Kindliche Neugierde als philosophischer Anfang

23. Mai 2012, 11:01
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Die Kinder- und Jugendphilosophie ist ein eigener Wissenschaftszweig

Wien - Warum lesen Menschen? Was ist Sprache und wer bin ich? Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen unendlich viel wissen. Doch braucht es nicht viele Warum-Fragen, um an die Grenzen unseres Wissens zu gelangen. Genau bei dieser natürlichen Neugierde setzt die sogenannte Kinderphilosophie an.

Sie nahm ihren Anfang in den USA, wo Matthew Lipman, zuvor Professor für Logik und Philosophie an der Columbia University, 1974 das Institute for the Advancement of Philosophy for Children gründete.

Lipman hatte beobachtet, dass seine Kinder, je länger sie in die Schule gingen, immer weniger Fragen stellten. Bei den Studentenunruhen in den 60er-Jahren war ihm außerdem aufgefallen, dass Studenten trotz guter Ideen oft nicht argumentieren können. Um Kindern und Jugendlichen die Lust am Denken und Fragen zu erhalten, entwickelte Lipman philosophische Erzählungen und schrieb Lehrhandbücher, die Erwachsenen helfen sollen, die philosophischen Dimensionen in den Fragen der Kinder zu erkennen und auf sie einzugehen. Durch gezieltes Fragen werden die Kinder zum Weiterdenken animiert.

Das Phänomen Kindheit

Auch hierzulande macht man sich hierüber Gedanken: Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendphilosophie setzt sich dafür ein, dass diese als eigener Forschungszweig weiterentwickelt wird. Sie wurde 1985 gegründet und trägt ein eigenes Institut, das sich als "philosophische Beratungsstelle" versteht.

Ihre Forschungsprojekte beschäftigen sich mit der Geschichte und dem Stellenwert der Jugendphilosophie und der Denk- und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. In zahlreichen Veranstaltungen, beispielsweise beim philosophischen Kaffeetrinken, wird etwa die "Kindheit als gesellschaftliches Phänomen" diskutiert.

Die Philosophie bietet, im Gegensatz zur häufig nur passiven Rezeption von Wissen in der Schule, Raum und Zeit, sich mit Inhalten kritisch und individuell auseinanderzusetzen.

Philosophieren schult darin, Leistungen und Gedanken anderer zu achten, aber stärkt auch die Konflikt- und Diskussionsfähigkeit, Empathie, die Fähigkeit zur Kooperation und die kritische Auseinandersetzung mit Inhalten.

All das sind Fähigkeiten, die ein demokratisches Miteinander ausmachen, und sie kommen somit nicht nur den Kindern und Jugendlichen, sondern der ganzen Gesellschaft zugute. (Annika Althoff, DER STANDARD, 23.5.2012)

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