Die Super Bowl der Bastler

22. Mai 2012, 18:02
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Der Segway-Erfinder Dean Kamen befürchtet, dass die amerikanische Bildungskrise das Land abrutschen lässt - Mit einer Robotermeisterschaft für Tüftler will er den Trend umkehren

Leise surrend bewegt sich Leonidas übers Spielfeld. Schlägt er einen Haken, wirkt es ein wenig kantig, ein bisschen abrupt. Das elegante Dribbling, muss man sagen, ist nicht seine Stärke. Dafür hat er das beneidenswerte Talent, blitzschnell aus Fehlern zu lernen. Einem Wurf, der danebengeht, folgen vier oder fünf, bei denen der Ball durchs Basketballnetz rauscht, ohne den Ring des Korbes auch nur zu berühren.

Leonidas, der Roboter, gesteuert wird er von Michael Hawley, einem 17-Jährigen, der aussieht, als wäre er einer Werbebroschüre über aufgeweckte Whiz Kids entsprungen. Whiz Kids, so heißen, fast zu Magiern verklärt, die Bastler aus dem Silicon Valley, die nächtelang in Garagen tüfteln, bis endlich der große Wurf gelingt. Und mit rotblonden Locken, blasser Haut, hellwachen Augen und großer Schutzbrille erinnert Michael an eine Mischung aus Bill Gates und Mark Zuckerberg.

Sachte mit einem Joystick manövrierend, dirigiert er Leonidas übers Parkett. Der schaufelt Bälle heran, hebt sie per Förderband zu seinem Katapult, das sie schließlich in Richtung Korb schnipst. Nein, ganz zufrieden ist Michael noch nicht mit dem Roboter, auf dem die Hoffnungen der Highschool von Berkley ruhen, einer Stadt im Umland Detroits. " Mister L. reagiert zu langsam", zieht der Rotschopf ein nüchternes Fazit der Trainingspartie. "Der muss nochmal in die Werkstatt." Bald wird es ernst, draußen in der Arena, wo die Felder nach großen Entdeckern benannt sind - Archimedes, Newton, Marie Curie.

Schauplatz ist der Edward Jones Dome, eine Stadionschüssel mit fast siebzigtausend Plätzen in der Downtown von St. Louis. Der Hightech-Unternehmer Dean Kamen richtet dort an drei Tagen im Jahr eine Robotermeisterschaft aus, halb Tüftlergarage, halb glitzernde Show. Die Mannschaften tragen Namen wie "Watts up!", "Lord of the Screws" und " Bagel Bytes". In den Stadionkatakomben, wo sie fieberhaft nachjustieren und nachprogrammieren, sieht man Superman-Kostüme, Wikingerhelme, Zauberhüte, giftgrüne Punkfrisuren, Harry-Potter-Flugbesen.

Segway und Soldatenhand

Dean Kamen trägt Jeans und Jeanshemd, als wäre er ein Relikt aus einer verflossenen Modeära. Kamen ist 61, er hat den Segway erfunden, jenen Elektroroller mit senkrechter Lenkstange, der sich selbst ausbalanciert. Zu seinen Patenten zählt der iBot, ein Rollstuhl, der Treppen erklimmen kann. Und eine Handprothese mit Fingern, die sich präzise steuern lassen, ein Auftrag des Pentagons, gedacht für Soldaten, die den Einsatz in Irak oder Afghanistan mit abgerissenen Gliedmaßen bezahlten. Am liebsten redet Kamen von der Kulturrevolution.

Seit gut 20 Jahren bastelt er daran, getrieben von der Sorge um ein Bildungssystem, dessen Elite-Universitäten zwar nach wie vor Weltspitze sind, das aber in der Breite zusehends den Anschluss verliert. Egal, ob beim Rechnen, beim Lesen oder bei den Naturwissenschaften: In den Pisa-Studien belegen die USA nur noch schlechte Mittelplätze. Folgt man aktuellen Umfragen, glaubt fast die Hälfte der Amerikaner, die Sonne drehe sich um die Erde, während eine knappe Mehrheit der Ansicht ist, Menschen und Dinosaurier hätten zur gleichen Zeit existiert. Kamen packt so etwas wie heiliger Zorn, sobald man das Thema antippt. "Keine Frage, allmählich verblöden wir."

Kamen träumt von einer Oscar-Gala der Wissenschaft, er träumt von Ingenieuren, die so populär sind wie Sportler, Schauspieler oder Rockstars. "Wir haben ein kulturelles Problem", sagt er und meint die Jungen, die voller Begeisterung zum Baseballschläger greifen, aber kaum wissen, wer Einstein war. 1989 gründete der New Yorker eine Organisation, die einen Schub auslösen sollte, wie ihn die Schulen nach dem Sputnik-Schock erlebten - First (For Inspiration and Recognition of Science and Technology).

Hoffen auf Sputnik-Effekt

1992 traten die ersten Roboter zum Turnier an, heute sind es 2343 Teams, rechnet man die Regionalausscheidung hinzu. Diesmal steht alles im Zeichen des Basketballs. Das Ziel, einen zweiten Sputnik-Effekt auszulösen, ist das gleiche geblieben. 1957, als die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdtrabanten ins All beförderte, folgte in der westlichen Supermacht auf den ersten Schreck der Ruck einer Bildungsoffensive, symbolisch gekrönt durch die Mondlandung. Sein Land, das weiß Kamen nur zu gut, braucht oft erst den Anstoß einer Krise oder Bedrohung, ehe es Kräfte bündelt. Heute fehlt ein dramatischer Auslöser, an Kamens schonungsloser Analyse ändert es nichts. "Irgendwann können wir auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrieren, auf Dauer zwingt uns das in die Knie."

Oscar Vazquez war 17, als er an seinem Roboter bastelte. Die Schule absolvierte Oscar so glänzend, dass er ein Stipendium an der staatlichen Universität Arizonas erhielt. 2009 machte er sein Ingenieursdiplom, dann stand er vor dem Nichts. Keine Firma stellte ihn ein, denn als Kind war er illegal mit seinen mexikanischen Eltern über die Grenze am Rio Grande gekommen. Keine Papiere, kein Job. Von Mexiko aus begann er einen Papierkrieg mit den Behörden. Zweimal wurde sein Aufenthaltsantrag abgelehnt, irgendwann bekam der demokratische Senator Richard Durbin Wind von der Sache, sodass Oscar nach 361 Tagen Trennung von seiner Familie wieder einreisen durfte, mit einem Visum auf Zeit. Um sich die Einbürgerung zu sichern, ging er zur Armee und rückte nach Afghanistan ab.

Hausgemachtes Dilemma

Menschen wie Vazquez sind aus Kamens Erfinderperspektive Chiffren für ein hausgemachtes Dilemma. Statt Talente zu fördern, aus aller Welt anzulocken oder zumindest zu halten, türmte die Terrorangst nach dem 11. September 2001 neue Hindernisse auf - was sich heute bitter rächt.

Michael Hawleys kleine Truppe hatte sechs Wochen Zeit, um Leonidas zu bauen. Um Geld musste sie betteln, die Werbetrommel rühren, Leonidas vermarkten, Konflikte im Team überbrücken, alles genau wie im richtigen Berufsleben. Dale Hawley, Michaels Vater, half. "Ich hab den Jungs beigebracht, wie man ein Stück Metall zersägt, das lernt man ja in der Schule nicht mehr", sagt er.

Bis 2010 stand der 47-Jährige an der Präzisionsschleifmaschine einer Fabrik für Autoteile. Dann strich seine Firma in Michigan die Segel, weil sich die Teile anderswo billiger herstellen lassen. Seitdem ist er arbeitslos, an Leonidas konnte er sich wieder aufrichten. Der oft beschworenen Wende steht er skeptisch gegenüber. "Wir Amerikaner reden gern darüber, wie stolz wir auf unsere Techniktradition sind. Doch im selben Moment kaufen wir ausländische Autos, nur weil sie ein paar Dollar weniger kosten." (Frank Herrmann aus St. Louis, DER STANDARD, 23.5.2012)

  • Michael Hawley (ganz re.) mit dem Bastlerteam der Highschool von Berkley, einem 
Vorort Detroits. Der 17-Jährige und seine Truppe haben in sechs Wochen einen 
Basketball spielenden Roboter gebaut.
    foto: herrmann

    Michael Hawley (ganz re.) mit dem Bastlerteam der Highschool von Berkley, einem Vorort Detroits. Der 17-Jährige und seine Truppe haben in sechs Wochen einen Basketball spielenden Roboter gebaut.

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