Töchterle: "Hunger nach Mitteln ist notwendig"

22. Mai 2012, 19:34
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Satte Budgets würden zu einer Bequemlichkeit bei der Einwerbung von Förderungen führen, sagte der Wissenschaftsminister Töchterle bei einer Debatte über Forschungsgelder

Jammern ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Österreicher - zumindest, wenn es nach gängigen Klischees und Eigenbeschreibungen geht. " Wir jammern strategisch", räumte Uni-Wien-Rektor Heinz Engl am Dienstag bei einer Diskussion zu Forschungsförderung ein und spielte damit auf notorische und notorisch beklagte Geldsorgen nicht nur der Unis an.

Engl ist überzeugt: "Österreich ist ein guter Forschungsstandort. Aber natürlich brauchen wir die finanzielle Ausstattung." Für Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sind volle Budgettöpfe nicht unbedingt ein Vorteil: "Zu hohe Sättigung führt zu Bequemlichkeit bei der Einwerbung von Mitteln", sagte er. "Ein gewisser Hunger nach Mitteln ist notwendig." Er plädierte für einen "Mix aus Anstrengung des Staates, um den Boden fruchtbar zu machen, und dem Dünger von privater oder dritter Seite."

Als äußerst fruchtbar für die heimische Forschung haben sich die Mittel des European Research Councils (ERC) erwiesen: Die ERC-Starting und Advanced Grants fördern Nachwuchs- wie auch etablierte Wissenschafter mit maximal 2,5 bzw. 3,5 Millionen Euro für Grundlagenforschungsprojekte.

Österreich schlägt sich bei der Einwerbung derartiger ERC-Grants überdurchschnittlich gut: An österreichischen Institutionen wurden seit der ersten Ausschreibung im Jahr 2007 insgesamt 68 Grants eingeworben und damit Fördergelder in der Höhe von insgesamt rund 77 Millionen Euro nach Österreich geholt - Anlass, um das Erfolgsmodell und seine Auswirkungen bei der Veranstaltung "ERC-Grants - Österreichische Spitzenforschung durch EU-Gelder fördern" an der Uni Wien genauer zu betrachten.

Alles erlaubt für neue Ideen

"Die Stärke des ERC ist: Es ist alles erlaubt", lobte der Experimentalphysiker Anton Zeilinger. "Die Chance ist selten, etwas ganz Neues starten zu können." Ohne die europäische Förderung hätte er viele quantenphysikalische Experimente nicht durchgeführt.

Die Ameisenforscherin Sylvia Cremer kam 2010 mit einem ERC-Starting Grant an das Institute of Science and Technology (IST) Austria - und ist damit eine von wenigen weiblichen Preisträgern. Etwa ein Fünftel sämtlicher in Europa vergebener ERC-Förderungen ging bisher an Frauen. Gerade für jüngere Wissenschafterinnen und Wissenschafter würden die ERC-Grants "eine langjährige Förderperspektive auch für hochrisikoreiche Ideen" bieten, betonte Cremer, die wie auch andere Preisträger vom IST Austria, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Uni Wien ihr Forschungsprojekt vorstellte.

Ihr Chef, IST-Präsident Thomas Henzinger, strich in der anschließenden Podiumsdiskussion hervor, dass 43 ausländische ERC-Grantees in Österreich arbeiten, während nur 19 österreichische Preisträger ins Ausland gegangen seien. "Die Forschung wird immer schlecht geredet in Österreich. Die Zahlen reflektieren das nicht."

Erst die Stärkung der Grundlagenforschung seit dem Jahr 2000 habe den Erfolg bei den ERC-Einwerbungen möglich gemacht, stellte Heinz Engl fest. "Eine kontinuierliche Grundfinanzierung der Forschung an den Universitäten und ein gestärkter Wissenschaftsfonds FWF sind für die Zukunft entscheidend", sagte Engl. Darüber hinaus sprach er sich dafür aus, die in die Schublade verbannte Idee einer Exzellenzinitiative zu realisieren. Zuletzt wurde das Thema aufgekocht, als die langfristige Finanzierungszusage an das IST über eine Milliarde Euro im Februar helle Empörung an Unis und ÖAW auslöste.

ÖAW-Präsident Helmut Denk, selbst kürzlich durch Austritte und Kritik an den ÖAW-Strukturen in Bedrängnis geraten, stellte ein Bonussystem zur Diskussion, das einen Anreiz schaffen solle, sich um europäische Forschungsgelder zu bewerben. Am IST etwa werden diese Drittmittel vom Bund verdoppelt.

Thomas Henzinger brachte schließlich die Kriterien für die perfekte Forschungsförderung auf den Punkt: Offen für alle Bewerber, eine kompetitive Vergabe der Mittel, die möglichst langfristig und frei von Vorgaben fließen. Was der ERC bereits so gut als möglich erfüllt - aber wovon auch der FWF, dem zuletzt nur geringe Mittelsteigerungen zugesagt wurden, nicht weit entfernt sei. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 23.5.2012)

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    Uni Wien-Rektor Heinz Engl, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, IST-Austria-Präsident Thomas Henzinger und ÖAW-Chef Helmut Denk (von links): Die vier Herren diskutierten österreichische Spitzenforschung. Die Biologin Sylvia Cremer ist eine von wenigen Frauen, die einen europäischen Forschungspreis erhielten.

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