Was ist schon normal?

Blog23. Mai 2012, 07:00
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Ein Tatortreiniger und eine Sexarbeiterin reden über komische Jobs im Speziellen und die Seltsamkeit von Lohnarbeit im Allgemeinen - in der Serie "Der Tatortreiniger. Der letzte Dreck"

"Krawattenverkäufer? Ist ja ooch net normal!". Heiko Schotte, "Schotty", von Beruf Tatortreiniger, wundert sich über diese komische Tätigkeit. Man müsse sich das mal vorstellen: Gleich in der Früh kommt einer, "ich such ne Krawatte". Und nach einer Auswahl zwischen gestreiften, roten, grauen oder blauen und so weiter kommt der nächste und verlangt wieder nichts anderes als eine Krawatte. Danach der nächste, was der will? Eine Krawatte! So geht das dann den ganzen Tag – nicht normal eben, erklärt Schotty einer Sexarbeiterin, die er zufällig in der Wohnung kennengelernt hat, in der er an der Beseitigung eines recht blutrünstigen Mordes zugange ist.

Letzten Donnerstag um 21.45 Uhr schwang Schotty auf ARD den Wischmopp, wenn auch nicht zum ersten Mal. Die Erstausstrahlung der Comedy-Serie fand ziemlich versteckt zwischen 23. und 27. Dezember 2011 im Nachtprogramm statt. Nun wurde aber zumindest die erste Folge des Tatortreinigers an einem vernünftigen Sendeplatz gezeigt. Aber eben nur diese eine Folge, weitere Sendetermine waren bis dato keine zu finden.

Und wer macht die Sauerei jetzt weg?

Während es in Kriminalserien mittlerweile GerichtsmedizinerInnen und kriminaltechnische LaborarbeiterInnen zu Popularität gebracht haben, blieben bisher jene außen vor, die die ganze Sauerei beseitigen. Was nicht heißt, dass Schotty in seinem Beruf keine Fachkenntnisse bräuchte, im Gegenteil: "Da musste eine ganze Menge wissen", erklärt er seiner Zufallsbekanntschaft, Sexarbeiterin Maja. Und noch bevor diese – wie nach einer kurzen Unterhaltung eigentlich ausgemacht – Schotty ihre Dienste verkaufen kann, passiert es genau anders herum: Schotty steht in Unterhosen vor ihr und erklärt in Fachausdrücken, wie er den Curry-Wurst-Fleck von ihrem Mantel professionell entfernt, inklusive Desinfektion und – wenn auch unbeabsichtigt – Nacktputzer-Showeinlage. Aus dem 80 Euro-Blow-Job wird letztlich irgendwie doch nix, einmal ist er zu zappelig, einmal graust Maja schlichtweg und außerdem finden die Beiden sowieso ihre Gespräche über das normale oder eben unnormale an ihren und anderen Jobs interessanter.

tatortreiniger

Als gewöhnlich würden beide den Beruf des/der jeweiligen anderen insgesamt ja nicht bezeichnen. Doch ohne die höfliche Zurückhaltung, die vermutlich Menschen mit sogenannten bildungsintensiveren Jobs an den Tag legen würden, tasten sich die beiden im Berufsleben des/der anderen nach vor. Ganz ohne, wie in sämtlichen anderen Serien, so zu tun, als ob die Arbeit sowieso das ganze Leben ausfülle und auch noch erfülle.

Und während Maja erzählt, dass sie diese ganze Steuersache an ihrem Job am meisten nervt und Schotty über die Eigenheiten bei der "Spube" (Spurenbeseitigung) berichtet, erfahren wir einiges über die Seltsamkeit von Lohnarbeit an sich, über verpönte Berufe und die Bewertung von Arbeit.

Neben all den voyeuristischen und hämischen Blicken auf Menschen mit Berufen, die als der "letzte Dreck" gelten, tut so eine Serie längt Not. Die klugen Dialoge und Szenen mit starker Symbolkraft – wenn etwa Schotty in einer anderen Folge nicht an seinen Tatort vorgelassen wird und in einer noblen Gegend laut über das protzige schmiedeeiserne Tor schreit: "Ich bin Heiko Schotte und ich hab kein Abitur" – erzählen weit mehr über die Realität als tausende Stunden Reality-Soaps.

Von "Der Tatortreiniger" gibt es bislang nur vier Folgen, was definitiv nicht genug ist. (beaha, dieStandard.at, 23.5.2012)

Info

Der Tatortreiniger

Da nicht absehbar ist, wann die restlichen Folgen auf ARD zu sehen sind empfiehlt sich die im März erschienene DVD.

Aktuell ist die erste Folge von "Der Tatortreiniger" in der ARD-Mediathek zu sehen.

  • Maja  (Katharina Schubert) hält Schotty (Bjarne Mädel) irrtümlich für den  Mörder des Verstorbenen.
    foto: ndr/thorsten jander

    Maja (Katharina Schubert) hält Schotty (Bjarne Mädel) irrtümlich für den Mörder des Verstorbenen.

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