Trotz Klimawandel keine Zunahme von Wetterextremen in den Alpen

22. Mai 2012, 13:35
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ZAMG-Klimatologe Böhm: "Temperaturschwankungen in den letzten Jahrzehnten sogar geringer geworden"

Wien - Laut einer am Dienstag präsentierten Langzeitstudie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ist zwar der Klimawandel unbestritten, zu der oft zitierten Zunahme von Wetterextremen ist es in den Alpen bislang aber nicht gekommen. Ganz im Gegenteil: "Die Temperaturschwankungen sind in den letzten Jahrzehnten sogar geringer geworden", resümierte Klimatologe und Studienautor Reinhard Böhm.

Die Forscher gingen der Frage nach, ob durch den Klimawandel das Wetter im Alpenraum immer stärker zu Extremereignissen neigt. Böhm: "Unbestritten ist, dass es in den letzten Jahrzehnten wärmer wurde, im Alpenraum sogar stärker als im weltweiten Mittel. Damit werden natürlich auch Hitzewellen häufiger. Wir werden aber oft mit der Frage konfrontiert, ob mit dem Klimawandel auch die Schwankungen insgesamt immer häufiger und stärker werden. Ob sich also immer mehr Hitzewellen, Kältewellen, Trockenperioden und Starkniederschläge aneinanderreihen."

Kein Trend zu mehr Variabilität

Die Resultate der Untersuchung ließen sogar die Wissenschafter staunen. Ergebnis Nummer eins: In den vergangenen 250 Jahren wurden im Alpenraum die saisonalen und jährlichen Schwankungsbreiten heiß-kalt, trocken-feucht nicht stärker und damit nicht extremer. Ergebnis Nummer zwei: Auch die vergangenen 30 Jahre, die stark durch den Einfluss des Menschen geprägt sind, zeigen im Vergleich zu den Jahrzehnten davor keinen Trend zu mehr Variabilität.

Und schließlich Ergebnis Nummer drei: In Langzeitverläufen zeigen sich bei Temperatur, Niederschlag und Luftdruck zwei lange Wellen der Variabilität mit einer Wiederkehrzeit von etwa hundert Jahren. Variabler ("verrückter") war das Klima in der Mitte der beiden vergangenen Jahrhunderte, weniger variabel ("ruhiger") zu Beginn und Ende der Jahrhunderte. Diese langen Wellen lassen sich vorerst nicht erklären. Eine mögliche Ursache sind Wechselwirkungen mit den Ozeanen, die im Klimasystem sozusagen ein Langzeitgedächtnis besitzen, heißt es in der Studie.

Übergangszeiten wie eh und je

"Die Ergebnisse sind sicher für viele überraschend. Zum Beispiel hört man oft, dass es keine Übergangsjahreszeiten mehr gäbe, und Frühling und Herbst aber auch Sommer und Winter immer mehr durch extreme Kalt-Warm-Schwankungen gezeichnet seien. Unsere Studie zeigt eindeutig, dass das nicht so ist. Es ist zwar wärmer geworden, aber die Schwankungen haben eindeutig nicht zugenommen", so Böhm.

Als Basis für die Studie diente ein ungewöhnlich langer und hochwertiger Datensatz. Er besteht aus Messdaten von 58 Orten im Alpenraum, die zum Teil bis ins Jahr 1760 zurückreichen. Böhm: "Das ist ein weltweit einzigartiger Datensatz. Zum einen deckt er den gesamten Zeitraum des instrumentellen Messens ab. Zum anderen sind in diesen Daten alle Fehler und Inhomogenitäten korrigiert, wie sie zum Beispiel durch Verlegungen von Wetterstationen oder Änderungen von meteorologischen Messsystemen entstehen. Nur so kann Fragen zu Klimaänderungen und Klimaschwankungen wirklich fundiert überprüfen." Veröffentlicht wurde die Studie vom Wissenschaftsmagazin "European Physical Journal". (APA/red, derstandard.at, 22.5.2012)

  • Der Klimawandel sorgt für im Durchschnitt höhere Temperaturen; soviel ist unbestritten. Einen Trend zu mehr Variabilität konnten die Forscher in den letzten 30 Jahren aber nicht feststellen.
    foto: apa/epa/armin weigel

    Der Klimawandel sorgt für im Durchschnitt höhere Temperaturen; soviel ist unbestritten. Einen Trend zu mehr Variabilität konnten die Forscher in den letzten 30 Jahren aber nicht feststellen.

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