Zugriff auf Vermögen von Pflegefällen: "Das ist eine verlogene Debatte"

22. Mai 2012, 15:19
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Bei der stationären Pflege alter Menschen sollte nicht mehr auf deren Vermögen zugegriffen werden, fordert Peter Hacker, der Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien (FSW)

Standard: In einigen Altersheimen gibt es Preislisten für Hilfestellungen. Medikamente im Tagesdispenser einschachteln etwa kostet 2,34 Euro - wie kommen solche Beträge zustande?

Hacker: Das gesamte System verändert sich gerade. Wir hatten bis vor zehn Jahren überwiegend die Einheitsleistung. Dann ist die große Änderung durch das Konsumentenschutzgesetz eingetreten. Das zwingt die Betreiber zu einem hohen Präzisionsgrad. Ich halte nicht viel von den Einzelauflistungen, der Aufwand übersteigt den Nutzen.

Standard: Warum kostet ein durchschnittlicher Pflegeplatz mindestens 4500 Euro?

Hacker: Es gibt vier Kostenfaktoren: Wir müssen Wohnraum anbieten, Essen und Trinken, Pflege und Betreuung sowie therapeutische und medizinische Leistung.

Standard: Wie stark variiert die Essensqualität in den Heimen?

Hacker: In der Wahrnehmung der Bewohner dreht sich alles darum. Faktisch ist es unmöglich, für hunderte Menschen so zu kochen, dass immer alle glücklich sind. In den von uns finanzierten Häusern ist die Qualität sehr hoch.

Standard: Wie sieht es mit Restriktionen und Vorschriften aus?

Hacker: Die Zeit, in der wir dirigistisch totale Institution gespielt haben, ist fix vorbei.

Standard: Was kommt auf uns zu, wenn 2030 rund zwei Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sind?

Hacker: Ich gehöre nicht zu den Apokalyptikern. Wir werden vor allem deswegen älter, weil wir länger gesund sind. Die Lebenserwartung, aber auch das Eintrittsalter ins Pflegesystem steigt. Das Interessante ist, dass es eine radikale Verkürzung bei der Aufenthaltsdauer in Pflegeheimen gibt. Der Schwerpunkt im Geriatriekonzept liegt klar in der Betreuung zu Hause.

Standard: Was sind die Nachteile in der mobilen Pflege?

Hacker: Es gibt einen Moment, ab dem der Aufwand zu hoch und zu teuer wird.

Standard: Gibt es einen Punkt, an dem dem FSW das Geld ausgeht?

Hacker: Ja, deswegen führen wir intensive Gespräche mit dem Bund über die Finanzierung. Man muss darüber nachdenken, ob das Pflegegeld weiterhin so undifferenziert ausgezahlt wird.

Standard: Ist eine Zukunft ohne Regress finanziell denkbar?

Hacker: Wir haben in Wien auf den Angehörigenregress verzichtet, daran wird sich nichts ändern. Pflege darf keine Angelegenheit sein, die vom Einkommen der Kinder abhängig ist.

Standard: Empfinden Sie die aktuelle Aufteilung gerecht?

Hacker: Nein, in der stationären Pflege greifen wir auf das Vermögen zu. Ich bin der Meinung, dass wir das abschaffen können und sollten. Es ist in Wahrheit eine Vermögenssteuer mit einem Satz von 100 Prozent. Das halte ich für paradox, wenn wir nicht in der Lage sind, Vermögensertragssteuer einzuführen. Das ist eine verlogene Debatte.

Standard: Im Mittelstand trifft es die Sparer.

Hacker: Genau dort liegt das Problem. Die SV-Beiträge sind hoch, das weiß jeder, der auf den Gehaltszettel schaut. Aber wir Österreicher sind einverstanden zu zahlen, weil die Qualität der Sozialleistungen und der Medizin hoch ist. In der Pflege gibt es eine Ausnahme - die Gemeinschaft hilft dir erst, wenn du dir selbst nicht mehr helfen kannst.

Standard: Pflegegeldansprüche sind weder innerhalb der EU noch zwischen Bundesländern transferierbar. Macht das Sinn?

Hacker: Aus meiner Sicht nicht. Man muss sich darauf einstellen, dass die Menschen nicht mehr auf dem gleichen Fleck leben. Das bedeutet, dass wir die gesamten SV-Systeme einem grundlegenden Relaunch unterziehen müssen. Wir haben der EU keine Kompetenz im Sozialsektor gegeben. Darum dürfen wir uns nicht wundern, dass dort nichts passiert.

Standard: Warum gibt es auch nach der Arbeitsmarktöffnung zu wenig Pflegekräfte?

Hacker: Wir haben zwar mit großer Hemmungslosigkeit geschaut, dass unsere Geschäfte im Osten ordentlich wachsen, aber mit gleicher Vehemenz verteidigt, dass ja nicht zu viele zu uns kommen. Wollten sie dann auch gar nicht.

Standard: Ist es die schlechte Bezahlung, die die Leute abschreckt?

Hacker: Ich glaube, Pflege und Betreuung widersprechen grundsätzlich dem hippen Zeitgeist. Es wird schon auch am Gehalt liegen, aber vor allem am Image. Leider fördern wir keine Ausbildung von Quereinsteigern. Wahrscheinlich gibt es viele Leute, die in den Sozialsektor hinein schnuppern würden.

Standard: Es gibt einen Trend, mehr Assistenten als Diplomierte einzustellen, um Kosten zu sparen.

Hacker: Den kostenkritischen Blick haben die Kunden von Pflege- und Betreuungsleistungen selbst. Die fragen sich, warum sie jemandem 40 Euro die Stunde zahlen, der ihnen die Küche zusammenräumt. Wir leben in einer Zeit kritischer und selbstbewusster Konsumenten. Das ist unangenehm für Einrichtungen, aber ich halte das für einen positiven Trend. Wir haben die Ausbildungsniveaus in den vergangenen Jahren ziemlich nach oben geschraubt. Einige Vertreter vom Pflegepersonal verlangen eine Akademisierung. Aber was heißt das? Es ist undenkbar, dass ich akademisch ausgebildetes Personal zur einfachen Körperpflege schicke. Das würde richtige Berufsfrustration erzeugen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 21.5.2012)

PETER HACKER (50) ist seit elf Jahren Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien (FSW). Die privatwirtschaftlich organisierte städtische Einrichtung ist für Pflegedienste, Behindertenarbeit und Obdachlosenhilfe zuständig und zahlte 2010 660 Millionen Euro für Pflege und Betreuung.

  • Für FSW-Geschäftsführer Peter Hacker ist eine grundlegende Umstrukturierung des Sozialversicherungssystems unabdingbar.
    foto: andy urban

    Für FSW-Geschäftsführer Peter Hacker ist eine grundlegende Umstrukturierung des Sozialversicherungssystems unabdingbar.

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