Aserbaidschans Versuch eines Spagats

Am 26. Mai fand in Baku das große Finale des Eurovision Song Contest statt. Das Land will mit diesem Event einen Spagat schaffen

Die Party beginnt bereits im Flugzeug, das gerade in Wien gestartet ist. Die slowenische Delegation rund um die Sängerin Eva Boto, die im zweiten Halbfinale des 57. Eurovision Song Contest antritt, freut sich offensichtlich, dass es endlich losgeht - zum Schlagerfestival in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Man prostet sich zu, manche stehen im Gang, fotografieren und filmen sich gegenseitig, man lacht lauthals, eine junge Frau singt. "Wann kommt man schon mal nach Aserbaidschan?", sagt eine der Backgroundsängerinnen. "Wir freuen uns einfach auf ein buntes Fest und eine gute Zeit."

Aserbaidschan, das südkaukasische Land, war vor nicht allzu langer Zeit wohl nur denjenigen bekannt, die mit Öl, Konfliktforschung oder mit Menschenrechten zu tun haben. Aserbaidschans Wirtschaft boomt - wegen des Öls, das bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in Baku gefördert wird. Regiert wird das Land von dem autokratischen Präsidenten Ilham Alijew und seinem Familienclan, der es mit Menschenrechten und Meinungsfreiheit nicht allzu genau nimmt. Eine gute Zeit haben nicht alle in Aserbaidschan. Regimekritiker und Journalisten leben gefährlich. Deswegen rauscht seit Wochen eine Welle der Kritik aus dem Westen in Richtung Kaukasus. "Ja", sagt die Sängerin. Sie habe davon gehört, dass Aserbaidschan keine Demokratie sei. "Aber ich bin mir sicher, dass sich die Menschen vor Ort auch darüber freuen, dass sie den Eurovision zu Gast haben."

Das Flugzeug dreht eine weite Kurve über der Bucht von Baku. Die Luft ist diesig, dunstig. Das Kaspische Meer glänzt in der Sonne. Man sieht die karge braune Landschaft der Apscheron-Halbinsel, auf der Baku liegt, die flachen Häuser in den Außenbezirken der Stadt, Öltürme und die vielen neuen Hochhäuser, die im Zentrum der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt in den vergangenen Jahre entstanden sind. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Einige nennen Baku aufgrund der gigantischen neuen Häusern, in denen sich das neue Selbstbewusstsein des Landes und der Regierung widerspiegelt, bereits "das Dubai am Kaspischen Meer" - was etwas übertrieben sein dürfte.

Entfache dein Feuer

Als die bunt-freakige Delegation aus Slowenien in der Halle des Grenzbereichs im Flughafen eintrifft, wird sie von dutzenden schlanken jungen Männern in schicken Anzügen oder Uniformen beäugt. Einige lächeln, tuscheln. Man sieht es sofort: Hier trifft eine ausgelassene Welt auf eine eher konservative Gesellschaft. Die Grenzer sind hilfsbereit, freundlich, und offensichtlich sind sie aus Anlass des Song Contest in Englisch geschult worden. "Wir wünschen Ihnen einen sehr schönen Aufenthalt in unserem Land", sagt der Beamte und lächelt. "Light your Fire" ist der Slogan des Song Contest in Baku. "Entfache dein Feuer!"

Baku, diese uralte Handelsstadt an der Seidenstraße, die von Persern, Turkvölkern, Russen und Sowjets geprägt und beherrscht wurde, hat sich herausgeputzt für ihren ersten großen Auftritt auf der europäischen Bühne, zu der man sich trotz der abseitigen Lage im Kaukasus zugehörig fühlt. "Ein Unternehmer hat sogar 2000 Taxis gekauft, die den englischen Taxis sehr ähnlich sehen, die aber aus China stammen", sagt Shehla Sultanova, eine junge Journalistin. "Dafür mussten die alten, klapprigen Ladas von der Straße." Alles, was man der Stadt als Makel auslegen könnte, soll verschwinden. Nur in den Randbezirken sieht die glänzende Welt trister aus . Die Uferpromenade aber ist grün, sauber.

Bauarbeiter sind noch dabei, die letzten Pflastersteine zu legen, den Dreck von Baustellen zu beseitigen. Überall flackern Lichter. Die Fassaden der Altstadthäuser sind saniert und beleuchtet. Der aus dem 12. Jahrhundert stammende Jungfrauenturm am Eingang der Icherisheher, dem ältesten Teil von Baku, ist rot angestrahlt. Der Stadtteil ist bekannt für seine engen Gassen, Moscheen, Teppichhändler, die staubbraunen, schmalen Häuser, Karawansereien und den Schirwanschah-Palast, der über der Altstadt thront, die zum Unesco-Welterbe gehört.

In der Ferne sieht man die mit den Flaggen der ESC-Teilnehmerländern beleuchtete "Kristallhalle", die extra für den Song Contest gebaut wurde - für die aber ein Viertel mit Häusern aus dem 19. Jahrhundert dem Erdboden gleichgemacht wurde. 20.000 Menschen wurden so auf ihren Häusern vertrieben, sagen Kritiker. Die Regierung verteidigte "die Sanierung" mit einem generellen Umbauplan der Stadt. Auf einem Hügel ragen die Glasfassaden der 190 Meter hohen Flammentürme empor, drei Stahlglasbauten in Form von Flammen, schließlich nennt sich Aserbaidschan "Land des Feuers". Blau, rot, grün leuchten die Türme, in den Farben der aserbaidschanischen Flagge.

Glitzern und Funkeln

Aserbaidschaner sind stolz auf ihr Land und auf ihre Hauptstadt. Spät am Abend flanieren tausende Menschen auf der Uferpromenade, Kinder halten Zuckerwatte in der Hand, ein paar junge Leute spielen Gitarre. Man erkennt nur wenige Touristen. Auch in der Innenstadt, die von den neoklassizistischen und barocken Häusern der internationalen und aserbaidschanischen Ölbarone des 19. Jahrhunderts geprägt ist, blinkt und glitzert es. Man sieht teure Autos, Boutiquen von westlichen Designern. Fast herrscht eine mediterrane Atmosphäre, und man will glauben, dass man sich in einem normalen Land befindet. Nur die auffällig vielen Polizisten und Sicherheitsleute, die vor jedem Hotel und an vielen Straßenecken stehen, erinnern den Besucher womöglich daran, dass er sich im Land eines autoritären Präsidenten befindet. Der Song Contest versucht in Baku einen Spagat, der kaum zu schaffen ist. Er will ein unbedarftes Musikfest sein - in einem Land, das zu viele kritische Fragen an den Besucher stellt.

"Natürlich freuen wir uns, dass wir uns nun in Europa als gute Gastgeber präsentieren können", sagt Ali, ein junger Student der Politikwissenschaft. "Viele genießen einen bescheidenen Wohlstand, den sie in den vergangenen Jahren erlangt haben. Das schreiben sie dem Präsidenten zu. Deswegen verzichtet man auch gern auf demokratische Freiheiten. Wandel bedeutet für viele die Rückkehr zum Chaos und zur Armut zu Beginn der Neunziger." Natürlich, sagt er, wolle sich das Regime im besten Licht darstellen. "Aber das tut ja jede Regierung der Welt bei solch einer Veranstaltung." Dass Kritiker aber unter Druck gesetzt würden, das würde auch bei ihm die Freude über das Großereignis sehr trüben. (Peter Müller, Rondo, DER STANDARD, 25.5.2012)

Share if you care