Zu Fuß durch Marokko und weiter nach Argentinien

22. Mai 2012, 12:21
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Nach einem Marokko-Abstecher flogen die zwei Weltwanderer aus der Steiermark von Spanien dann doch nach Argentinien. Grund: Die Begegnung mit einer netten Porteña

Warum zu Fuß nach Casablanca gehen? Warum nicht die spottgünstigen Verkehrsmittel nützen? Warum nicht 120 Dirham (rund 11 Euro) für die Busfahrt zahlen und in sechs Stunden am Ziel sein? Mitunter wollte das ein Reisender aus Kroatien wissen, den wir an unseren zweiten Tag in Marokko begegneten. Er selbst ist per Anhalter unterwegs und zwar schon ein halbes Jahr lang, denn lustigerweise ist er am selben Tag von Split aufgebrochen wie wir von Wien.

Am Strand von Tanger saßen wir lange zusammen und wurden über Fortbewegung in Marokko und sonstige Eigenheiten des Landes von dem erfahrenem Hitchhiker unterrichtet. Selbst können wir von Autostopp, Taxi- und Busfahren nur von außen berichten, denn auch in Marokko haben wir jeden Meter von Tanger-MED bis nach Casablanca zu Fuß zurückgelegt.

Carsharing auf Marokkanisch

Gleich auf der ersten Straße, der wir folgten, konnten wir mit Erstaunen feststellen, dass viele weitere Fußgänger am Fahrbahnrand unterwegs waren. Eigentlich hätten wir Grund gehabt, uns mehr als wohl unter den vielen Begleitern zu fühlen, wären da nicht unsere großen Rucksäcke und die hellen Haare, mit denen wir erst recht wieder auffielen und keinem Fahrzeuglenker entgingen.

Kein Wunder, dass uns in Marokko mehr als doppelt so oft Mitfahrgelegenheiten angeboten wurden als in allen anderen bisher bereisten Ländern zusammen. Wobei wir jene gegen Bezahlung nicht berücksichtigten und nur Angebote auf Grund von Interesse, Mitleid oder Gewohnheit zählen.

Vermutlich liegt es an der Bescheidenheit der Leute, dass es hier völlig selbstverständlich ist, per Anhalter zu fahren. Auch tägliche, regelmäßige Strecken werden so und zwar von Mitgliedern aller Bevölkerungsschichten zurückgelegt - ob Geschäftsmann, Schulkind oder Erntearbeiter. Auf jeden Fall resultiert daraus, dass kaum Fahrzeuge mit halber Besetzung oder gar nur Lenker alleine unterwegs sind. Im Gegenteil, die meisten Wägen sind mit sechs oder gar sieben Insassen übervoll. Was bei uns Carsharing heißt, geht auf marokkanischen Straßen wohl etwas einfacher und unkomplizierter.

Mehr als genug Verkehr und Verschmutzung

Bedauernswerterweise bedeutet die Situation in Marokko gar kein so viel geringeres Verkehrsaufkommen und schon gar nicht weniger Abgase oder Luftverschmutzung. Die Fahrzeuge sind meist uralte Schrottkisten und um Filter oder Katalysatoren kümmert sich hier wohl niemand. Das Schlimmste für uns sind aber große alte Trucks, die uns beim Vorbeifahren regelrecht vergiften, wenn wir nicht gerade den Atem anhalten.

In der Hauptstadt Rabat, wo wir uns etwas länger aufhielten, war der Smog deutlich zu sehen und die Luft in den Gassen teilweise erstickend. Ein Marokkaner erzählte uns von seinem Job, bei dem er nach Europa reist, Autos kauft und in seinem Land wieder verscherbelt. Man kann sich vorstellen, wie billig und alt die Fahrzeuge bei uns sein müssen, damit sich dieses Geschäft rentiert.

Ungeduld ist teuer

Wer also Zeit hat, kommt gratis voran, und nur wer es eilig hat, muss zahlen. Nimmt man sich zum Beispiel ein Taxi, so hat man die Möglichkeiten, entweder den Betrag für alle Sitzplätze zu bezahlen oder darauf zu warten, bis genug Fahrgäste und das nötige Geld beisammen sind. Meist dauert es aber nie lange, bis sich die alten Mercedes bummvoll auf die teils holprigen Straßen begeben.

Auch Autobusse verkehren überall mehr oder weniger regelmäßig. Doch scheint es, als müsse man schon recht erfahren sein, um bestenfalls einen Stehplatz darin zu ergattern, denn Busse in Marokko können nie voll genug sein. Als Kontrast dazu erinnern wir uns wieder an Gibraltar, wo bereits die Aufschrift "bus full" auf der Anzeige erscheint, sobald alle Sitzplätze besetzt sind und der Lenker demnach auch pflichtbewusst jede Haltestellen auslässt.

Pferdekutschen am Land

Fern von Großstädten wie Tanger, Rabat oder Casablanca ticken die Uhren noch etwas anders, Zeit scheint hier überhaupt keine Rolle zu spielen. Statt Taxis und Bussen verkehren in ländlichen Gegenden hauptsächlich Pferdekutschen als Transportmittel und in Kleinstädten sind motorisierte Dreiräder mit Ladeflächen und Wägen zum Schieben ebenso üblich.

In Anbetracht des lustigen Treibens auf, neben und an den Straßen in Stadtzentren fühlten wir uns in Marokko oft Jahrzehnte zurück versetzt. Etwa wenn Pferdekutschen mit Ladeflächen voller Leute vorbeikommen, Hirten langsam ihre Tiere durchs Land treiben und überall auf der Straße gehandelt wird.

Unzählige Male bekamen wir den zuckersüßen Minztee angeboten, unzählige Male wurden wir aufgefordert, wenigstens die Rucksäcke von einem Esel tragen zu lassen und ebenso oft winkten uns Leute auf ohnehin übervolle Anhänger oder in Linienbusse. Nicht selten kam es aber auch vor, dass Fahrzeuge noch langsamer unterwegs waren als wir, weil sie Schlaglöcher ausweichen und auch das Bankett benutzen mussten. In solchen Momenten fühlten wir uns besonders stark und lachten heimlich über die Fahrzeuge, die uns sonst so überlegen sind.

Der Sinn am Zufußgehen

Was es wirklich bedeutet, zufußzugehen, Hab und Gut bei sich zu haben und mit eigener Körperkraft große Distanzen zurückzulegen, lässt sich nicht vermitteln - das kann nur selbst erlebt werden. Wir lasen und hörten viel von großen Wanderern und ihren Reisen, allen voran Phillip Vallery und Gregor Sieböck, doch spüren wir erst jetzt, wie das Gehen einen auch verändert. Der stete Wechsel von Landschaft, Kultur, Menschen und Staaten lässt unsere Motivation niemals schwinden. Ebenso scheint die Ausrüstung der Belastung standzuhalten, denn nach etwa sieben Millionen Schritten sind die Waldviertler sowie auch unsere Sandalen immer noch erstaunlich gut beisammen.

Um noch die Anfangsfragen nach dem Sinn am Zufußgehen zu beantworten: Es ist die Leidenschaft, die uns vorantreibt, die Bewegung, die Langsamkeit und allen voran die Natur und das Draußensein. Wir haben in Marokko wunderschöne Landschaften gesehen, sind durch Wälder und Felder spaziert und lebten ausschließlich im Freien. Dabei haben wir von dem unglaublich vielfältigen Land, das Gebirge, Küste und Wüste zu bieten hat, nur einen winzigen Teil kennengelernt.

Aber wir sind durch Gegenden gekommen, die wir anders wohl nicht bereist hätten. Auch wenn diese nicht durchgehend die "besten" Marokkos waren, haben wir etwas erlebt, das uns viel wichtiger als alle Touristenattraktionen zusammen ist. Trotzdem bleibt noch viel Interessantes zu sehen, sodass wir irgendwann bestimmt zurückkehren werden.

Mit dem Flugzeug nach Südamerika

Zunächst aber steht wieder ein ganz anderer Erdteil am Programm. Es war letztendlich doch ein Flugzeug, das uns über den Atlantik und auf die andere Seite des Ozeans beförderte. Wir sind auch nicht in Nord- sondern in Südamerika gelandet, nicht in Toronto, New York oder Montreal, sondern in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Allzu genaue Planung ist echt nicht so unser Ding, aber wer braucht das bei so einer Reise schon? Und was spricht schon dagegen dort zu gehen, wo wir gerade wollen?

Jedenfalls konnten wir auch hier in Buenos Aires feststellen, wie außergewöhnlich günstig Transportkosten im Vergleich zu restlichen Preisen sind. Um eine gesamte Tagesetappe statt zu Fuß mit dem Bus zurückzulegen, würden wir mit zwei oder drei Pesos (30 bzw. 45 Cent) wohl kaum mehr als für einen Apfel bezahlen. Allerdings sind die Distanzen in Argentinien auch ganz andere als bei uns, denn das Land ist riesig und extrem weitläufig.

Städte sind oft hunderte Kilometer von einander entfernt und gewöhnliche Autofahrten dauern schnell mal an die sechs Stunden, wie uns unser Gastgeber erzählte. Er selbst ist in ein einem Ort 500 Kilometer westlich von Buenos Aires aufgewachsen, doch die Strecke verhält sich für ihn wohl wie die 170 Kilometer von Wien in unsere Heimatstadt Leoben.

Begegnung mit einer Porteña

Bereits in Spanien, als wir nach unserem Marokko-Abstecher ein nettes Mädchen aus Argentinien trafen, erfuhren wir, dass die Menschen in Lateinamerika Entfernungen etwas anders wahrnehmen. Wir wunderten uns, als wir sie irgendwo auf der Straße sahen. Sie ging eine ungewöhnlich weite Strecke in die nächste Stadt, anstatt wie die meisten anderen zu fahren. Für sie allerdings war es faszinierend, wie nah aneinander alles in Europa ist und welche Fülle an Möglichkeiten sich anbieten.

Allerdings fehlt es in dem dicht besiedelten und kulturell abwechslungsreichen Landstrich Europa womöglich wiederum eher an Wildnisgebieten und Freiräumen. Auf jeden Fall bestätigte uns die Begegnung mit der netten argentinischen Porteña (zu Deutsch: Städterin), dass die Entscheidung, nach Lateinamerika zu reisen, die richtige war - außerdem hat die Liebe uns Landstreicher zum Abschied umarmt. (Rowin Höfer/Marvin Fritz, derStandard.at, 22.5.2012)

  • Hirten sind wirklich überall in Marokko anzutreffen und wenn irgendwo Kühe, Schafe oder Ziegen grasen und kein Mensch zu sehen ist, liegt einer bestimmt irgendwo versteckt zwischen den Tieren im Gras.
    foto: rowin höfer

    Hirten sind wirklich überall in Marokko anzutreffen und wenn irgendwo Kühe, Schafe oder Ziegen grasen und kein Mensch zu sehen ist, liegt einer bestimmt irgendwo versteckt zwischen den Tieren im Gras.

  • Etwas abgetreten, aber verhältnismäßig recht gut schauen die Sohlen unserer veganen Waldviertler nach rund sieben Millionen Schritten aus.
    foto: rowin höfer

    Etwas abgetreten, aber verhältnismäßig recht gut schauen die Sohlen unserer veganen Waldviertler nach rund sieben Millionen Schritten aus.

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