"Die syrische Krankheit" ergreift den Libanon

Analyse21. Mai 2012, 19:13
49 Postings

Vermehrt Gewalt zwischen prosyrischen und antisyrischen Kräften - Todesopfer in Beirut und Tripoli

Beirut/Wien - Seit einer guten Woche passiert, was befürchtet wurde, seit der Konflikt in Syrien bürgerkriegsähnliche Züge angenommen hat: Die Gewalt greift auf den Libanon über, der selbst eine ethnisch-konfessionelle Bürgerkriegsgeschichte hat. Das Land scheint umso mehr ansteckungsgefährdet, als die Bruchlinien in der libanesischen Politik in den vergangenen Jahren - seit der Ermordung von Expremier Rafik al-Hariri 2005, die prosyrischen Kräften angelastet wird - scharf entlang der Einstellung zu Syrien laufen: für oder gegen Assad.

Meist werden diese zwei Seiten auf die Beschreibungen "sunnitisch" - die Kräfte um Hariris Sohn Saad Hariri - und "schiitisch" - die iranisch und syrisch gestützte Hisbollah - heruntergebrochen, mit Christen und Drusen in wechselnden Bündnissen herum gruppiert. Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigen gerade die Geschehnisse von Montagfrüh. Die Schlachten, denen in Beirut mehrere Menschen zum Opfer fielen, fanden zwischen Anhängern von Hariris "Zukunftsbewegung" und der "Arabischen Bewegung" statt, die aber ebenfalls von einem Sunniten geführt wird, dem Prosyrer Shaker Berjawi, einem früheren Alliierten Hariris (so wie es ja auch eine Legende ist, dass die Hariris immer antisyrisch waren).

PR-Problem

Die Gewalt war offenbar im Rahmen der Vorbereitungen für den 25. Mai ausgebrochen, an dem der israelische Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 gefeiert wird: Und das ist natürlich eine Agenda der prosyrischen Hisbollah. Diese ist zwar politisch stark: Die Regierung des (sunnitischen) Premiers Najib Mikati, der auf den gestürzten Hariri folgte, ist von ihr abhängig. Gleichzeitig hat sie aber nicht nur das Hariri-Lager gegen sich, sondern ganz allgemein ein PR-Problem, weil sie so treu zu Bashar al-Assad in Syrien steht, während viele Libanesen mit dem Aufstand sympathisieren. Wie natürlich auch Hariri es tut, der Freund der Saudis, der den iranischen Einfluss in Syrien und im Libanon brechen will.

Es ist ganz typisch für den Libanon, dass jede Gewaltepisode, die nun entlang der pro- und antisyrischen Linie ausbricht, einen anderen konkreten Hintergrund hat: So kam es am Sonntag an mehreren Orten zu Unruhen, nachdem Sheikh Ahmad Abdul Wahhab, ein bekannter antisyrischer Geistlicher, mit einem seiner Kollegen auf dem Weg zu einer Kundgebung getötet wurde: und zwar von einem Soldaten bei einem Armee-Checkpoint. Die Hintergründe sind noch unklar, am plausibelsten scheint, dass dem Soldaten die Nerven durchgingen. Aber die Reaktion war so stark, dass sich die Armee in ihre Kasernen zurückziehen musste, weil die Behörden fürchteten, ihre Präsenz würde die Unruhen noch befeuern.

Zwei Stadtviertel

Vergangene Woche waren hingegen in Tripoli Kämpfe zwischen dem vorwiegend sunnitischen Stadtviertel Bab al-Tabbaneh und dem vorwiegend alawitisch bewohnten Jabal Mohsen ausgebrochen. Es war nicht das erste Mal, bereits im Februar und vorigen Sommer gab es Gewalt mit mehreren Toten. In diesem Fall ist das konfessionelle Klischee erfüllt, dass die Alawiten zu Assad, der ja auch ihrer Sekte angehört, halten.

Und auf der anderen Seite die Sunniten, die manchmal Islamisten sind: Nach der Verhaftung von Shadi Mawlawi, einem Islamisten, der von den libanesischen Behörden terroristischer Aktivitäten verdächtigt wurde, gingen vorige Woche dessen Anhänger auf die Straße. Die Syrer behaupten ja, dass die bewaffneten Rebellengruppen in Syrien, bei denen auch radikale Islamisten mitmischen, Unterstützung, auch Waffen, aus dem Libanon bekommen.

Dass im Libanon sunnitische Gruppen jihadistischer Prägung zugange sind, ist kein Geheimnis: Sie finden besonders fruchtbaren Boden in den palästinensischen Flüchtlingslagern, die ja teilweise off limits für die libanesischen Behörden sind. Daran ändert auch nichts, dass die libanesische Armee 2007 am Lager Nahr al-Bared, das besonders stark Kaida-infiltriert war, ein Exempel statuierte. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 22.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Begräbnis des sunnitischen Geistlichen Ahmed Abdel Wahid. Die Straßenkämpfe waren ausgebrochen, nachdem Ahmed Abdel Wahid am Sonntag an einem Militärkontrollpunkt im Nordlibanon erschossen worden war. Der Scheich war ein bekannter Gegner des Assad-Regimes.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Anhänger der prosyrischen Arabischen Bewegung in Beirut, die in Kämpfe gegen die Hariri-Partei verwickelt war.

Share if you care.