Heißer Draht auf weißer Wand

23. Mai 2012, 18:47
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"Current reconstruction": Für ihre technisch versierten Installationen bekannt, beweist Künstlerin Judith Fegerl auch ihre Furchtlosigkeit vor der beinahe leeren Wand

Wien - In ihrer Arbeit geht Judith Fegerl immer mal wieder ans Eingemachte: Im Falle ihrer Ausstellung 2010 im Kunstraum Niederösterreich war es die Stromversorgung und Netzverkabelung, die sie bloß- und lahmgelegt hat; in der Künstlerhauspassage hat sie dem Publikum gar Blut abgezapft.

An der Schnittstelle Mensch/ Maschine und damit zusammenhängenden technologischen Kreisläufen interessiert, war die von Fegerl eingerichtete Blutspendezentrale allerdings nichts für Leute mit Blut- oder Spritzenphobie. Die Künstlerin selbst geht mit dem Organischen jedoch mindestens ebenso furchtlos um wie mit der Technik oder Mechanik, die vielen ihrer Installationen zugrunde liegt.

In der Solopräsentation der 1977 in Wien geborenen Künstlerin in der Galerie Huber Winter spielen Strom, Schaltstellen, Kupfer, Leiterplatten und Wasser nun ebenfalls eine Rolle; über einen reduzierten - technischen - Eingriff wird diesmal aber vor allem der Körper des Ausstellungsraumes thematisiert: Hat man die Indizien einer früheren Raumnutzung - "Fehlstellen" im Parkett - bis dato nie beachtet, verweisen nun zwei weiße Paravents auf Gewesenes.

Weiter hinten wachsen sonst unterirdisch verlaufende Elektroströme aus der weißen Wand heraus. Fegerl hat dafür Kupferdraht in der Wand " implantiert" und schließlich so lange den Strom angeschlossen, bis sich dieser an die Oberfläche durchgebrannt hat. Wäre da nicht noch der Draht, der auf die bräunliche Zeichnung verweist, könnte man die Linien leicht übersehen. Auch die kleine Spule daneben verrät nicht sofort, dass sie einen Kupferdraht auf der anderen Seite der Mauer langsam von oben nach unten bewegt.

Da das Empfangspult der Galerie den aktuellen und auch elektronischen ("current" bezeichnet im Englischen auch elektrischen Strom) Rekonstruktionen Platz machen musste, führt diesmal ein Rundgang auch in das ansonsten private Office der Galerie: Zu sehen sind dort fragile Zeichnungen und Objekte von Judith Fegerl, deren Vorbilder offenbar nicht nur in der Institutionskritik liegen.

Schließlich bezieht sie sich mit der Arbeit hotwired ganz dezidiert auf den amerikanischen Minimal Artist Fred Sandback, der mit seinen fragilen Drahtskulpturen die Galerie Winter auch mehrfach restrukturiert hat. (Christa Benzer, DER STANDARD, 24.5.2012)

Bis 30. 6.
Galerie Hubert Winter, Breite Gasse 17, 1070 Wien

  • Zwei Paravents mit dem Titel "Assigning degrees of freedom" (2012) verweisen in Judith Fegerls Ausstellung "current reconstruction" auf eine frühere Nutzung der Galerieräume.
    foto: galerie hubert winter

    Zwei Paravents mit dem Titel "Assigning degrees of freedom" (2012) verweisen in Judith Fegerls Ausstellung "current reconstruction" auf eine frühere Nutzung der Galerieräume.

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