"Öffnung des Arbeitsmarkts ist die Lösung"

Interview | Andreas Schnauder, 22. Mai 2012, 18:20

Wolfgang Clement war als Minister verantwortlich für die Reformen am deutschen Arbeitsmarkt. Die Kritik an der Exportstärke hält er für absurd

STANDARD: Der einstige Patient Deutschland stützt heute die Eurozone. Was sind für Sie die Hauptgründe dafür?

Wolfgang Clement: Eine starke Rolle spielt die moderate Entwicklung der Lohnstückkosten, die seit dem Jahr 2000 in Deutschland um sechs Prozent, in Frankreich um 25 Prozent gestiegen sind. Zudem hat Deutschland Gott sei Dank den industriellen Sektor gepflegt, während andere Länder wie Großbritannien und Amerika fast ausschließlich auf den Dienstleistungssektor gesetzt haben. Das Dritte sind sicher die Arbeitsmarktreformen, die wir ab 2002 durchgesetzt haben. Der Grundsatz lautete: 'Fördern und fordern'.

STANDARD: Die Reform - verkürzt Hartz IV genannt - ist bis heute umstritten.

Clement: Als ich 2005 aus der Regierung ausschied, waren wir der 'Kranke Mann Europas', schrieb damals der Economist. Als diese Gesetze ihre Wirkung getan haben, 2009, hat derselbe Economist geschrieben; 'Deutschland, die Wachstumslokomotive.' Wachstumspolitik sind für mich in erster Linie Reformen, die die Flexibilität und Mobilität erhöhen. Deutschland ist dann von fünf Millionen Arbeitslosen auf unter drei Millionen gekommen. Ich vermag nicht einzusehen, dass das heute immer wieder in Frage gestellt wird.

STANDARD: Weil manche im deutschen Erfolg die Probleme der Euro-Peripherie sehen.

Clement: In Italien dauert ein durchschnittliches Kündigungsverfahren laut einer Untersuchung der Banca d'Italia 969 Tage. In Frankreich gibt es eine 35-Stundenwoche, die Stundenzahl im Jahr ist um 300 niedriger als in Deutschland. Der Export Frankreichs ist auf das Niveau der Niederlande zurückgegangen. Das hat vor allem mit zu starken staatlichen Eingriffen am Arbeitsmarkt in Frankreich und ganz Südeuropa zu tun, die die wahren Ursachen der Probleme sind. Ich finde es absurd zu fordern, Deutschland müsse sich im Export verschlechtern, damit andere aufholen. Wenn Deutschland, Österreich oder Finnland kein Wachstum hätten, wäre Europa nicht in der Stagnation sondern Rezession.

STANDARD: Kann man mit rigiden Strukturen am Arbeitsmarkt wirklich die hohe Jugendarbeitslosigkeit erklären?

Clement: Sehen Sie doch nach Italien. Diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, behalten ihn. Die die rein wollen, kommen nicht rein. Das ist der Grund für die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das ist das, was wir in Deutschland lernen mussten, vor allem wir Sozialdemokraten: Die Lösung der Probleme besteht nicht in höheren Finanzmitteln, sondern in der Öffnung der Märkte. Ich finde es beschämend, dass wir heute 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder Griechenland haben. Das hat mit deutscher Lohnzurückhaltung wirklich nichts zu tun. In Deutschland und Österreich liegt die Jugendarbeitslosigkeit niedriger. Das ist schlichtes Politikversagen. Da hätte die Europäische Kommission schon längst tätig werden sollen. Wichtiger als die Finanzmärkte in Ordnung zu bringen ist die Arbeitsmärkte in Ordnung zu bringen. Sonst werden sie Europa nämlich nicht schaffen.

STANDARD: Billigjobs und Lohnzurückhaltung vergrößerten aber auch die Einkommenskluft. Stört Sie das nicht?

Clement: Das ist wirklich ein Problem, in Wahrheit eines der Globalisierung. Aber es ist mir lieber, dass Geringqualifizierte einen Job haben, als wenn sie gar nichts tun.

Standard: Befürchten Sie nicht, dass ein gleichförmiger Sparkurs in Europa in die Rezession führt?

Clement: Wir haben keine Sparpolitik, sondern versuchen, Haushaltsdisziplin in Europa einzuführen. Wachstumspolitik heißt in erster Linie Reformen und Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Forschung, nicht Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Natürlich gibt es auch noch Möglichkeiten bei Infrastrukturprojekten, nur hat die EU in Südeuropa schon soviel Infrastruktur errichtet, da kann man sich als alter Germane nur die Finger lecken.

STANDARD: Beim heutigen EU-Gipfel geht es um neue Konjunkturstimuli. Was halten Sie davon?

Clement: Der Europäischen Investitionsbank mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, halte ich für sinnvoll. Aber alles was zu einer noch höheren Verschuldung führt, ist der falsche Weg. Da halte ich US-Präsident Obama und all die anderen für schlechte Ratgeber. Damit wird der Eindruck erweckt, es sei noch etwas zu verteilen. Es ist nichts zu verteilen. Deutschland hat gezeigt, dass der Wandel vom kranken Mann zur Wachstumslokomotive gelingen kann.

Standard: Sie arbeiten u. a. für den Zeitarbeitskonzern Adecco. Was halten Sie von der Kündigungsabgabe von 110 Euro?

Clement: Das ist natürlich ein Witz. Das Ziel, dass ein Zeitarbeiter beim Kunden in die Stammbelegschaft wechselt, wird damit konterkariert. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 23.5.2012)

Wolfgang Clement (71) war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und von 2002 bis 2005 Wirtschafts- und Arbeitsminister unter Gerhard Schröder. 2008 trat er nach einer Rüge des Parteischiedsgerichts aus der SPD aus. Seither sammelte Clement mehrere Beratungsmandate, u. a. bei Energie- und Medienkonzernen, zudem leitet er das Adecco Institute. Clement hat fünf Töchter.

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18 Postings
das so ein Versager...

wie Clement ueberhaupt noch zu Wort kommt. Das ist ebenso ein Schwaetzer wie Norbert Bluem und Minister bei Schroeder gewesen zu sein ist wohl eher ein Grund sich die Kugel zu geben.

Der Unterschied zwischjen Deutschland heute und Deutschland vor zehn Jahren

sind nicht die Arbeitsmarktreformen, sondern die damals für D zu hohen und heute zu niedrigen Zinsen.

Clement scheint mit Androsch in der gleichen ideologischen Waschanlage gelaufen zu sein.Gib einen Sozialisten rein und nimm einen lupenreinen neoliberalen Konservativen raus....
Dass genau diese ideologische Umkehrung zum Aufstieg der links,-Rechts und Piratenparteien in Deutschland beigetragen hat (und i Ö die Nichtwähler bald die Mehrheit stellen,abgesehen vom stetigen Höhenflug der FPÖ)dürfte weder ihm noch Androsch je aufgefallen sein.

Respekt vor diesem Mann!

Er (und die Regierung Schroeder) erkannten das Problem, und gingen an eine Loesung heran - auch wenn es sie die MEhrheit bei den Wahlen kostete.

Wenn Leuten jetzt die Traenen ueber die armen, ausgebeuteten Deutschen Arbeiter vergiessen: vergleichen wir doch den LEbensstandard und die soziale Sicherheit (Arbeitslosenquote, Jugendarbeitslosigkeit) von D, NL, DK (wo der Arbeitnehmer den grausigen Marktgesetzen ausgeliefert ist) mit den warmherzigen, sozialen Laendern wie I, E, GR - wo die Arbeitnehmer weniger ausgebeutet werden. In so ziemlich jeder Metrik werden die Arbeiter von D etc besser abschneiden - was wiederum zeigt: "market rulez"

so geht das wohl nicht:

"Sehen Sie doch nach Italien. Diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, behalten ihn. Die die rein wollen, kommen nicht rein. Das ist der Grund für die hohe Jugendarbeitslosigkeit."
... denn dann gibt es vielleicht mehr Fluktuation, aber nicht mehr Arbeit.

Sowas war mal Minister!

Deutschlands abstieg, sogar ganz ohne Sarazzin.

Obwohl ich 'Sozialisten' aller couleurs grundsaetzlich nicht ausstehen kann,

haben Schroeder und seine Regierung damals so ziemlich alles richtig gemacht in Bezug auf die Arbeitsmarktreform.
Die heutige gute wirtschaftliche Situation ist den oben beschriebenen Reformen geschuldet! Gratulation!

Aber es ist mir lieber, dass Geringqualifizierte einen Job haben, als wenn sie gar nichts tun.

wer sagt, dass die gar nichts tun? wer mit seiner zeit nichts anfangen kann, ist selber schuld. es gibt auch noch anderes als lohnarbeit, das man "tun" kann.

Die Arbeitsmärkte, auf denen einige skandalöserweise immer noch ein sicheres Einkommen haben, sind also die Krisenursache.

So einen Irrsinn würde ich mir von einem IV-Lobbyisten oder einem IWF-Mathematiker erwarten, aber von einem ehemaligen Sozialdemokraten?! Das ist unfassbar.

Clement vertritt da eine Urlüge der Neoliberalen: Jahrzehntelang wachsen Wirtschaft und Produktivität, aber es soll Naturgesetz sein, dass die arbeitende Bevölkerung immer weniger kriegt.

Wer, wenn nicht ein SPD-Politiker, sollte den Unfug durchschauen? Dass unheimlich viel Wohlstand da ist, er nur immer ungerechter verteilt wird? Dass deshalb die breite Bevölkerung abrutscht? Dass es Kernaufgabe der Politik wäre, da einzugreifen und umzuverteilen?

Wolfgang Clement arbeitet nun also für einen Ausbeuterkonzern und verdient selbst an Prekarität und Sozialabbau. Was für eine Schande.

so ist es. ausbeutung von 99% zugunsten von 1% finanzindustrie, die sich noch dazu brüstet, wachstumslokomotive zu sein - für ihre eigenen gewinne.

.
die politker starren auf ihre fake - statistiken statt der wahrheit ins auge zu sehen: die verarmung der arbeitslosen durch HARTZ IV und des mittelstandes durch sinkende reallöhne nimmt dramatische formen an. die allgemeine kaufkraft bricht ein, aber ausgebailt werden weiterhin nur banken, nicht menschen.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.

organische wirtschaftsgesundung durch stabilisierung der allgemeinen kaufkraft statt finanzterror, der uns in jenen krieg treiben soll, in den die FI ihre supergewinne investiert, um sie nochmals zu multiplizieren, während millionen unschuldige für sie sterben müssen und der rest bis aufs blut ausgebeutet wird.

1% sind von 99% abhängig, nicht umgekehrt. das BGE wird die FI demokratisieren.

durch das bedingungslose Grundeinkommen

steigen die Reallöhne kein bisschen.

warum reduzieren sie ihre richtige Kernaussage durch so einen Unsinn wie bedingungsloses Grundeinkommen?

Also das würd ich nicht so sehen. Bei einem BGE würde man für miesest bezahlte Jobs einfach niemanden mehr finden - also müssten da die Löhne steigen.

Das aber im Detail umzusetzen ist wahrscheinlich nicht leicht.

da stehe ich für Mindestlohn, und Einschränkung

der zügellosen Handelsfreiheit wie derzeit.
Es kann doch nicht sein, dass China von ihrer Industrie Ausfuhrzölle verlangt, um eine Überhitzung zu vermeiden, und wir unseren Leuten eben wegen dieser fehlenden Einfuhrzölle keine Stellen mehr anbieten können.
Weiters gehört diese Akademisierung von allen Jobs beendet, denn das braucht es nicht, ist sogar schädlich. eine Folge davon ist schon die Schwemme von bedeutungslosen akademischen Titeln für Arbeiten, für die es keine akademische Bildung braucht.

'also müssten da die Löhne steigen'

und wenn die Loehne stiegen, dann stiegen auch die Preise, und wenn die Preise stiegen dann muss das BGE steigen, denn sonst kann man ja nicht mehr davon leben....
Und dadurch 'müssten da die Löhne steigen', und dann stiegen wieder die Preise und dann das BGE und dann, und, und, und.....

71 und noch immer marktradikal

wolfgang, geh in häfn... ahm, pension.

mietmaul, wie alle schröderianer…

Sie sind viel zu höflich zu diesem arroganten A...

"Aber es ist mir lieber, dass Geringqualifizierte einen Job haben, als wenn sie gar nichts tun."

ROBOT WORK.

da hat er recht,

sonst bei fast nichts.

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