Tante Königs Hütte in Lesotho

  • Lesotho blieb von den Kolonialherren aus Europa weitgehend verschont. Eine Familie vor ihrer Tswana, der typischen Rundhütte.
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    foto: diana frances/corbis

    Lesotho blieb von den Kolonialherren aus Europa weitgehend verschont. Eine Familie vor ihrer Tswana, der typischen Rundhütte.

  • Die Lesiba, ein Holzstab mit Vogelfeder und Pferdehaar, ist das traditionelle Musikinstrument der Basotho. Und Tutubale Tsoene ist der Mann, der es zum Klingen bringt.
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    foto: czaja

    Die Lesiba, ein Holzstab mit Vogelfeder und Pferdehaar, ist das traditionelle Musikinstrument der Basotho. Und Tutubale Tsoene ist der Mann, der es zum Klingen bringt.

  • Zu erreichen ist Lesotho mit dem Mietwagen von Bloemfontein oder Johannesburg aus. Das Touristenvisum ist an der Grenze erhältlich. Im Süden des Landes benötigt man einen Geländewagen mit Vierradantrieb.
Info
 Lesotho Tourism Development Corporation
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    Zu erreichen ist Lesotho mit dem Mietwagen von Bloemfontein oder Johannesburg aus. Das Touristenvisum ist an der Grenze erhältlich. Im Süden des Landes benötigt man einen Geländewagen mit Vierradantrieb.

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Das Königreich Lesotho ist eine kleine, gebirgige Enklave inmitten von Südafrika. Wojciech Czaja lief der Familie des Monarchen über den Weg

Ein Dröhnen und Brummen. Auf den ersten Blick kann man sich kaum vorstellen, dass man die Lesiba, diesen dicken Stecken mit Vogelfeder und Pferdehaaren dran, tatsächlich zum Klingen bringen kann. Doch Tutubale Tsoene ist ein Meister, wenn es um sein Lieblingsinstrument geht. Packt das Holz mit seiner rechten Hand, schmiegt die Lippen vorsichtig an die geknickte Vogelfeder und bringt den Pferdeschweif zum Schwingen. Nach ein paar Atemzügen ertönt das unverwechselbare Droooing.

"Ich spiele die Lesiba schon, seit ich ein kleiner Bub bin", sagt der 61-Jährige, lässt dieses ohrenpeinigende Zwitterwesen aus Maultrommel und Violinbogen keine Sekunde lang los. Früher war er Kuhzüchter und Hirte in Leribe, irgendwo im Landesinneren von Lesotho. Doch seitdem er blind ist, tourt er durchs Land und lebt vom Musizieren. In der Hochsaison arbeitet er im Basotho Village, einem Kulturzentrum im Golden-Gate-Nationalpark in Südafrika, eine gute Stunde Autofahrt von der Grenze entfernt.

"Im Vergleich zu dem, was ich früher verdient habe, ist das Gehalt der südafrikanischen Regierung sehr gut", sagt Tsoene. "Da zahlt sich das viele Pendeln schon aus." Kurz scheint es, als wollten seine matten Augen etwas sagen. "Wissen Sie, im Großen und Ganzen sind die Drakensberge ein einziger zusammenhängender Kulturkreis. Die Sprache ist die gleiche, die Traditionen sind die gleichen, und sogar die Kobo, die dicken Schafswolldecken, fühlen sich da wie dort gleich an. Trotzdem ist und bleibt Leribe meine Heimat. Ich kann den Unterschied sehen."

Enklave inmitten der Drakensberge

Als 1910 die Südafrikanische Union gegründet wurde, lehnte Lesotho, damals noch Basutoland, die Eingliederung in den neuen Staat ab und beschloss, britische Kronkolonie zu bleiben. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich der Stammesverband selbstständig. Seit 1966 ist Lesotho nun ein unabhängiges Königreich.

Nach wie vor ist die kleine Enklave inmitten der Drakensberge, die trotz der geringen Landwirtschaftsflächen fast ausschließlich vom Ackerbau lebt, eines der ärmsten Länder der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 520 Euro. Im Human-Development-Index von 2011 rangiert Lesotho auf Platz 160.

Mamoele Moshoeshoe arbeitet ebenfalls im Tourismus. Auch sie kehrte der Landwirtschaft eines Tages den Rücken, verdient sich ihr Leben nun als Verkäuferin in einem Buch- und Souvenirgeschäft. "Traditionell lebt meine Familie von Ackerbau und Viehzucht. Wir haben Kühe, Esel, Schafe, Enten und Hühner, und auf unseren Feldern wachsen Mais, Bohnen, Rüben, Kartoffeln und Kürbisse." Man braucht wenig Geld, denn der Tauschhandel mit den benachbarten Familien funktioniert schon seit Jahrhunderten. Niemand hungert. Das relativiert auch die hohe Arbeitslosenquote von 45 Prozent.

Aus der Tswana in den Zweitjob

"Wir können gut leben", sagt die 46-jährige Agrarwirtin aus Hlotse, die ganz nebenbei erwähnt, dass sie die Tante des amtierenden Königs Letsie Moshoeshoe III ist. "Aber spätestens, wenn die Kinder ins Schulalter kommen, beginnt das bewährte System zu kippen. Erziehung ist bei uns sehr teuer, irgendwie muss man ans Geld kommen." Ein Brotjob nebenbei ist unvermeidlich.

"Kommen Sie weiter", sagt Moshoeshoe, winkt herein in ihre Tswana, eine der typischen Rundhütten Lesothos. Unten Steinmauer, oben Grasdach, verputzt wird das Haus mit Kuhdung und Erde. Auf dem Boden liegen Kuhfelle. "Setzen Sie sich!" Gekocht wird in einer eigenen Tswana ein paar Meter weiter. Die Feuerstelle befindet sich in der Hausmitte. Das Prinzip des Schornsteins, scheint es, hat sich hier noch nicht durchgesetzt. Als hätte man den Innenraum mit schwarzer Ölfarbe ausgemalt, klebt an den Wänden eine dicke, schmierige Schicht aus Ruß und Fett.

"Es ist ein einfaches Leben", sagt Moshoeshoe. "Seit dem 16. und 17. Jahrhundert hat sich wenig verändert. Das liegt vor allem daran, dass die Kolonialherren in Lesotho weniger umtriebig waren als rundherum in Südafrika. Ich finde es schön, dass wir immer noch so nah an unserer Quelle leben."

Nachmittag. Die neue Arbeit ruft. Mit einem Schwung wirft sie sich die Wolldecke über die Schultern und marschiert los. In 20 Minuten muss sie unten an der Straße sein. Da holt sie das Sammeltaxi ab. Es wird ein Toyota-Kleinbus sein, voll mit Bauern aus der Region. Sie fahren in die Stadt zur zweiten Arbeitsstätte. (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 25.5.2012)

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