Famose Feuerklänge

21. Mai 2012, 17:20
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Tonkünstler im Musikverein, Londoner im Konzerthaus

Wien - Halbzeit: Seit drei Saisonen leitet Andrés Orozco-Estrada das Tonkünstler-Orchester, drei weitere folgen. Im Juni gibt es erste Gespräche des Orchestermanagements über eine Vertragsverlängerung mit dem Kolumbianer. Bei diesen kann er seine beachtlichen beruflichen Erfolge der letzten Jahre ins Treffen führen: erfolgreiche Dirigate bei den Wiener und Münchner Philharmonikern, beim Gewandhausorchester Leipzig, in Birmingham ... Schön, dass die Fähigkeiten dieses Künstlers früh genug erkannt wurden.

Schön auch die freudestrahlenden Gesichter der Orchestermusikerinnen und -musiker zum Ende des Sonntagskonzerts im Musikverein. Gerade hatte der Klangkörper Strawinskys (dritte) Feuervogel-Suite wortwörtlich zum Besten gegeben, wobei Orozco-Estrada und die Niederösterreicher mit großer Präzision das ganze Kaleidoskop der Stimmungen dieses Werks offerierten: impressionistischer Klangzauber, Glanz, motorische Wucht, elegische Schwermut. Beeindruckend auch der erste Teil: Daniel Hope hatte Bruchs 1. Violinkonzert kraftstrotzend bis zur Kratzbürstigkeit präsentiert, Orozco-Estrada zuvor eine von den interpretatorischen Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis dynamisierte, fein gezeichnete Haydn-Symphonie (Hob. I:59, Feuersymphonie) zu Gehör gegeben. Begeisterter Applaus, Zugabe, Freude allerorten.

Nach dem künstlerisch eher leichtgewichtigen Sonnyboy und Entertainer Kristjan Järvi ist Andrés Orozco-Estrada ein Dirigent, der künstlerische und zwischenmenschliche Kompetenz vereint. Ebendieser saß am Abend übrigens im Wiener Konzerthaus, wo der umtriebige und prominentere Kollege, Dirigent Valery Gergiev, mit dem London Symphony Orchestra delikat aufspielte. In einem Tschaikowsky/Strawinsky-Mischprogramm zeigte sich das Orchester als kompakter und vitaler Advokat der Flexibilität.

Litt Tschaikowskys Arie der Tatjana aus Eugen Onegin an der nur kraftstrotzenden Stimme von Sunyong Seo, so konnte sich dessen symphonische Fantasie Burja ungestört als klangsinnlich-flirrender Vorbote von Strawinskys Feuervogel-Ballett vorstellen, wo dann alles in Übermaß passte. Gergiev inszenierte dieses Orchesterfarbspiel als Wunder charaktervoller Episoden, bei denen das Maschinelle wie das Poetische, das Wuchtige wie das Akkordzauberhafte mit Präzision und nie abebbender Innenspannung zelebriert wurde. Famos. (end, tos, DER STANDARD, 22.5.2012)

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