Diversity Management: "Einfaltspinsel" für das Rote Kreuz

Leserkommentar22. Mai 2012, 11:22
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Das Rote Kreuz bekennt sich prinzipiell zur Vielfalt. Tatsächlich scheint es hier noch enormen Aufholbedarf in Sachen Wertschätzung zu geben

Unter dem Titel "Hinter den Kulissen der Vielfalt" konnten wir unlängst in einem Journal Panorma auf Ö1 erfahren, dass sich zunehmend mehr Organisationen und Unternehmen mit "Diversity Management" schmücken.

Diversity Management rückt Dimensionen wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit/Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung und Behinderung gezielt ins Zentrum der Aufmerksamkeit und versucht Strukturen zu bilden, die eine pro-aktive Verarbeitung dieser Vielfalt ermöglichen.

Die Vielfalt managen als Herausforderung

In dem Ö1-Beitrag kommt auch das Rote Kreuz zu Wort, welches zugibt, dass es nach wie vor Aufholbedarf in Sachen Respekt und Wertschätzung von und vor Vielfalt hat. Bereits 2007 wurde eine Arbeitsgruppe gegründet. Rund 50 Maßnahmen, berichtet der stellvertretende Gerschäftsführer, Werner Kerschbaum, wurden entwickelt. Experten rieten dazu, die interne Vielfalt zu durchleuchten. Der Manager betonte, er habe einen grundsätzlich sehr positiven Zugang zu Vielfalt, wenngleich diese oft auch eine Herausforderung darstelle. Vielfalt zu managen habe eben mit "Talentmanagement" zu tun, unabhängig von der Organisationsform. Diversity gehe grundsätzlich also alle an.

Tabugruppen bestehen weiter

Tatsächlich scheint es beim Roten Kreuz noch enormen Aufholbedarf in Sachen Wertschätzung zu geben. Auch im Jahr 2012 liest man auf der Website immer noch, wer und warum vom Blutspenden ausgenommen ist. Nach einem einmaligen HIV-Risiko-Verhalten kommen BlutspenderInnen noch glimpflich davon: nach dem Ereignis dann vier Monate Sperre. Bei Suchtgiftmissbrauch gibt sich das Rote Kreuz strikt: permanenter Ausschluss. Bestimmte Gruppen gehen einfach nicht. Ist ja auch in Ordnung.

Aber dann kommen wir zu "homosexuellen" Männern: "Männer, die Sex mit Männern hatten, werden von der Blutspende aufgrund eines signifikant höheren HIV-Infektionsrisikos ausgeschlossen. Grund dieses Ausschlusses ist das verbleibende Restrisiko bei der Diagnostik, das trotz modernster PCR-Testung nicht ausgeschlossen werden kann. Somit werden selbst homosexuelle Männer, die geschützten Verkehr praktizieren, von der Blutspende ausgeschlossen, weil das Kondom keinen 100-prozentigen Schutz vor Ansteckung bietet," (siehe auch www.roteskreuz.at).

Veränderungen der HIV-Risikogruppen

Eine kleine Lektion in Sachen Diversity an dieser Stelle: Männer, die Sex mit Männern haben, sind nicht gleich homosexuell. Nachdem es keinerlei statistisches Material zum Anteil von Homosexuellen an der Bevölkerung gibt bleibt die Behauptung, dass sie signifikant höher von HIV betroffen sind, bloß eine Behauptung. Und: Warum werden dann nicht einfach alle Menschen, die geschützten Verkehr praktizieren von der Blutspende ausgenommen, wenn das Kondom eh keinen 100-prozentigen Schutz bietet? Seit den 80er Jahren haben sich die HIV-Risikogruppen deutlich geändert, Informationen stellen die lokalen Aids-Hilfen sicher gern zur Verfügung.

Wirkliche Demütigung

Irgendwie kann es gar nicht anders sein, als dass die verantwortlichen Damen und Herren einfach nicht wissen, wie demütigend diese Formulierung tatsächlich ist. Wie sehr Sprache verletzen kann.

Diese pseudowissenschaftliche Herabwürdigung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, die an sich schon kein besonders hohes Ansehen genießt, ist unerträglich. Die Überreichung eines "Einfaltspinsels" für ihr Bild von Vielfalt hätte sich das Rote Kreuz mit dieser seit Jahren bestehenden unerhörten Diskriminierung alle mal verdient. (Norbert Pauser, derStandard.at, 22.5.2012)

Autor

Norbert Pauser ist Bildungswissenschafter und als Autor, Berater und Trainer im Bereich Diversity & Inclusion tätig.

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