Der Clown und seine Grillen im Höhenflug

22. Mai 2012, 16:01
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Der Komiker Beppe Grillo bündelt die Stimmen der Unzufriedenen im Krisenland Italien - Nach Parma will er als Nächstes Berlin erobern

In Italien schickt sich ein Clown an, der etablierten Politikerkaste nach und nach den Rang abzulaufen. Dieser ist das Lachen spätestens seit dem klaren Sieg von Beppe Grillos Protestbewegung "Fünf Sterne" bei der Stichwahl zum Bürgermeister der norditalienischen Großstadt Parma vergangen. Grillos Kandidat, der 37-jährige Finanzberater Federico Pizzarotti, setzte sich mit mehr als 60 Prozent der Stimmen gegen den amtierenden Provinzpräsidenten, einen Linksdemokraten, durch. Der Schauspieler und selbst ernannte "Detonator" Grillo, 63, wird solcherart zum Tribunen eines frustrierten, auf Denkzettel für die verkrustete Elite erpichten Volkes. Und das längst nicht mehr nur in der Stadt des Rohschinkens.

"Der Euro ist ein Strick um den Hals", formulierte der grobschlächtige Ligurer in einem Interview im Wahlkampf, was vielen von der Krise zermürbten Italienern durch den Kopf geht. "Italien muss die Möglichkeit eines Austritts aus dem Euroraum überlegen, das Thema darf nicht mehr tabu sein." Solche Agitation kommt an in einem Land, das zwar die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone bildet, seit Jahren aber gegen den Abwärtssog aus Verschuldung und sozialen Einschnitten ankämpft. Während in Griechenland hartgesottene Neofaschisten und in Deutschland die weitgehend ideologiefreien Piraten reüssieren, vermag Grillo die Unzufriedenen im Stiefelstaat an seine 2009 gegründete Bewegung zu binden.

"Grillini"

Beppe Grillo geriert sich als fleischgewordene Antithese zum verkrusteten Parteienstaat. "Grillini" nennen sich die Anhänger des Komikers und Bloggers - seine Website beppegrillo.it zählt zu den meistaufgerufenen Blogs weltweit - und frönen den obskuren Idealen der "Fünf Sterne": eine Prise Ökoschick wie bei den Grünen, etwas Digital-Citizen-Flair, wie ihn die Piraten verströmen, Anleihen an den in Italien traditionell verankerten Anarchismus, ein bisschen Eurokritik, zu der europäische Rechtspopulisten gerne greifen.

Aktuelles Beispiel: "Nach dem Erfolg in Parma werden wir bald auch Berlin erobern", ließ Grillo verlauten, als er den Erdrutschsieg kommentierte. Obwohl ihr Chef lautstark zum Marsch auf Berlin ruft, nehmen seine "Grillini" durchaus die Mühen der Ebene auf sich. Der Wahlsieg sei der politischen Leidenschaft der Aktivisten seiner Bewegung, die sich unermüdlich im Wahlkampf engagiert hätten, zu verdanken, lobte der Meister. Effiziente Müllentsorgung, transparente Verwaltung, bezahlbare Kinderbetreuung: So verkauft sich Grillos Anarchopopulismus auch auf dem flachen Land.

Und Grillo selbst wird nicht müde zu betonen, dass dieser Sieg und die anderen Achtungserfolge der "Fünf Sterne" in Italiens Städten ganz ohne Wahlkampfbüro, Parteizentrale und -förderung eingefahren wurden. 6.000 Euro haben die "Grillini" in den Wahlkampf in Parma eigenen Angaben zufolge investiert. (flon, derStandard.at, 22.5.2012)

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    Beppe Grillo bei einer seiner medienträchtigen PR-Aktionen: Vor dem Römer Parlament verschüttete er im vergangenen September aus Protest gegen die Berlusconi-Regierung säckeweise Muscheln.

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