"Nicht jedes Werk verstehe ich"

Interview21. Mai 2012, 18:04
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Der Sammler Eduard Pomeranz zeigt im Jüdischen Museum Wien hochkarätige Gegenwartskunst

Andrea Schurian sprach mit ihm über Wertesysteme und Emotionskäufe.

Betörend wie die Aussicht aus dem 11. Stock des Galaxy Tower auf Wien ist der Blick auf die Kunst an den Bürowänden von FTC Capital: Mitarbeiter des US-amerikanischen Künstlers Sol LeWitt haben eine Zeichnung direkt an die Wand gestrichelt. Mit einem Werk Sol LeWitts begründete der Hedgefonds-Manager Eduard Pomeranz 2007 auch seine Sammlung. Mittlerweile umfasst die von ihm und seiner Frau Jana gegründete Privatstiftung an die 200 hochkarätige Werke.

Das Jüdische Museum zeigt ab Donnerstag einen Großteil dieser Weltklasse-Sammlung: etwa Marina Ambramovic, John Armleder, Joseph Beuys, Jenny Holzer, Bruce Nauman, Markus Schinwald, Shikpa Gupta und Taryn Simon. Letztere wird derzeit mit einer Personale im New Yorker Moma gewürdigt. Für die Ausstellung im JMW musste sich Pomeranz eine seiner Leihgaben quasi zurückborgen.

STANDARD: Wie schafften Sie es rein vom Zeitaufwand, innerhalb von nur fünf Jahren eine so umfangreiche Sammlung aufzubauen?

Eduard Pomeranz: Das frage ich mich auch (lacht). Ich habe immer das Gefühl, ich muss noch so viel erledigen in meinem Leben. Und ich lerne schnell. Das ist einer meiner großen Vorteile. Wenn ich etwas mache, dann ordentlich. Das hat mit meiner Geschichte, meinem Background zu tun.

STANDARD: Inwiefern?

Pomeranz: Ich war immer von Menschen umgeben, die älter waren als ich und von denen ich viel lernte. Einer von ihnen, ein weiser Rabbiner, hat mir gesagt: "Ärzte operieren, Ingenieure bauen Brücken, Generäle führen Kriege. Wenn du dich immer mit Spezialisten umgibst, wirst du alles im Leben erreichen, was du dir vorstellen kannst." Das ist mein Leitmotiv geblieben: Umgib dich mit Experten, dann wirst du etwas erreichen. Daher habe ich von Anfang einen Kurator für meine Sammlung bestellt. Ami Baraks Job ist es, in der Weltgeschichte herumzufliegen und sich zu informieren.

STANDARD: Nach welchen Kriterien sammeln Sie?

Pomeranz: Ich sammle gute Kunst, aber keine aus Hochglanzmagazinen. Es gibt Künstler, die sind in der Kunstgeschichte verankert und vom Markt akzeptiert. Die kann ich mir nicht leisten. Manche sind Giganten der Kunstgeschichte, aber vom Markt noch unterbewertet: die kaufen wir. Und wir kaufen natürlich Werke junger aufsteigender Künstler.

STANDARD: Stimmt es: Sie haben für das Sammeln ein Computerprogramm entwickelt?

Pomeranz: Ich komme aus der Finanzbranche, wir managen das Geld nach systematischen Ansätzen mit Computerprogrammen. Die Mechanismen, die für den Finanzmarkt gelten, gelten auch für den Kunstmarkt. Viele der Parameter aus der Finanzindustrie können Sie auf Kunst umlegen. Deshalb habe ich ein Screening Programm entwickelt, das mir - als Vorselektion - die interessantesten Künstler auswirft. Selbstverständlich schauen wir dann, ob sie in die Sammlungszusammenhänge passen, wer die Künstler sind.

STANDARD: Wieviel Emotion ist im Spiel?

Pomeranz: Null.

STANDARD: Was dann?

Pomeranz: Unter Anführungszeichen: eine Laune. Die Außenwelt ist ein Spiegelbild unserer Innenwelt. Wir leben das Leben unserer Werte und Glaubenssätze. Viele Menschen kennen ihre Werte und Glaubenssätze nicht, aber das Unterbewusstsein handelt immer danach. Für mich ist der wichtigste Wert, zu wachsen. geistig zu wachsen. Das, was nicht wächst, degeneriert, davon bin ich überzeugt. Wachstum wird immer nur in Zusammenhang mit Wirtschaft gesehen, das meine ich nicht. Meinem Wertesystem entspricht es also, zu wachsen - und mich mit Menschen zu umgeben, die besser - und die anders sind als ich. Da spielt die zeitgenössische Kunst eine wichtige Rolle. Ich sage gern: Links von der Kunst ist nur mehr die Wand. Bei uns Wirtschaftstreibenden heißt es, rechts von uns sei nur mehr die Wand. Es ist interessant, sich mit diesen Gegenpolen zu umgeben.

STANDARD: Betrachten Sie Kunst auch als Wertanlage?

Pomeranz: Auch. Die ersten beiden Gründe habe ich ja schon genannt. Der dritte Grund ist, dass Künstler gegenüber dem Zeitgeist viel sensibler sind und ihn besser und eher spüren als wir Wirtschaftstreibenden. Und, last but not least, gibt es natürlich auch einen finanziellen Aspekt. Alles, was mir gehört, wurde mir ja nur zur Verwaltung übergeben, ich muss es für die nächste Generation erhalten, mehren und weitergeben. Ich kann also nicht einfach kaufen, was mir gefällt - ohne dass das Werk oder der Künstler die Aussicht hat, auch kunsthistorisch zu überleben, sich preislich gut zu entwickelt, anerkannt zu werden. Kunst, die ich kaufe, ist ja kein Dekorstück, das zur Couch passen soll.

STANDARD: Teilt Ihre Frau diese Herangehensweise?

Pomeranz: Sie würde kaufen, was ihr gefällt, ich nie. Ich frage immer: Hat der Künstler Potenzial? Welche Galerien vertreten ihn?

STANDARD: Ihre Sammlung ist inhaltlich breit gefächert - und akkurat kategorisiert: Historische Avantgarde, Konzept, Minimal Art, Performance, Post-Pop Art, Fluxus....

Pomeranz: Ich denke, wie gesagt, in Systemen. Es ist leichter, ein Werk dazuzukaufen, wenn man in -ismen und Kategorien denkt. Ich bin kein Kunsthistoriker, diese Kategorisierungen helfen mir, besser zu verstehen, was ich habe.

STANDARD: Sie sagen, beim Kauf spielen Emotionen keine Rolle. Aber wenn das Werk dann in der Sammlung ist, beschäftigen Sie sich intensiv damit?

Pomeranz: Natürlich! Das ist ja meine Art zu wachsen. Und, das sage ich Ihnen ganz offen: Nicht jedes Werk verstehe ich. Die Kunsthistoriker haben sich ja generell zum Ziel gesetzt, Texte zu schreiben, die kein Mensch versteht. Ich ich bin nicht nur einmal mit dem Lexikon dagesessen und habe Wörter nachgeschlagen und dann mitten im Satz vergessen, was am Anfang stand. Ich habe mir die Sätze dann in kleine Häppchen zerlegt und sozusagen übersetzt.

STANDARD: Wien im Fin de Siecle und in der Zwischenkriegszeit war geprägt von großbürgerlichen jüdischen Sammlern. Sehen Sie sich in deren Tradition?

Pomeranz: Ich würde mich gern in deren Tradition sehen, ja. Aber ich bin bescheiden genug, um in aller Demut zu sagen, dass ich mich nicht mit dem vergleichen kann, was einmal war. Aber selbstverständlich ist es auch ein Ansporn, eine Verpflichtung.

STANDARD: Zeigen Sie deshalb Ihre Sammlung im Jüdischen Museum?

Pomeranz: Ja. Es ist meine Art, Danke zu sagen. Ich fühle mich wohl in Wien, ich bin 1976 als Achtjähriger mit meinen Eltern aus Odessa als Immigrant hierhergekommen.

STANDARD: Sie wären ein großartiges Rolemodel für Herrn Kurz....

Pomeranz: ....Herrn Wer?

STANDARD: Staatssekretär Kurz ...

Pomeranz: Oje, da ist mir jetzt aber ein Fauxpas passiert (lacht).

STANDARD: Fühlen Sie sich in Österreich noch fremd?

Pomeranz: Gute Frage. Aber es geht gar nicht so sehr um das Fremdsein, sondern um das Anderssein. Das ist mein Thema. Die Moderne hat ja immer versucht, anders zu sein. Und so ist auch die Ausstellung konzipiert. Aber zurück zu Ihrer Frage: Fühle ich mich fremd hier? Nein. Wenn wir im Ausland sind, sage ich, wir fahren nach Hause. Nichts desto trotz sind in mir mehrere Welten, ich bin in der ehemaligen Sowjetunion geboren, die es heute gar nicht mehr gibt; aufgewachsen in Wien; und ich bin jüdischer Abstammung - es ist schon schwer, seinen Platz zu finden. Das Wort Heimat kenne ich nicht wirklich.

STANDARD: Die Ausstellung heißt nach einem Werk des Künstlerkollektivs Claire Fontaine "Fremde überall" - auch eine Zustandsbeschreibung für jüdisches Leben?

Pomeranz: Natürlich. Ich bin für Integration, nicht aber für Assimilation. Ich lebe in diesem Land, man hat ihm zu dienen, seine Gesetze zu respektieren. Aber ich weiß auch, wo ich herkomme. Meine Vergangenheit will und kann ich nicht verleugnen. Man sagt, es sei nicht wichtig, woher man kommt; wichtig sei, wohin man geht. Aber ich glaube, man wird nicht wissen, wohin man gehen soll, wenn man nicht weiß, woher man kommt. Die Wurzeln, die glaube ich schon zu haben.

STANDARD: Sind Sie gläubig?

Pomeranz: Ja, zu Hause wird koscher gekocht und gegessen. Die Kinder sind in eine streng religiöse Schule gegangen. Jetzt studiert mein ältester Sohn medizinische Genetik in London. Und mein jüngster Sohn wurde durch Zufall als Fußballtalent erkannt, er hat sogar schon Angebote von Real Madrid bekommen. Also hat er von der jüdischen in eine Fußballschule gewechselt - das zu akzeptieren war für mich zuerst nicht einfach. Aber zu Pessach kommen beide nach Hause, der Sedar-Abend wird gehalten. Sie sehen: wieder geht es auch um das Andere. Und das gefällt mir letztlich.

STANDARD: Auch zeitgenössische Kunst kann ein interessanter Widerspruch zu Religion sein.

Pomeranz: Das stimmt. Wir zeigen auch im Jüdischen Museum nicht ganz jugendfreie Kunst von Leigh Ledare. Da gab es durchaus Diskussionen, aber Ami Barak, der Kurator, hat gesagt, da lässt er sich nicht dreinreden.

STANDARD: Haben Sie auch daran gedacht, nur Kunst jüdischer Künstler zu kaufen?

Pomeranz: Am Beginn wollte ich in diese Richtung gehen. Aber das ist kein Kriterium, es geht nicht um jüdische, kroatische, russische oder österreichische Kunst, sondern um Qualität. Da ist es völlig egal, aus welchem Land der Künstler kommt. Kunst ist global.

STANDARD: Zwei wichtige österreichische Sammler, Karlheinz Essl und Herbert Liaunig, haben ihre eigenen Museen gebaut...

Pomeranz: ... danke, dass Sie mich mit zwei Industriellen vergleichen...

STANDARD: ... Planen Sie das auch?

Pomeranz: Ich sage immer, ein Museum zu bauen ist leichter, als es zu erhalten. Natürlich würde ich mir das wünschen, aber es ist im Augenblick nicht geplant. Eher denke ich an einen öffentlichen Raum, in dem Ausstellungen kuratiert werden. Ob es gleich ein Museum sein soll, weiß ich nicht.

STANDARD: Was gefällt Ihnen persönlich am besten, was ist das Lieblingswerk Ihrer Sammlung?

Pomeranz: Das ist eindeutig von Adrian Paci das Bild "Back home". Paci kommt ja aus Albanien und lebt in Italien. Im Bildhintergrund hat er, unglaublich realistisch, das Wohnzimmer seines Hauses in Albanien gemalt, davor, wie früher Adelsfamilien posiert haben, ein junges Ehepaar mit zwei Söhnen. Die alte Frau hinter ihnen scheint fast Teil der Tapete zu sein. Sie ist also Teil der alten Heimat. Man sagt ja, ein Stück von dir bleibt immer dort, von wo du gekommen bist. Und andererseits schicken Immigranten immer ihre Fotos nach Hause, um zu zeigen, dass es ihnen jetzt besser geht. Das ist ein so wunderbares Bild, an dem ich sehr hänge: weil ich das bin. (Andrea Schurian, STANDARD, Langfassung, 22.5.2012)

Eduard Pomeranz (42) emigrierte 1976 von Odessa nach Wien. 1995 gründete der Absolvent der Wirtschaftsuniversität und vierfache Vater die FTC Vermögensberatung. Seit 2007 sammelt er internationale Kunst.

www.jmw.at

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