Voll implantierbares Hörgerät nutzt Knochenleitung

22. Mai 2012, 13:09
posten

Präsentation in Amsterdam - Bei der Entwicklung aus der Innsbrucker High-Tech-Schmiede MED-EL sitzt das Mikrophon außen, der "Vibrator" im Knochen

Eine Knochenleitung lässt schwer Hörgeschädigte wieder weitgehend normal hören: Das Innsbrucker Spezialunternehmen MED-EL, international Pionier bei Cochlea-(Innenohr)Implantaten für taub geborene Kinder, hat mit "Bonebridge" das weltweit erste voll implantierbare System entwickelt, das die Knochenleitung zum Innenohr für die Schallübertragung nutzt.

Im Sommer des Vorjahres wurde die neuartige Hörhilfe erstmals einer 21-jährigen Tirolerin, die an einer angeborenen Hörschwäche litt, eingesetzt (derStandard.at berichtete >>).

"Die Aufmerksamkeit unter den Experten dafür ist enorm groß", sagte der Innsbrucker HNO-Spezialist Georg Sprinzl (Universitätsklinik) anlässlich der Präsentation des Systems am 21. Mai am Rande des Kongresses der europäischen Kinder-HNO-Spezialisten in Amsterdam.

Behelfe der letzten Jahrhunderte

Für Ludwig van Beethoven wäre ein solches System ein Segen gewesen. Als er mit zunehmendem Hörverlust konfrontiert war, fixierte er einen Taktstock am Klavier und biss auf ihn mit den Zähnen, um über die per Knochenleitung ins Innenohr geleiteten Vibrationen den Klang wahrzunehmen. Mehr oder weniger behelfsmäßige "Hörgeräte" mit Ausnutzung der Schallübertragung ins Innenohr via Schädelknochen existierten damit seit Jahrhunderten. Doch wirklich perfekt war kein System.

Marcus Schmidt, Marketingdirektor von MED-EL: "Zuletzt gab es knochenverankerte Hörgeräte. Dabei wird ein Loch in den Knochen hinter dem Ohr gebohrt und die Vibration von außen über einen 'Stecker' übertragen. Doch es gibt Wundheilungsstörungen, in heißen und feuchten Regionen sind die Geräte kaum verwendbar. Es gibt Probleme bei der Reinigung. Die Komplikationsrate beträgt in Studien 46 Prozent."

Zielgruppe liegt bei einem Prozent

Gedacht sind solche Systeme für Menschen, bei denen entweder die Schallübertragung von außen zum Innenohr - etwa beim Fehlen eines oder der Gehörgänge, nach Operationen, Verkalkungen etc. - "konduktiv" nicht klappt, oder bei Kombinationen aus Innenohrdefekten ("sensorineural") und den erstgenannten Problemen, die nicht mit herkömmlichen Hörgeräten überbrückt werden können.

Das Innenohr muss aber grundsätzlich noch funktionieren. Schmidt: "Man kann rechnen, dass zehn Prozent der Bevölkerung ein Hörgerät tragen sollten, für das neue System könnte ein Prozent infrage kommen." Bei den kombinierten Schallübertragungs- und Innenohrstörungen kann bald praktisch Taubheit auf einem oder beiden Ohren die Folge sein.

30- bis 60-minütige Operation

Bei MED-EL setzte man in der Entwicklung des neuen Systems auf volle Implantierbarkeit des "Ton angebenden" Teils des Systems und Übermittlung der Signale von einem Mikrofon- und Prozessorteil, der mit einem Magnet außen über dem Implantat auf der intakten Haut angeheftet wird.

Schmidt: "Der Schall wird mit dem Mikrofon von dem außen getragenen Audioprozessor aufgenommen und in Signale umgewandelt. Sie werden durch die Haut in den vorher in einer 30- bis 60-minütigen Operation in den hinter dem Ohr unter der Haut eingesetzten Teil übertragen, dort in Schwingungen umgesetzt und in den Knochen abgegeben." Auch die Energieversorgung erfolgt durch die intakte Haut mittels Induktion vom Audioprozessor her.

Wortverständnis steigt um 78 Prozent

An das Innenohr gelangen Frequenzen zwischen etwa 250 Hertz und 8.000 Hertz, was für ein gutes Sprachverständnis und Hörerlebnis sorgt. In klinischen Tests an Patienten stieg das Wortverständnis in einer dabei verwendeten Testskala um 78 Prozent. Die Pegelgrenze ab einem Hörerlebnis stieg um 25 dB. Das verwendete Softwareprogramm erlaubt ein aktives Sprach- und Geräuschmanagement, das Ausschalten von Windgeräuschen etc.

"Chirurgisch ist die Implantation des Gerätes kein Problem. Man gibt den Patienten wirklich das Hören zurück. Allen bisherigen Patienten geht es gut", sagt der Innsbrucker HNO-Spezialist Georg Sprinzl. Er hat im Juni vergangenen Jahres die erste derartige Implantation an einem Patienten vorgenommen. Zwei bis drei Wochen nach dem Eingriff kann das "Bonebridge"-System aktiviert werden. Es ist derzeit für Patienten ab 18 Jahren zugelassen. Nun läuft eine Studie an Kindern. Man schätzt, dass das Gerät ab einem Alter von etwa fünf Jahren einsetzbar ist. (APA/red, 22.5.2012)

Share if you care.