Nato-Gipfel: Bündnis als Großbaustelle

Kommentar21. Mai 2012, 18:35
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In Brüssel wird gerade die neue Nato-Zentrale errichtet - die Baustelle steht musterhaft für den politischen Zustand der Allianz

Gleich neben dem Nato-Hauptquartier in Brüssel wird auf einer gewaltigen Baustelle gearbeitet. Dort entsteht auf 40 Hektar Fläche gerade die neue supermoderne Zentrale des Militärbündnisses. Sie soll den barackenartigen alten Komplex aus dem Jahr 1967 - mitten aus dem Kalten Krieg - in wenigen Jahren ersetzen.

Dieses Vorhaben steht musterhaft für den politischen und organisatorischen Zustand der Allianz, wie sie sich beim jüngsten Nato-Gipfel in Chicago präsentierte: eine sicherheitspolitische Großbaustelle. Den Bauträgern, Regierungen der Mitglieder, laufen die Kosten davon. Bei Teilprojekten gibt es Streit. Die eine oder andere Verzögerung wird sich kaum vermeiden lassen, vieles bleibt unklar.

Das gilt beim wichtigsten Thema - Abzug der internationalen Schutztruppe aus Afghanistan - ebenso wie beim Aufbau eines Raketenabwehrschildes oder beim gemeinsamen Ankauf von militärischem Gerät. Zu Afghanistan hat Frankreichs neuer Präsident François Hollande Extrawünsche durchgesetzt. Wladimir Putin, der Präsident des Nato-Partners Russland, war wegen des Raketenschild-Starts gar nicht erst nach Chicago gekommen. So konnte Präsident Barack Obamas Hoffnung nicht aufgehen, die Nato in seiner Heimatstadt Monate vor den US-Wahlen als große globale Sicherheitsgemeinschaft vorzeigen zu können - inklusive der Neutralen wie Österreich. Wenn Schulden drücken, sind ehrgeizige Vorhaben schwer zu realisieren. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 22.5.2012)

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