Dr. Chans bittere Medizin

23. Mai 2012, 19:10

Wiedergewählte WHO-Chefin kämpft mit Sparzwängen

Die zierliche Dame mit der strengen Kurzhaarfrisur konnte sich ihres Erfolges sicher sein. Margaret Chan wusste schon seit Monaten: Ihre Wiederwahl als Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war reine Formsache, Gegenkandidaten gab es nicht. Und so wählten die Delegierten der WHO-Vollversammlung "Madame Chan" am Mittwoch zum zweiten Mal zur obersten Gesundheitswächterin. Ihre nächste Amtszeit beginnt im Juli 2012 und endet im Juni 2017.

Die promovierte Medizinerin musste wohl auch deshalb keine Konkurrenz fürchten, weil der WHO ungemütliche Jahre ins Haus stehen: Die Organisation muss in ihrem globalen Einsatz gegen ansteckende Killerkrankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria endlich durchschlagende Erfolge liefern. Gleichzeitig bedrohen die sogenannten nichtan steckenden Krankheiten wie Krebs immer mehr Menschen. "Die nichtansteckenden Krankheiten sind die tödlichsten Krankheiten geworden", warnt Chan.

Doch die Chinesin muss den Kampf für eine gesündere Welt mit immer weniger Finanzmitteln und Personal führen. Der Grund: Die 194 WHO-Mitgliedsländer kappen in Zeiten der Sparbeschlüsse die Gelder.

Und: Der starke Schweizer Franken treibt die Kosten für die WHO-Zentrale in Genf nach oben. Noch verfügt die WHO über ein Budget von knapp vier Milliarden US-Dollar alle zwei Jahre. Noch arbeiten knapp 8000 WHO-Mitarbeiter für die WHO. Dr. Chan verpasste ihrem Personal aber schon eine bittere Medizin: Hunderte Mitarbeiter mussten gehen. Weitere hunderte Stellen stehen auf der Kippe. "Wir müssen mit unseren Mitarbeitern und Ressourcen nach immer mehr Effizienz streben", umschreibt Chan die ernste Lage.

Mit schwierigen Situationen ist Chan vertraut. Nach Ausbruch der Schweinegrippe 2009 musste sie sich vorwerfen lassen, sie stehe der Pharmaindustrie zu nahe. Chan hatte höchste Alarmstufe für die Krankheit ausgelöst. In der Folge stiegen die Verkäufe von Impfstoffen drastisch. Die Grippewelle verlief aber glimpflich. Die Kritik perlte an der WHO-Chefin ab. Ihre Argumentation: Hätte man nicht energisch reagiert, wäre die Schweinegrippe zu einer globalen Bedrohung eskaliert. (Jan Dirk Herbermann aus Genf /DER STANDARD, 23.5.2012)

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