Perfektionist und gefinkelter Bild-Journalist

23. Mai 2012, 18:27
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Das Patrizierstädtchen Nürnberg bereitet Albrecht Dürer, seinem berühmtesten Sohn, die größte Ausstellung seit 40 Jahren

 Im Germanischen Nationalmuseum rechnet man in den kommenden 100 Tagen mit bis zu 150.000 Besuchern.

Der Tod der Mutter schmerzte Albrecht Dürer sehr: so sehr, dass er es "nicht aussprechen kann". Aber als er die geliebte Mutter 25 Jahre zuvor porträtierte, behandelte der Maler sie auch nicht anders als jede andere ihrer Geschlechtsgenossinnen. Statt größtmögliche Individualität walten zu lassen, physiognomische Details akribisch und naturgetreu wiederzugeben, wie er es dem Vater angedeihen ließ, ist ihre Darstellung weniger präzise und plastisch, sie wirkt viel stereotyper.

Diese Ungleichbehandlung schürte lange Zeit Zweifel: Hatte es Dürer womöglich gar nicht selbst gemalt? Oder ist das undatierte Bildnis der Barbara Dürer schlichtweg aus der Hand des noch jungen, weniger souveränen Albrecht? Inzwischen zweifelt die Forschung nicht mehr an Dürers Schöpfung. Auch die Frühwerktheorie ist vom Tisch.

Der einzige "Makel" der Mutter ist: Sie war schlichtweg eine Frau. Und zu Dürers Zeit sah das Rollenfach für Mütter wenig Variation vor: Sittsam und gottesfürchtig sollten sie sein. Auch das übrige weibliche Spektrum war eingeschränkt: Heilige oder Heldin wurden, das zeigt die lokale fränkische Maltradition, stets als idealisierte Schöne ins Bild gesetzt.

Für Der frühe Dürer, die größte deutsche Dürer-Schau seit 40 Jahren (umfangreicher war nur jene der Wiener Albertina 2003) sind die Eheleute nun wieder vereint: Die Uffizien in Florenz liehen den "Vater" ans Germanische Nationalmuseum (GNM), wo die lange Zeit "unerkannte" Mutter verwahrt ist. Mit diesen neugewonnenen Erkenntnissen erklärt sich auch der Fokus der Ausstellung, die rund 200 Werke zeigt, davon 120 Dürer-Originale aus aller Welt: Es solle einmal nicht um das Künstlergenie aus romantischer Perspektive gehen, sondern um den "frühen" Dürer, die am schwierigsten zu beurteilende Werkphase eines Künstlers.

Zum intensiven Forschungsinteresse passt die dunkle, aber konzentrierte Atmosphäre, in die man eintaucht. Nur die vor rotem Tuch hervorgehobenen Dürer-Originale leuchten majestätisch aus dem Schwarz heraus. Statt die Ausstellung um Meisterwerke zu gruppieren, zeichnet man seine Entwicklung nach - etwa mit wunderbarsten Werken seiner Vorbilder: des in Franken hängengebliebenen Niederländers Hans Pleydenwurff, seines Lehrers Michael Wolgemut, von Martin Schongauer, Giovanni Bellini und Andrea Mantegna. Man beleuchtet Wanderjahre, Pathosformeln und sein unternehmerisches Talent mit der Herstellung von Drucken (Dürer als mittelalterlicher "Bild-Journalist"). Ein anspruchsvolles Proseminar mit Tiefgang.

Das OEuvre des fränkischen Meisters bis 1505 hat man komplett neu betrachtet, mit Infrarot und Röntgen durchleuchtet. Auch die Blätter der Albertina durften unter das Mikroröntgenfluoreszenzanalyse-Gerät. Was dabei herauskam? Thomas Eser vom GNM verriet so viel: Für das berühmte Barthaar des Hasen und die Signatur am Blatt wurde tatsächlich das gleiche Malmittel, dieselbe Tinte verwendet. Denn nicht selten hat Dürer durch nachträgliche Signaturen und Notizen Unruhe in die Forschung gebracht.

Für das Malen solch feiner Härchen in seinen Gemälden erntete Dürer, der als Millionär starb, viel Bewunderung seiner Zeitgenossen. Dürers malerische Perfektion begeisterte, riss den deutschen Humanisten Konrad Celtis zum Vergleich "neuer Apelles" (nach dem größten Maler des Altertums) hin. Vor diesem Hintergrund bewertet Eser im Übrigen auch das berühmte christusgleiche Selbstporträt Dürers: jenes Porträt im Pelzrock, das trotz Leihanfrage aus konservatorischen Gründen in der Münchner Pinakothek verblieb. Vielleicht habe Dürer sich gefragt, so Eser, wie Apelles sich in griechischer Tradition selbst porträtiert hätte.   (Anne Katrin Feßler aus Nürnberg,  DER STANDARD, 24.5.2012)

Bis 2. 9.


Info: Dürer in Nürnberg

Kein Hase im Bahnhof. Im Patrizierstädtchen verzichtet man darauf, dem Besucher mit gigantischen Plakaten den berühmten Sohn aufzuzwingen. Die Dürer-Vermarktung ist zurückhaltend. Rüsten kann man sich dennoch: Im nahen Tourismusbüro ist der "kleine" Dürer aus Plastik um 2,99 Euro erhältlich, ebenso ein paar Magnete und eine Tasche mit Rhinozeros und dem Hasen. Alles noch im Rahmen. Hilfreich erweist sich das kleine Büchlein Der Dürer Weg (9,80 Euro), das alle wesentlichen Orte vorstellt. Eine Audio-Variante ist leihweise im in Fußweite gelegenen Germanischen Nationalmuseum (Kartäuserg. 1) und im Dürer-Haus (Dürer-Str. 39) im Epizentrum des Mittelalter-Meisters, am Fuße der Burg, erhältlich. (kafe)

  • Familienzusammenführung nach 400 Jahren: Um 1490 malte Albrecht Dürer seine Eltern.
    foto: gnm

    Familienzusammenführung nach 400 Jahren: Um 1490 malte Albrecht Dürer seine Eltern.

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