieben zu kombinieren. Das bedeutet natürlich nicht, dass Ubuntu, Fedora und Co. mit ihrem Streben nach einer einheitlicheren User Experience falsch liegen. Allerdings tut sich damit eben auch eine Lücke für "klassische" Linux-Distributionen auf - und diese kann Mageia bestens abdecken. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 14.07.12)

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