Großer Ansturm auf Wahllokale

23. Mai 2012, 18:16
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50 Millionen Menschen wählen erstmals frei ihren Präsidenten - Der Ausgang des Rennens unter einem halben Dutzend Favoriten ist völlig offen

Mit einer Stichwahl Mitte Juni kann gerechnet werden.

 

"Zum ersten Mal macht diese Arbeit Sinn", sagt Ahmed, ein junger Staatsanwalt. An den beiden Wahltagen ist er der Chef eines Stimmlokals im Giza-Gymnasium in Kairo. Er überwacht den Prozess und kontrolliert zum Beispiel, ob mit den Bildern, die der Kameramann eines saudischen TV-Kanals schießt, das Wahlgeheimnis nicht verletzt wird.

Der Andrang ist schon in den frühen Morgenstunden groß, höher als bei den gefälschten Wahlen unter Mubarak, bestätigt Ahmed. Die Menschen warten trotz großer Hitze geduldig in der Schlange und scheinen die neue Freiheit zu genießen. Er hoffe, dass jetzt alles gut werde, vor allem die Sicherheit und die wirtschaftliche Lage. Das ägyptische Volk sei müde von den letzten 30 Jahren, meint ein koptischer Geistlicher.

Schwierige Entscheidung

In den Kaffeehäusern und an den Marktständen wird immer noch heftig debattiert. Ein Anhänger der Muslimbrüder klappert mit dem Fahrrad seine Bekannten ab und fordert sie auf, Mohamed Morsi zu wählen. "Keiner der Kandidaten passt mir zu 100 Prozent, die Entscheidung ist schwierig", erklärt ein Kunde an einem Imbiss und hält einen ausführlichen Vortrag über die einzelnen Bewerber, so detailliert, als wäre er Professor für Politologie. Bis zum Abend will er sich entschieden haben und wählen gehen.

Niemand wagt mehr eine Prognose. Ein halbes Dutzend Kandidaten hat gute Chancen, es in den zweiten Wahlgang Mitte Juni zu schaffen: zwei Islamisten, zwei "Ehemalige" und zwei Linke. In den letzten Tagen haben vor allem Morsi und Ahmed Shafik, das Aushängeschild des alten Regimes, Boden gut gemacht. Viele Ladenbesitzer, vor allem auch Christen, haben im letzten Moment Shafik-Plakate aufgehängt. Er steht für Recht und Ordnung.

Der regierende Militärrat hat faire und transparente Wahlen versprochen und erklärt, das Resultat zu akzeptieren. Ob das auch alle Ägypter tun werden, bezweifeln jedoch viele. "Jeder will nur seinen Kandidaten und meint, das sei Demokratie", warnt ein Geschäftsmann.

Rund 10.000 Beobachter sind im ganzen Land unterwegs. Nach langem Zögern hat der Militärrat auch Ausländer zugelassen, am besten bekannt ist die Organisation des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter.

Besonders aktiv sind Jugendgruppierungen der Revolution des 25. Jänner, die ein Beobachtungsnetz aufgebaut haben. Sie meldeten im Laufe des Tages kleinere Verstöße, etwa gegen das Kampagnenverbot, unzulässige Hilfen für die Wähler oder organisatorische Unzulänglichkeiten. Die Wahlkommission will die Stimmenzählung bis Samstag beendet haben. Die offiziellen Ergebnisse sollen dann am Dienstag verkündet werden.

Islamist siegt in Österreich

In Österreich wurden die Stimmen jener Auslandsägypter, die gewählt haben, bereits ausgezählt: Dem Trend in der Diaspora folgend, liegt Abdel Moneim Abul Futuh, ein ehemaliger Muslimbruder, vorne. Auf dem zweiten Platz folgt Amr Moussa, der ehemalige Chef der Arabischen Liga. Auf dem dritten Platz liegt Hamdeen Sabbahi, ein Nasserist. (Astrid Frefel aus Kairo /DER STANDARD, 24.5.2012)

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    Ein Wahllokal in Kairo: Am ersten Tag der Parlamentswahl war das Interesse der ägyptischen Wähler groß.

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