Beethovens Taktstock als Implantat

22. Mai 2012, 19:39
posten

Neues, voll implantierbares Hörgerät gibt Schall durch Vibrationen im Knochen weiter

Als Ludwig van Beethoven sein Hörvermögen verlor, griff er zu einem drastisch anmutenden Mittel: Er fixierte einen Taktstock am Klavier und biss mit den Zähnen auf ihn, um über die Vibrationen in den Knochen den Klang des Instruments wahrzunehmen. Derartige behelfsmäßigen Hörhilfen, die unter Ausnutzung der Schallübertragung über die Schädelknochen ins Innenohr funktionieren, existieren seit Jahrhunderten. Forscher des auf Implantate im Ohr und Kopfbereich spezialisierten Innsbrucker Unternehmens Med-El haben das Prinzip aufgegriffen, um ein Hightech-System zu entwickeln, das sowohl die Knochenleitung zum Innenohr für die Schallübertragung nutzt als auch voll im Ohr implantierbar ist.

Gedacht sind solche Systeme für Menschen, bei denen entweder die Schallübertragung von außen zum Innenohr, etwa beim Fehlen eines Gehörganges, nach Operationen und Verkalkungen. Bei kombinierten Schallübertragungs- und Innenohrstörungen kann Taubheit auf einem oder beiden Ohren die Folge sein. Das System zielt auf Hörschäden ab, die mit herkömmlichen Hörgeräten nicht mehr überbrückt werden können, bei denen das Innenohr aber grundsätzlich noch funktioniert. Laut Med-El kann man damit rechnen, dass für das neue System ein Prozent der Bevölkerung infrage kommen könnte.

Außen auf der intakten Haut sind bei diesem "Bonebridge"-System ein Mikrofon- und ein Prozessorteil per Magnet auf dem Implantat angeheftet. Der Schall wird vom außen liegenden Teil aufgenommen und in Signale umgewandelt. Der Teil des Systems, der unter der Haut sitzt, empfängt diese und setzt sie in Schwingungen um, die direkt in den Knochen abgegeben werden. Auch die Energieversorgung erfolgt durch die intakte Haut mittels Induktion vom Audioprozessor her.

Das System sei eine Weiterentwicklung von bisherigen knochenverankerten Hörgeräten, bei denen ein Loch in den Knochen hinter dem Ohr gebohrt werden musste, um die Vibration von außen zu übertragen, so Marcus Schmidt vom Unternehmen Med-El. Dabei gebe es aber Wundheilungsstörungen und Probleme bei der Reinigung.

Das Gerät leitet Frequenzen zwischen 250 und 8000 Hertz an das Innenohr weiter. In klinischen Tests sei das Wortverständnis um 78 Prozent gestiegen. Per Softwareprogramm können die Geräusche etwa gefiltert und dadurch Nebengeräusche wie durch den Wind ausgeschaltet werden.

Künftig auch für Kinder

"Chirurgisch ist die Implantation des Gerätes kein Problem", sagt der Innsbrucker HNO-Arzt Georg Sprinzl. Er hat die erste derartige Implantation an einem Patienten vorgenommen. Die Operation dauert 30 bis 60 Minuten, zwei bis drei Wochen nach dem Eingriff kann das System aktiviert werden.

Derzeit ist es für Patienten ab 18 Jahren zugelassen, eine Studie an Kindern läuft derzeit. Man schätzt, dass das Gerät ab einem Alter von etwa fünf Jahren einsetzbar ist. Laut Schätzungen dürfte es etwa in China pro Jahr rund 30.000 Patienten geben, die für ein solches System geeignet sind, in Deutschland geht man von 400 bis 500 pro Jahr aus. (APA, pum, DER STANDARD, 23.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schallübertragung im Knochen kann Gehörlosen helfen.

Share if you care.