In Ägypten zählt erstmals jede Stimme

22. Mai 2012, 18:54
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Die Kandidaten für die Wahl am Mittwoch und Donnerstag kommen aus allen Lagern - Das Rennen wird wohl erst bei Stichwahlen Mitte Juni entschieden

Es geht um nicht weniger als die ersten freien Wahlen eines Präsidenten im größten Land der arabischen Welt: 13 Kandidaten stehen auf der Wahlliste (nicht alle haben bis zu den Wahlen durchgehalten), wenn die Ägypter und Ägypterinnen am Mittwoch und Donnerstag zu den Urnen gehen. Mit einer Entscheidung in der ersten Runde wird jedoch nicht gerechnet, am 16. und am 17. Juni werden etwaige Stichwahlen stattfinden.

Der Präsident wird - nach Mohammed Naguib, Gamal Abdul Nasser, Anwar al-Sadat und Hosni Mubarak - der fünfte der 1953 ausgerufenen Republik sein. Die Ägypter haben erstmals auch eine Chance auf einen Präsidenten, der kein Militär ist: Nur einer jener Kandidaten, die das Rennen machen könnten, Mubaraks letzter Premier Ahmed Shafik, kommt aus der Luftwaffe.

Die Beobachter der Präsidentschaftswahl haben längst aufgehört, Umfragen zu beobachten: Sie werden für wenig aussagekräftig gehalten. In einer von einem regierungsnahen Institut in Auftrag gegebenen Befragung etwa ist Shafik, der als Kandidat der regierenden Militärjunta gilt, erstgereiht.

Bei den meisten Umfragen liegt noch immer Amr Moussa, der ehemalige Chef der Arabischen Liga, vorn, bei den Wahlen der Auslandsägypter schnitt der Exmuslimbruder Abdel Moneim Abul Futuh am besten ab. Für die Ägypter stehen die einzelnen Persönlichkeiten und nicht sosehr die Wahlprogramme (siehe Reportage) im Vordergrund.

Mubaraks Fall

Es wird also wirklich spannend werden, zum ersten Mal. Eine Verfassungsänderung 2005, durch die Mubarak die ersten Mehrkandidatenwahlen zuließ, war nicht mehr als Schein. Letztlich stürzte Mubarak an der Frage der Präsidentenwahlen: Dass die Militärs ihn am 11. Februar 2011 fallenließen, war auch der Tatsache geschuldet, dass er sie gegen sich aufgebracht hatte, als er seinen Sohn Gamal als seinen Nachfolger positionierte. In die Zeit zwischen erster Runde und Stichwahl wird übrigens die Urteilsverkündung gegen Hosni Mubarak erwartet. Nach der erwarteten Berufung wird der künftige ägyptische Präsident also vielleicht zu entscheiden haben, ob er dessen Todesurteil unterschreibt.

Die Ägypter können aus einem breiten Spektrum von Kandidaten wählen, als Favoriten gelten zwei Islamisten (Abul Futuh und Morsi) und zwei Kandidaten, die in unterschiedlichem Ausmaß mit Mubarak zu tun hatten (Moussa und Shafiq). Die Wahlkommission hatte zuvor eine Reihe von Kandidaten ausgeschlossen, darunter drei auf unterschiedliche Art sehr polarisierende: Khairat al-Shater, die Nummer zwei der Muslimbrüder und Milliardär, wegen seiner Gefängnisstrafe; Hazem Salah Abu Ismail, den Kandidaten der Salafisten, wegen der US-Staatsbürgerschaft seiner Mutter; sowie Omar Suleyman, Mubaraks Geheimdienstchef und Vizepräsident der letzten Tage, wegen unzureichender Unterstützungserklärungen.

Die Stärksten sind weg

Alle möglichen Verschwörungstheorien sind nach diesen Ausschlüssen gewälzt worden, aber da es so verschiedene Lager getroffen hat, waren sie allesamt nicht recht schlüssig. Im Grunde sind viele Ägypter zufrieden, wenn die diversen Kandidaten nicht allzu stark sind.

Schon vor der Wahl bezichtigten manche Kandidaten andere der Wahlfälschungsabsichten. Unzufrieden sind auch die internationalen NGOs, die Beobachter nach Ägypten geschickt haben, das Verhalten der Behörden ihnen gegenüber ist nicht sehr zuvorkommend. Hinter Ausländern wird rasch eine geheime Agenda vermutet. Die Paranoia treibt auch andere seltsame Blüten: So musste der Kandidat Mohamed Salim al-Awa, ein islamischer Philosoph, öffentlich schwören, dass er kein Schiit sei, nur weil er sich für einen Dialog zwischen Sunniten und Schiiten eingesetzt hatte. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 23.5.2012)

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    Ein Gesicht, gebildet aus dem gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak (re.) und dem Chef der Militärjunta, Mohamed Hussein Tantawi: Ein Sinnbild für den Schatten, der über der ägyptischen Präsidentschaftswahl liegt.

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    Ägypter warten auf den Einlass ins Wahllokal.

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