Ex-Bundesbanker wettert gegen den Euro

21. Mai 2012, 18:20
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Das neue Buch von Thilo Sarrazin sorgt für Wirbel. Der Ökonom und Bestsellerautor beklagt den Holocaust-Komplex vieler Deutscher

Das neue Buch von Thilo Sarrazin sorgt gleich bei Veröffentlichung für Wirbel. Der Ökonom und Bestsellerautor wettert diesmal gegen den Euro und beklagt den Holocaust-Komplex vieler Deutscher.

Wien - Quizfrage: Wie macht man aus einem nüchternen und sachlich geschriebenen Buch über die Eurokrise einen Bestseller? Antwort: Man baut eine kleine Passage über den Holocaust und deutsche Schuldgefühle ein und hofft, dass sich irgendjemand kräftig aufregt und so für Publicity sorgt.

Dem deutschen Ökonomen und Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin ist es mit seinem neuen Buch Europa braucht den Euro nicht wieder gelungen, bei Spiegel, Focus und Bild Schlagzeilen zu machen. Für Aufregung sorgte die Passage, in der Sarrazin SPD, Grünen und Linke, die für die Einführung von Euro-Bonds sind, vorwirft, sie seien "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin meinte daraufhin, man könne sich nur wundern, dass Sarrazin mit dieser offen rechten Ideologie noch immer Mitglied der SPD sein könne.

Doch abgesehen von dem Holocaust-Sager bietet Sarrazins Buch wenig Stoff für Aufregung. Die Kernthese des Ökonomen ist nämlich weder neu noch besonders originell. Sarrazin argumentiert, dass die Euroländer vom Euro nicht profitiert haben. Deutschland habe seine stabile D-Mark aufgegeben, ohne dafür irgendeinen politischen oder wirtschaftlichen Gegenwert zu erhalten. So ähnlich argumentieren Hans-Olaf Henkel, der Ex-Präsident des deutschen Industrieverbandes, und der streitbare Ökonom Hans-Werner Sinn bereits seit zwei Jahren.

Zum Beleg seiner Thesen führt Sarrazin jede Menge Statistiken an. Nicht alle sind dabei stichhaltig. So will Sarrazin die Schwäche des Euro etwa damit belegen, dass Großbritannien und Schweden in den vergangenen zehn Jahren schneller gewachsen sind als die Euroländer. Ob das nun am Euro oder an völlig anderen Faktoren lag, diskutiert er allerdings nicht.

Um zu belegen, dass selbst deutsche Unternehmer nichts von der Gemeinschaftswährung hatten, führt er Statistiken an, wonach die deutschen Exporte in Länder außerhalb der Eurozone viel stärker gestiegen sind als in die Euroländer.

Dass Sarrazin daraus schließt, der Euro habe den Handel gar nicht gestärkt, ist gewagt. Denn wer sagt, dass die Ausfuhren Deutschlands in die Euro-Länder ohne gemeinsame Währung nicht eingebrochen wären?

Zu den stärkeren Passagen des Buches zählen jene Teile, in denen der Ökonom die deutsche Verhandlungsposition bei der Euro-Einführung erklärt und aus seiner damaligen Zeit im Finanzministerium berichtet.

Das alles ergibt freilich noch keinen Kassenschlager, was auch Sarrazin weiß. Vor zwei Jahren sorgte er schon mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab für Wirbel. Seine damalig Kernthese: Deutschland werde immer "kleiner und dümmer", da die Deutschen immer weniger Kinder bekommen, während sich ungebildetere Migranten stärker vermehren. Das Buch verkaufte sich 1,5 Millionen Mal und kostete Sarrazin seinen Job in der Bundesbank. (Birgit Baumann, András Szigetvari, DER STANDARD, 21.5.2012)

  • SPD-Mitglied Thilo Sarrazin schrieb erst vor zwei Jahren seinen letzten 
Bestseller. Das Buch "Deutschland schafft sich ab" kostete ihn den Job 
in der Bundesbank.
    foto: joern haufe

    SPD-Mitglied Thilo Sarrazin schrieb erst vor zwei Jahren seinen letzten Bestseller. Das Buch "Deutschland schafft sich ab" kostete ihn den Job in der Bundesbank.

  • Thilo Sarrazin: "Europa braucht den Euro nicht". DVA 2012, 23,70 Euro.
    foto: dva

    Thilo Sarrazin: "Europa braucht den Euro nicht". DVA 2012, 23,70 Euro.

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