"Um Gottes willen, das endet mit der Leitplanke!"

Interview |
  • "Ich habe noch nie Drogen genommen, aber das ist schon ein Trip, eine ganz oarge Geschichte."
    foto: apa/ap/nesius

    "Ich habe noch nie Drogen genommen, aber das ist schon ein Trip, eine ganz oarge Geschichte."

  • Eng! Alexander Wurz duelliert sich 1998 in Monaco mit Michael Schumacher.

  • Adrenalin! Eine Runde durch den Stadtkurs mit Sebastian Vettel.

  • Unglaublich! Alberto Ascari verabschiedet sich 1955 in das Hafenbecken.

Alexander Wurz über die Gefühls­welt des Rennfahrers in Monaco und die Szene, als der Macho mit ihm durchging

Wien - Ab Donnerstag heulen in Monaco wieder die Motoren der Formel 1 auf. Der Grand Prix im Fürstentum gilt als die prestigeträchigste Veranstaltung im Motorsport. Über die Besonderheiten des Rennens sprach der ehemalige F1-Fahrer Alexander Wurz mit Philip Bauer.

derStandard.at: Rennfahren in Monaco wird immer wieder als "Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer" bezeichnet. Eine passende Beschreibung?

Wurz: Nelson Piquet wollte damit in Worte fassen, wie schwierig es hier für den Rennfahrer ist. Und er hat schon recht damit, es ist tatsächlich eine irrwitzige Angelegenheit. Zumindest wenn man sich am absoluten Limit bewegt, und in der Formel 1 muss man schon öfters angasen.

derStandard.at: Wie macht sich das Limit für den Rennfahrer bemerkbar?

Wurz: Beim Einfahren in die Kurve denkt man sich: Um Gottes willen, jetzt bin ich zu spät, das endet mit der Leitplanke! Doch im Kurvenausgang fängt man das Auto plötzlich wieder. Sobald man damit bewusst zu kalkulieren beginnt, wird es richtig spannend.

derStandard.at: Wie unterscheidet sich der Grip auf einem Stadtkurs von jenem auf einem gewöhnlichen Rundkurs?

Wurz: Auf einer ständigen Rennstrecke entwickelt sich die Rundenzeit über das Wochenende im Extremfall um zwei bis drei Sekunden. In Monaco reden wir von sieben oder mehr. Der Asphalt ist zunächst durch den alltäglichen Verkehr sehr schmutzig, dann wird durch Unterboden und Abtrieb abgesaugt. Mit dem Gummiabrieb haftet der Reifen später wesentlich besser.

derStandard.at: Fehler werden in Monaco bitter bestraft. Wie geht der Fahrer mit dieser Situation um?

Wurz: Ein Höchstmaß an Konzentration ist ohnehin immer erforderlich. In Monaco betritt man aber eine Sphäre, die man nur selten erreicht. Da spielt sich so viel in deinem Kopf ab, dieses Gefühl kann fast süchtig machen. Ich habe noch nie Drogen genommen, aber das ist schon ein Trip, eine ganz oarge Geschichte.

derStandard.at: Ayrton Senna krachte einst mit einer Minute Vorsprung vor dem Tunnel in die Leitplanke. Er wollte immer schneller fahren, sich selbst übertreffen. Kann auf diesem Trip durch die Häuserschluchten die Vernunft aussetzen?

Wurz: Das ist natürlich eine sehr mystische Geschichte. Das Rennen dauert sehr lang, man ist dehydriert, das nagt an der Leistungsfähigkeit. Dann kann sehr schnell ein Fehler passieren. In der Gegenwart sind die Rennfahrer aber noch besser vorbereitet als damals.

derStandard.at: Oft hört man, der Anteil des Fahrers am Erfolg sei in Monaco größer als auf anderen Rennstrecken. Ist dem tatsächlich so?

Wurz: Grundsätzlich braucht man immer ein schnelles, siegfähiges Auto. Vielleicht kann man in Monaco mit einem guten Rhythmus ein paar Prozent wettmachen. Im HRT wird keiner nach vorne fahren, dazu ist die Dichte der Fahrer viel zu hoch. Man muss hier in ganz kleinen Sphären rechnen.

derStandard.at: Welche Passagen stellen den Fahrer vor eine besondere Herausforderung?

Wurz: Das Casino ist extrem. Eine schnelle Linkskurve im vierten Gang. Wenn man den Scheitelpunkt um einen Meter verpasst, wird es eng, da baut sich noch jedes Jahr einer ein. Beim Schwimmbad ist es sehr schnell und wellig. Man muss als Fahrer runterschlucken, um dort am Limit hineinzustechen.

derStandard.at: Überholen ist quasi unmöglich. Heißt die vereinfachte Siegformel in Monaco: Speed im Qualifying, perfekte Boxenstrategie im Rennen?

Wurz: Vereinfacht: ja. 60 Prozent Qualifying, 40 Prozent strategische Planung. Es kommt in dieser Saison aber sehr viel auf die Reifen an. Wenn man mit dem Set-up und dem Fahrstil nicht aufpasst, ist man sehr schnell weg vom Fenster.

derStandard.at: Sie arbeiten als Fahrermentor bei Williams. Welche Ratschläge werden Sie den beiden Piloten geben?

Wurz: Vor Monaco wahrscheinlich die wenigsten. Normalerweise muss der Fahrer feinfühlig und sauber fahren, vor allem mit den Pirelli-Reifen soll er das Auto sehr sanft bewegen, unaggressiv. In Monaco ist die Belastung der Reifen geringer, weniger Abtrieb, weniger Fliehkräfte. Der Pilot kann also aus seinem Instinkt heraus agieren, er muss selber seinen Rhythmus finden.

derStandard.at: Also gar kein Ratschlag des Mentors?

Wurz: Nur ein Tipp, den auch der Teamchef oder der Ingenieur geben kann: Rhythmus finden und im Training nicht gleich übermotiviert gegen die Wand fahren.

derStandard.at: Sich also langsam nach oben tasten?

Wurz: Ja, aber das ist keine große Weisheit, das versteht sogar der Journalist (beide lachen, der eine weniger).

derStandard.at: Pastor Maldonado fuhr schon in der GP2 Siege in Monaco ein, Senna gewann ebenfalls. Sind solche Erinnerungen nützlich?

Wurz: Natürlich, man behält diese Bilder im Kopf. Sie haben die besten Voraussetzungen, aber man muss sie etwas im Zaum halten, damit sie dieses Bild nicht schon im Training mit etwas Negativem überschreiben.

derStandard.at: Wie sind die Erinnerungen an Ihr erstes Rennen. Kommt man als Rookie mit besonderer Ehrfurcht auf diese traditionelle Rennstrecke?

Wurz: Nennen wir es einen gewissen Respekt. Aber vor allem reist man mit extremer Freude an, weil man sich ja gerne am Limit bewegt. Es ist Vorfreude auf die neue Dimension, die man dort erfährt.

derStandard.at: Immer wieder stellt sich die Frage, ob auf einem Stadtkurs die Sicherheit gewährleistet werden kann. Wie schätzen Sie die Situation in Monaco ein?

Wurz: Die Gefahr eines Kontakts mit der Leitschiene ist natürlich erhöht. Durch die niedrigeren Geschwindigkeiten ist das Risiko eines fatalen Unfalls unter dem Strich aber wohl geringer als anderswo. Wenn man in Spa in der Eau Rouge mit 300 km/h verunglückt, ist dies gefährlicher als ein Crash im Hafen von Monaco.

derStandard.at: Drei Situationen aus der Geschichte des Rennens. Was fällt Ihnen dazu ein? Erstens: Alberto Ascari fällt mit seinem Lancia 1955 ins Hafenbecken und wird von Matrosen unverletzt geborgen.

Wurz: Seither sitzen die Tauchleute während der Rennen am Boot und warten.

derStandard.at: Senna fährt 1984 im hoffnungslos unterlegenen Toleman im Regen um einige Sekunden schneller als die McLaren von Niki Lauda und Alain Prost.

Wurz: Und Stefan Bellof im Tyrrell war noch schneller.

derStandard.at: Michael Schumacher und Alexander Wurz duellieren sich 1998 von der Haarnadel bis zur Tunneleinfahrt.

Wurz: Unterhaltsam, aber ärgerlich. Ich war an zweiter Stelle. Er fuhr eine Zwei-Stopp-Strategie, ich nur auf einen Stopp. Unter dem Strich war er rund 20 Sekunden hinter mir. Ich hätte nicht zurücküberholen sollen, da ist mir der Macho durchgegangen. Er ist mir hinten draufgefahren und hat die Aufhängung beschädigt.

derStandard.at: Im Normalfall gelten Sie aber als sehr besonnen, akribisch. Sie haben für fast alle großen Teams gearbeitet. Was wird an Ihnen in der Szene so geschätzt?

Wurz: Es geht um die analytische, technische Weiterentwicklung. Ich habe da quasi eine Marktlücke entdeckt. Die Teams meinen, dass ich mein Geld wert bin.

derStandard.at: Das meint unsere Community auch. Normalerweise werden ORF-Sportmoderatoren in unseren Foren eher negativ beurteilt, Sie kommen hingegen sehr gut weg. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Fachwissen und allgemeiner Verständlichkeit?

Wurz: Ich habe bei meiner Tätigkeit für die Teams auch viel mit Sponsoren gesprochen. Im Laufe der Jahre merkt man, wie viel Fachwissen man transportieren kann. Zusätzlich stellt sich die Frage, wie viel Zeit ich zur Verfügung habe, um die Zusammenhänge zu erklären. Ich versuche mich der Situation anzupassen. Mein Kollege Ernst Hausleitner legt mir schön auf und ich verwerte, wir ergänzen uns da sehr gut. (Philip Bauer, derStandard.at, 23.5.2012)

Alexander Wurz (38) fuhr in der Formel 1 52 Rennen für Benetton, 16 für Williams und eines für McLaren. Dreimal fuhr er auf das F1-Podest, zweimal gewann er das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Für Williams ist er als Fahrermentor tätig, für den ORF als Co-Kommentator.

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