Mehr als Haarekämmen und Füttern

23. Mai 2012, 13:43
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Abseits mechanischer Handgriffe: Der Film "In guten Händen" begleitet Menschen, die eine Ausbildung zum Sozialfachbetreuer absolvieren

Alten Menschen die ergrauten Haare frisieren, sie im Bett aufsetzen, mit ihnen essen: Pflege hat viele Gesichter, genauso wie die Pflegebedürftigen. Mit der Ausbildung zum Pflegeberuf und seinen vielen Facetten setzt sich der Film "In guten Händen" des jungen Wiener Filmemachers Albert Pichler auseinander. Der Film zeigt den Beruf und die Ausbildung zum Sozialfachbetreuer mit Ausbildungsschwerpunkt Altenarbeit in der berufsbegleitenden Abendschule SOB Biedermannsdorf in Niederösterreich.

Etwas Sinnvolles tun

Die Wege der Darstellerinnen zur Ausbildung könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist die 21-jährige Katharina, die sich in der Schulzeit missverstanden fühlte und nun nach einer unbefriedigenden Ausbildung zur Mediendesignerin endlich an ihrem Berufswunsch angekommen fühlt. Erstmals hat sie das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Ähnlich ergeht es der jungen Iranerin Maryam, die eigentlich ein Französischstudium und eine Ausbildung zur Logistikerin absolviert hat, bevor sie sich zu dieser Ausbildung entschloss. Schon während ihres Studiums hat sie ihre Großmutter intensiv gepflegt. 

Die ältere Kollegin Gabriela hat zwar einen sozialen Berufshintergrund, arbeitete im extramuralen Bereich, hatte aber bis dato mit Pflege nichts am Hut. Das wollte sie nachholen. So wie die psychosoziale Gesundheitstrainerin Theresa, die bisher nur präventiv tätig war.

Zukunftsberuf mit wenig Lohn

Die Nachfrage und der Bedarf an qualifizierten Kräften werden in Zukunft steigen, vor Arbeitslosigkeit brauchen sich Absolventen wohl nicht fürchten. Dennoch fühlen manche der Schülerinnen, dass sie wenig Anerkennung bekommen, Pflege als Beruf nicht vom gesellschaftlichen Umfeld akzeptiert wird - auch weil die Entlohnung ungerechtfertigt schlecht ist. "Mit rund 1.600 Euro brutto können die Absolventinnen und Absolventen später im Vollzeitjob rechnen", sagt Lehrerin und Projektleiterin Manuela Miedler. Im Vergleich zum Verdienst einer Friseurin oder einer Heimhilfe sei das noch mehr.

Gedanken machen sich die Darstellerinnen darüber schon, doch schlussendlich ist es ihnen wichtiger, dass sie sich in Ausbildung und Beruf richtig aufgehoben fühlen. Erzählen sie ihre Geschichte und über ihre Erfahrungen mit der Pflegeausbildung, weiß man, dass sie sich richtig entschieden haben.

"Pflege ist Berührung"

"Es ist ein großer Unterschied, ob wir einen Menschen einfach nur pflegen oder ob wir berührend pflegen", sagt eine Stimme im Film. Das Berühren sei nicht auf die Hände beschränkt, sondern meine auch, mit dem Herzen und der Stimme einen Menschen zu berühren. Das ist Pflege. Dass es mehr ist als mechanische Handgriffe, wird schon klar, wenn die Kamera die Auszubildenden in den Unterricht begleitet. Es geht viel um das gemeinsame Lösen von Problemen, auch um das menschliche Miteinander, denn das Alter der Schülerinnen ist bunt gemischt.

Das Leben umkrempeln

Der 21-jährigen Katharina ist nach einem schweren Unfall bewusst geworden, dass sie etwas an ihrem Leben ändern muss, und sie spürte, dass sie mehr mit Menschen zu tun haben möchte. "Ich wollte etwas machen, das nicht jeder kann." In einem Pflegeheim hat sie dann angefangen, ehrenamtlich zu arbeiten. Das war der erste Schritt.

Gabriela hat noch 15 Jahre zu arbeiten, bevor sie in Pension geht. Die möchte sie "mit einer Kompetenz meistern", wie sie sagt. Für Maryam ist der Sinn der Arbeit, die Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt zu motivieren. "Sie sollen die letzte Zeit genießen und nicht jeden Tag denken, wann ist es aus."

Mit Herz und Hirn

Wer die Ausbildung in Biedermannsdorf absolvieren will, braucht ein gutes Zeitmanagement, denn die Schule ist berufsbegleitend. "Eine gewisse Liebe zum Menschen, der in der Hierarchie ganz unten steht und keine Lobby hinter sich hat, muss man haben", sagt Manuela Miedler. Geeignet seien Menschen mit Herz und Hirn. 

Die Lehrerin weiß, dass sich nicht nur Junge für die Ausbildung zum Sozialfachbetreuer mit der Erweiterung Alten- oder Behindertenarbeit interessieren, sondern besonders auch Menschen, die im zweiten Bildungsweg etwas Soziales machen möchten. "Ganz wichtig ist, akzeptieren zu können, dass diese Menschen, zu denen man engen Kontakt zulässt, nicht mehr gesund werden, sondern sterben werden", so Miedler. Emotionale Intelligenz ist es also, womit Berufsanwärter besonders gut ausgestattet sein müssen. (Marietta Türk, derStandard.at, 23.5.2012)

Links

Der gesamte Film ist hier zu sehen: vimeo.com/40999089

SOB Biedermannsdorf: sob-bmdf.ac.at

  • Die Pflegeschülerinnen und -schüler üben mit Puppen, aber auch miteinander - etwa das Eincremen der Hände.
    foto: screenshot "in guten händen"

    Die Pflegeschülerinnen und -schüler üben mit Puppen, aber auch miteinander - etwa das Eincremen der Hände.

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