Testamentsfälscher ließen Stempel in Brasilien anfertigen

22. Mai 2012, 20:55
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Hauptangeklagter schweigt - Gerichtsbedienstete beteuern Unschuld

Salzburg - Der Testamentsfälscherprozess geht derzeit ohne Aussagen des Hauptangeklagten und Kronzeugen Jürgen H. (48) weiter. Der ehemalige Geschäftsstellenleiter des Bezirksgerichts Dornbirn fühle sich gesundheitlich nicht in der Lage auszusagen. Richter Andreas Posch habe H. empfohlen, sich über Nacht in die Christian-Doppler-Klinik einweisen zu lassen, was dieser nicht tat.

Doch die restlichen Angeklagten sagen weiter zu den jahrelangen Fälschungen mit einem geschätzten Schaden von zehn Millionen Euro und 158 Geschädigten aus. Der geständige ehemalige Anwalt Peter H. erklärte dem Schöffensenat: Bei einer Brasilienreise mit Jürgen H. hätten sie Kuverts mit gestempelten Briefmarken mit nach Österreich genommen, um vorzugaukeln, dass ein Testament aus Brasilien verschickt wurde. Zudem hätten sie in Brasilien Stempel anfertigen lassen, um diese für spätere Fälschungen zu verwenden. Er habe sogar "einer Straßenbekanntschaft" ein Schreiben auf Portugiesisch verfassen lassen, das dem Testament beigelegt wurde, gestand Peter H.

Ehemalige Gerichtsbedienstete beharren auf Unschuld

Die mitangeklagten ehemaligen Gerichtsbediensteten beharren weiter auf ihrer Unschuld. Der pensionierte Grundbuchsrechtspfleger Walter M. bestreitet vor Gericht, dass er Jürgen H. die Empfehlung gegeben habe, Schenkungsverträge im Beglaubigungsregister vor 1975 einzutragen, da rechtlich eine Unterschrift des Beschenkten noch nicht erforderlich war. "Das ist kein Fachwissen, das wusste jeder", behauptete M. vor dem Schöffensenat. Richter Andreas Posch wies darauf hin, dass Jürgen H. sehr differenzierte Aussagen zur Beteiligung der Mitangeklagten in den vorherigen Befragungen gemacht habe: "Man muss H. schon große Fantasie unterstellen, dass er einzelne Punkte konkret herausnimmt."

Auch der ehemalige Rechtspfleger Clemens M. will nichts von den Fälschungen gewusst haben. Doch M. verstrickte sich immer mehr in seinen eigenen "Vermutungen", was Richter Posch zu der Äußerung brachte: "Sie hebeln ihre eigenen Argumente aus."

40 einzelne Handlungsstränge

Staatsanwalt Manfred Bolterer erklärte, er habe in dem Verfahren 40 Handlungsstränge herausgearbeitet und Jürgen H. würde Walter M. nur in drei Fällen belasten. Warum also solle Jürgen H. ihn belasten, fragte der Staatsanwalt skeptisch. Für M. eine einfache Erklärung: "Er hat lauter Tote beschuldigt, er braucht halt noch ein paar Lebende, die er mit reinzieht." (ruep, DER STANDARD, 23.5.2012)

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