Wirtschaft und Sicherheit wichtige Themen

Reportage22. Mai 2012, 18:18
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Für die Ägypter und Ägypterinnen zählen Details in den Programmen der Kandidaten weniger als die Persönlichkeit

Die Details in den Programmen der Kandidaten zählen für die Ägypter und Ägypterinnen weniger als die Persönlichkeit - und die Fragen, ob einer ein Islamist oder ein Säkularer ist, zum alten Regime gehört oder nicht.

"Er hat mit Abstand am meisten Erfahrung. Das zählt jetzt", sagt Hassan über Amr Moussa. Der 57-jährige Erzieher ist einer von einigen Hundert meist männlichen Besuchern einer Wahlveranstaltung in Khanka. Viele Stühle sind leer geblieben. Khanka liegt an der nördlichen Peripherie der wuchernden 20-Millionen-Metropole Kairo, dort, wo die Stadt langsam ins flache Land übergeht. Ein gesichtsloser Stadtteil wie so viele, wo Menschen leben, die so einigermaßen über die Runden kommen. Viele arbeiten in den nahegelegenen Industriebetrieben. "Vom neuen Präsidenten erwarten sie Sicherheit und wirtschaftlichen Aufschwung", zählt Hassan die Prioritäten auf.

Alle Spitzenreiter der Präsidentschaftswahlen, die heute, Mittwoch, beginnen, kamen in den letzten Wochen nach Khanka. Am Interesse der Bevölkerung ließ sich nicht ablesen, wer gewinnen wird. Bei den Parlamentswahlen im letzten Herbst haben die Muslimbrüder am besten abgeschnitten. "Aber die Macht soll verteilt werden", nennt Hassan einen weiteren Grund für seine Präferenz.

Minarette und Kirchtürme

Der 76-jährige Moussa gibt sich gerne staatsmännisch, findet aber auch bei einfachen Leuten den Ton. Das Plakat für seinen Auftritt hat er sorgsam gewählt. Es zeigt eine Kairoer Skyline mit Minaretten und Kirchtürmen. In Khanka leben auch koptische Christen. Die Stimmung an diesem Abend ist eher steif und erinnert ein wenig an die orchestrierten Auftritte staatlicher Würdenträger unter Mubarak.

Ein Hauch von Revolution und eine Atmosphäre wie bei einem Volksfest herrscht hingegen beim Auftritt von Abdel Moneim Abul Futuh, einem moderaten Islamisten, im Gezira-Jugendclub in Kairo. Tausende haben das Sportfeld in ein oranges Meer von Fahnen verwandelt. Die meisten sind jung. Als der Kandidat sich auf der Bühne zeigt, tobt die Menge im Schein eines Feuerwerks und ruft: "Das Volk will Abul Futuh als Präsident".

Der 61-jährige Arzt und Gewerkschafter hat an diesem Abend drei Dutzend Prominente um sich geschart, die das ganze Spektrum der Gesellschaft von Liberalen bis zu erzkonservativen Salafisten vertreten. "Die Revolution muss weitergehen, die Revolution darf nicht sterben", begründet Wael Ghoneim, einer der Helden des Tahrir-Platzes, seine Unterstützung für Abul Futuh. Dessen Wahlkampf erinnert ein bisschen an Obama. 96.000 Freiwillige engagieren sich, auch Mustafa ein Logistik-Student. Er hätte allerdings wie viele hier Mohamed ElBaradei, den Friedensnobelpreisträger und früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, vorgezogen, der sich im Jänner aus dem Rennen zurückzogen hat.

15 Monate nach dem Sturz Mubaraks sind die ersten freien Präsidentschaftswahlen ein entscheidender Schritt für den Aufbau eines demokratischen Systems. Die regierenden Generäle haben versprochen, nach der Vereidigung eines neuen Staatsoberhauptes die Macht wieder an zivile Organe abzugeben.

Zum ersten Mal gibt es eine echte Auswahl. Meinungsumfragen sind allerdings mit äußerster Vorsicht zu genießen, die politischen Loyalitäten noch nicht ausgeprägt. Wenige Tage vor dem Urnengang sind viele Ägypter und Ägypterinnen noch unentschlossen. "Das Wichtigste ist, dass meine Stimme diesmal zählt", sagt ein Geschäftsmann in Kairo, der nur weiß, dass er keinen Ehemaligen wählen wird.

Zersplitterte Linke

Vier Kandidaten haben sich vom Feld abgesetzt, neben Moussa und Abul Futuh, Mohamed Morsi von den Muslimbrüdern und Ahmed Shafik, der letzte von Mubarak ernannte Regierungschef und das Aushängeschild der "Felul", der "Ehemaligen". Die Linke ist zersplittert. Einzig dem Nasseristen Hamdeen Sabbahi wird ein Achtungserfolg zugetraut. Umstritten sind insbesondere Morsi und Shafik. Nach schlechten Umfrageergebnissen haben die Muslimbrüder in den letzten Tagen einen sehr aggressiven Wahlkampf geführt, ihren ganzen Apparat aufgeboten und bereits das Gespenst der Wahlfälschung heraufbeschworen.

Recht und Ordnung

Shafik hat eine Plattform, die ganz auf Recht und Ordnung baut. Er findet vor allem bei der schweigenden Mehrheit Gehör und konnte in den letzten Umfragen massiv zulegen, obwohl seine Kandidatur unter Vorbehalt steht. Es laufen mehrere Prozesse gegen ihn wegen Amtsmissbrauchs. Seine Wahl wäre für alle, die einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit wollen, eine Provokation. Viele haben auch Angst, dass Shafik auf Schlägertruppen des alten Regimes zurückgreifen könnte, um das Resultat zu beeinflussen.

Über die Details der Programme machen sich die Wähler ohnehin nicht viele Gedanken. Sicherheit und die Ankurbelung der Wirtschaft versprechen alle Bewerber. Gewählt wird die Persönlichkeit, und entschieden wird nach Kriterien wie Islamist oder Säkularist sowie Vertreter der Revolution oder Exponent des alten Regimes. (Astrid Frefel aus Kairo, DER STANDARD, 23.5.2012)

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    Der Kandidat Abdel Moneim Abul Futuh gab seiner Kampagne eine Farbe: Orange. Im Bild eine Anhängerin im Fahnenmeer.

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    Amr Moussa punktet mit Professionalität. Für viele ist er aber ein Mann von gestern.

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