Jung, dynamisch, arbeitslos

22. Mai 2012, 18:37
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Ideen gegen die Arbeitslosigkeit in Griechenland, Portugal und Spanien gibt es viele. Bei kaum einer ist sicher, ob sie funktioniert

Wien/Lissabon - Julia Pinheiro gehört die Zukunft. Die 20-jährige Studentin hat im vergangenen Jahr mit ihrem Prestigestudium Biomedical Engineering in Lissabon begonnen. Sie ist begabt, hat gute Noten. Pinheiro bringt alle Voraussetzungen mit, um durch Fleiß und harte Arbeit Portugal aus der Krise zu führen. Nur will sie davon nichts wissen: "Hier bleiben? Hier gibt es keine Perspektiven. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, gehe ich in die USA oder nach Deutschland. Dort sind die Jobs", sagt Pinheiro.

So wie sie berichten viele Studierende im Lissaboner Universitätsviertel davon, dass Portugal keine Perspektiven bietet. Fast jeder von ihnen kann über Freunde berichten, die schon nach Deutschland, England oder in die Niederlande gegangen sind. Wer kann es ihnen verübeln - bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 36 Prozent? In den anderen Krisenländern ist die Lage noch trister: In Griechenland und Spanien ist jeder Zweite unter 25 arbeitslos.

Fehlende Perspektiven

Über die fehlenden Perspektiven von Europas Jugend werden die EU-Regierungschefs am Mittwoch in Brüssel beraten. Sie sind sich einig, dass angesichts der Horrorzahlen etwas getan werden muss. Mehrere Ideen werden diskutiert: Staatliche Konjunkturimpulse, mehr Geld für Bildung, die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte. Doch die Politik steckt in einem Dilemma. Einfache Lösungen für die Jobkrise gibt es nicht, und jede Strategie hat ihre Grenzen und Widersprüchlichkeiten.

Das beginnt bei der Bildungsförderung. Die Internationale Arbeitsorganisation hat in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zur Jugendarbeitslosigkeit einmal mehr aufgezeigt, dass gute Ausbildung der beste Jobgarant ist. In 25 von 27 Ländern Europas sind Pflichtschulabsolventen am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen. Tatsächlich gibt es in Bildungsfragen Aufholpotenzial in den südlichen Krisenländern.

Akademiker

Während die Zahl der Akademiker in Spanien über dem EU-Schnitt liegt, hinken Portugal, Griechenland, Italien und Spanien bei Ausgaben für Forschung hinterher. Die Schulabbrecherquote ist hoch. Zudem kürzen die Krisenländer Bildungsausgaben. Statt hier zu sparen, könnten sie EU-Förderungen oder Projektanleihen nutzen und investieren.

Allerdings warnen Experten, dass eine Bildungsoffensive nur begrenzt erfolgversprechend ist. Zunächst sind die Jungen in Griechenland, Portugal und Spanien besser ausgebildet als alle Generationen vor ihnen. Das hat die Rekordarbeitslosigkeit nicht verhindern können.

Eine andere Idee sind konjunkturfördernde Maßnahmen. So könnte das Kapital der Europäischen Investitionsbank um zehn Milliarden Euro erhöht werden. Doch ein Programm, das die Wirtschaft der Südländer beleben und so Jobs schaffen könnte, würde nach Ansicht der meisten Experten alle derzeit diskutierten Varianten sprengen. "2009 haben die Konjunkturprogramme gut funktioniert, weil die Welt koordiniert agiert hat. Eine ähnlich umfassende Initiative ist nicht in Sicht", meint der portugiesische Ökonom Jorge de Macedo. Hinzu kommt, dass es strittig ist, inwieweit staatliche Förderprogramme die Transformation der Wirtschaft unterstützen können.

Dilemma

Um dieses Dilemma zu umgehen, propagieren viele Südländer eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Dabei geht es darum, mit doppelten Standards zu brechen. Ältere Arbeitnehmer sind in Spanien, Italien und Portugal vergleichsweise gut vor Kündigungen geschützt. Junge hingegen arbeiten oft in prekären Verhältnissen, weil Unternehmen sich durch Fixeinstellungen nicht binden wollen.

Diese Flexibilisierungstrategie gilt auf lange Sicht als erfolgversprechend, weil die Hürden für junge Jobsuchende gesenkt werden können. Doch kurzfristig könnte die Strategie nach hinten losgehen: "Von einem lockeren Kündigungsrecht profitieren Arbeitssuchende in Boomzeiten. In Krisenzeiten wie jetzt können die liberalen Regeln für eine höhere Arbeitslosigkeit sorgen", meint der deutsche Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker.

Das letzte und auf lange Sicht vielleicht schwerwiegendste Problem betrifft die in Gang gesetzten Strukturreformen. Alle Länder mit Programmen des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzten auf Industrieexporte als neue Wachstumsquelle. Im Dienstleistungssektor gehen Jobs verloren, was sogar eine beabsichtigte Folge der Reformen ist.

Allerdings sagen IWF-Experten wie der in Lissabon stationierte Albert Jäger selbst, dass der Exportsektor je produzierter Einheit weniger Beschäftigung schafft als der Dienstleistungssektor. Durch den hohen Grad an Technisierung droht bei einer rein auf Exporte orientierten Strategie ein Wachstum ohne Arbeitsplätze. (András Szigetvari, DER STANDARD, 23.5.2012)

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    In Krisenländern wie Italien, Spanien und Griechenland klettert die Jugendarbeitslosigkeitsquote stetig nach oben. (Bild: Demonstrationen gegen die Sparpläne Spaniens im Mai 2011)

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